Mordermittlungen gegen Pfleger

Polizei exhumiert erste Leichen

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Polizisten auf dem Friedhof von Ganderkesee.

Ganderkesee - Wegen der Mordermittlungen gegen den Ex-Krankenpfleger Niels H. hat die Polizei mit den Ausgrabungen der ersten Leichen begonnen. Die Sonderkommission ließ am Donnerstag auf einem Friedhof in Ganderkesee Gräber öffnen. H. hatte zugegeben, für den Tod von bis zu 30 Menschen verantwortlich zu sein.

Zahlreiche Polizisten sperren den kleinen Friedhof in Ganderkesee ab, damit keine Schaulustigen auf das Gelände kommen. Eine große blaue Plane schirmt einige Gräber ab. Dahinter sind die Konturen eines Baggers zu sehen. Eine Bestattungsfirma gräbt am Donnerstag die Leichen von zwei ehemaligen Patienten des Klinikums im benachbarten Delmenhorst aus. Sie könnten zu den Opfern des ehemaligen Krankenpflegers Niels H. gehören.

Der 38-Jährige ist bereits wegen des Todes von fünf Patienten zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Vor Gericht hatte er jedoch 90 Taten zwischen 2003 und 2005 gestanden. Bis zu 30 Opfer sollen gestorben sein. Bestätigen sich diese Angaben, könnte es sich um eine der größten Mordserien in Deutschland handeln. Eine Sonderkommission der Polizei arbeitet seit Monaten an der Aufklärung und prüft inzwischen mehr als 200 Verdachtsfälle.

Dafür lässt sie nun acht Leichen auf dem Friedhof in Ganderkesee, einem kleinen Ort westlich von Bremen, exhumieren. „Es sind mehrere Termine geplant“, sagt Soko-Sprecher Stephan Klatte. Der Grund: Die Ermittler wollen die Toten immer am selben Tag wieder unter die Erde bringen. Deshalb arbeiten alle unter Hochdruck. Nachdem die beiden ersten Leichen ausgegraben sind, bringt die Polizei sie in die Gerichtsmedizin.

Pathologen untersuchen die Überreste und entnehmen Gewebe, das Experten an der Medizinischen Hochschule in Hannover auf Rückstände eines Herzmedikaments untersuchen sollen. Dieses hatte der Pfleger seinen Opfern in einer Überdosis gespritzt und damit teils tödliche Komplikationen ausgelöst. Zeitgleich nimmt die Spurensicherung an mehreren Stellen im Grab Bodenproben, die die Experten ebenfalls toxikologisch auswerten werden.

„Die Leichen kommen noch am selben Tag wieder zurück und werden in einem neuen Sarg beerdigt“, erklärt Klatte. Eine Gärtnerei wird das Grab anschließend wieder bepflanzen. Die Familien der Toten sind nicht auf dem Friedhof dabei. Die Polizei hat ein ganzes Team von psychologisch geschulten Beamten und Seelsorgern zusammengestellt, das sich um die Angehörigen kümmert, wenn diese das wünschen.

Christian Marbach kann nur zu gut nachempfinden, was in den Familien vorgeht: „Es ist für sie ein schwerer Tag heute.“ Marbachs Großvater ist einer der fünf Patienten, für dessen Tod sich Niels H. bis vor kurzem vor Gericht verantworten musste. Auch die Leiche des alten Mannes hatten die Ermittler exhumieren lassen. „Die Nachricht war damals ein Schock für uns“, sagt Marbach. „Auf der einen Seite möchte man Gewissheit. Auf der anderen Seite ist es eine Störung der Totenruhe, was sich niemand für seine Angehörigen wünscht.“

Wann die Familien der acht Toten endlich Gewissheit haben werden, ist allerdings noch unklar. „Bis die Ergebnisse vorliegen, wird es noch einige Zeit dauern“, sagt Klatte. Vier weitere Exhumierungen sind bereits genehmigt - und wahrscheinlich werden es nicht die letzten sein. Die Soko rechnet deshalb damit, dass sie die mögliche Mordserie erst im nächsten Jahr vollständig aufgeklärt hat.

Von Irena Güttel/dpa

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