Kunstaktion in Emden

Piks statt Pinsel

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Foto: Die Berliner Tatoo-Künstlerin Zoe Thorne wird in der Kunsthalle Emden die Haut von Besuchern mit Motiven des Malers Franz Marc oder der Schweizerin Miriam Cahn verzieren.

Emden - Die Kunsthalle Emden wird zum Tätowierstudio. Was wie eine verrückte Kunstaktion klingt, ist in Wirklichkeit Museumspädagogik. Auf diese Weise will das Haus jüngere Besucher ansprechen - und einen frischen Blick auf Kunst werfen.

Was macht sich besser – die „Blauen Fohlen“ von Franz Marc auf der Schulter oder Fabelwesen von Miriam Cahn am Fußgelenk? Die Kunsthalle Emden verspricht lebenslange Werke auf der Haut, kleine Einschränkung: nur für Leute ab 18. Gemeinsam mit der Berliner Tattookünstlerin Zoe Thorne hat das Museum die Aktion „Kunst, die unter die Haut geht“ vorbereitet. An drei Tagen (24. bis 26. August) wird ein Ausstellungsraum zum Tattoostudio umgebaut. Wer sich im Vorfeld bei der Künstlerin gemeldet hat, kann sich hier ein Werk aus der Museumssammlung stechen lassen. Jammern gilt dabei nicht. Beim Public-Piksen darf während der Behandlung zugeschaut werden.

Das Museum nennt die Aktion einen Brückenschlag zwischen Alltagskunst und musealen Schätzen, so entstehe ein ganz neuer Blick. Auch sollen Besucher angelockt werden, die sonst eher nicht in der Kunsthalle vorbeischauen. „Mal sehen, wie die Aktion ankommt“, sagt Museumssprecherin Ilka Erdwiens.

Über reichlich Aufmerksamkeit können sich die Macher schon jetzt freuen. Im sozialen Onlinenetzwerk Facebook sorgt das Vorhaben für rege Debatten. „Es gibt auch Kritik, dass wir einer solchen Aktion überhaupt Raum geben“, sagt Erdwiens. Insbesondere für einige Ältere hafte dem Tattoo immer noch etwas Anrüchiges an.

Was mögliche Regressansprüche angeht, da hat sich das Museum vorsichtshalber abgesichert. Diejenigen, die sich ein Tattoo stechen lassen wollen, machen vorher einen Vertrag mit der Künstlerin Thorne. Und weil auch Kunst selten kostenlos ist, müssen sie die dafür in den Studios üblichen Preise zahlen. Ein Dutzend Interessierte haben sich bereits gemeldet. Für Marcs Fohlen – die Ikone der Kunsthalle – wollte allerdings bislang niemand Haut zeigen. „Das ist schon so ein Mädchen-Tattoo“, sagt die 44-jährige Thorne. „Die Leute haben eher Interesse an etwas, das Bestand hat – etwas Erwachsenem.“

Schmetterlingsmotive oder chinesische Schriftzeichen sieht man häufig auf Haut. Kunst des 20. Jahrhunderts selten. „Ein Kunstwerk regt auch zum Nachdenken an“, meint Erdwiens. Und verbindet den Träger dann auch irgendwie lebenslang mit der Kunsthalle.

Doch nicht jedes Motiv macht sich gut als Tattoo. Die Künstlerin hat deshalb nur solche Werke ausgesucht, die sie inspirierten. Dafür wählte sie Ausschnitte und ordnete Bildelemente neu an. Auch darf der mutige Besucher vor dem Stechen noch Wünsche äußern. Der Anspruch, Menschen in die Kunst hautnah einzubeziehen, ist damit gelungen.

Die Emder mögen solche Mitmachktionen: Derzeit hat die Kunsthalle eine Straße in einem Emder Stadtteil mit Rollrasen auslegen lassen und für den Autoverkehr gesperrt. Auf der Rasenfläche sind Spielen und Picknicken ausdrücklich erwünscht.

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