Mordprozess gegen Paralympics-Star

Pistorius verwickelt sich in Widersprüche

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Die Familie ist immer dabei: Der des Mordes angeklagte Paralympics-Star Oscar Pistorius mit seiner Schwester Aimee im Gerichtssaal.

Pretoria - Fünf Tage lang musste Oskar Pistorius über die Nacht der tödlichen Schüsse auf seine Freundin aussagen. Im Kreuzverhör verwickelt sich der Angeklagte in Widersprüche.

Es hat seinen Grund, dass Gerrie Nel in südafrikanischen Justizkreisen den Spitznamen „Die Bulldogge“ trägt. Vor ein paar Jahren hatte der Staatsanwalt am obersten Gericht von Pretoria mit einem brutal hartnäckigen Kreuzverhör zur Verurteilung des damaligen südafrikanischen Polizeichefs Jackie Selebi beigetragen. Ähnlich hart attackierte Nel in dieser Woche den Sportstar Oscar Pistorius, dem er den Mord an seiner Freundin Reeva Steenkamp zur Last legt.

Der beinamputierte Profisportler spricht von einem Versehen und will seine Freundin irrtümlich für einen Einbrecher gehalten haben. Nel ist jedoch davon überzeugt, dass es vor der Tat zu einem heftigen, lautstarken Streit der beiden kam. Und er glaubt, dass Pistorius mit Vorsatz handelte, als er das Fotomodell am Valentinstag 2013 mit vier Schüssen durch die Toilettentür tötete, hinter der sich Steenkamp mit zwei Mobiltelefonen befand. Am Freitag setzte der Staatsanwalt sein Kreuzverhör fort. Und verwickelte den Paralympics-Star erstmals in Widersprüche. Pistorius gab zu, dass er seit der Tat unterschiedlich über Details wie das Ausschalten der Alarmanlage ausgesagt habe. „Ich habe einen Fehler gemacht, entschuldigung“, sagte der Sportler sichtlich aufgewühlt. Er musste sich gleich mehrmals für verwirrende Angaben entschuldigen - unter anderem über zwei Ventilatoren, die er in der Tatnacht vom Balkon geholt hatte.

Bereits in den Vortagen hatte Staatsanwalt Nel dem Sportler vorgeworfen, bei allem, was er täte, nur an sich zu denken. Er suche stets die Schuld bei anderen, übernehme keine Verantwortung für sein Handeln und zeige, wenn überhaupt, allein aus egoistischen Motiven ein wenig Reue. Während Pistorius’ Befindlichkeit immer wieder Thema sei, werde seine erschossene Freundin als eigenständige Person nur am Rande erwähnt. Nel wies zudem darauf hin, dass der Sportler sich seit der Tat nicht ein einziges Mal persönlich bei der Familie des Opfers gemeldet habe. Pistorius hatte dies damit begründet, dass Worte dafür nicht gereicht hätten.

Beobachter wie der Psychologe Leonard Carr finden es dennoch merkwürdig, dass Pistorius nicht auf die Eltern zugegangen ist. Ebenso merkwürdig sei, dass der Sportler gleich nach der Tat aus Imagegründen ein (inzwischen wieder aufgelöstes) PR-Team angeheuert habe. Zudem sei Pistorius, den sein Verteidiger im Gericht als empfindsamen Typen präsentiere, der an posttraumatischem Stress leide, inzwischen mit einer 19-Jährigen liiert.

Steenkamps Mutter, die dem Kreuzverhör in dieser Woche mit steinerner Mine folgte, erklärte im britischen „Daily Mirror“, dass die von Pistorius verlesene Entschuldigung sie nicht gerührt habe. Sie hätte vorher gewusst, dass er seine Zeugenaussage mit dem Statement beginnen würde. „Er hat sich sehr dramatisch gegeben mit all dem Würgen und Weinen. Aber ich weiß nicht, ob er nur schauspielert“, sagte sie. Für sie sei Pistorius vom Helden zum Teufel geworden: „Er hat ein aggressives Wesen und ist gewöhnt daran, ständig Bewunderer um sich zu haben.“

Der Staatsanwalt hatte in den vergangenen Tagen Kurznachrichten des Fotomodells an Pistorius verlesen, in denen sie sich „verängstigt“ über dessen Verhalten äußerte und über seine große Eifersucht klagte. Pistorius habe sie selbst vor Freunden immer wieder heruntergeputzt. Erstaunlich sind die Streitigkeiten für den Staatsanwalt anscheinend auch deshalb, weil sich das Paar zum Zeitpunkt der Tat kaum ein Vierteljahr kannte. Ebenso verblüfft zeigte sich Nel darüber, dass in den Kurznachrichten von Liebe nie die Rede gewesen sei.

Der Prozess soll am Montag fortgesetzt werden. Viele Experten glauben, dass die Zweifel an der Version von Pistorius durch das Kreuzverhör gewachsen sind. Sie verweisen darauf, dass es sich um einen Indizienprozess handelt, in dem Richterin Thokozile Masipa auch anhand der Glaubwürdigkeit des Angeklagten entscheiden muss, ob dieser seine Freundin vorsätzlich erschossen hat. Und gegenwärtig sieht es so aus, als ob die „Bulldogge“ sich ordentlich festgebissen hat.

Von Wolfgang Drechsler

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