Unsicherheit der End-Zwanziger

Ein Porträt der Generation Krise

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„Die Krise, das ist auch eine Sache des Kopfes“: Hardy , Gründer der Bürogemeinschaft Edelstall (oben), Theaterwissenschaftlerin Julia und Webdesigner Michael gehören alle zu den „Zukunftssuchern“. Anastassakis/Scheffen/Finn

Hannover - Was ist schon sicher? Wer heute Ende 20 ist, lebt mit befristeten Verträgen, Niedriglohn und Zeitarbeit. Porträt einer prekären Altersklasse.

Ein leerstehendes Geschäft in einer abgewirtschafteten Fußgängerzone, gegenüber von einem Bauzaun. Man kann weit hineinsehen. Die Regale, die Verkaufstheke, alles das ist längst rausgeräumt. Geblieben sind: abgescheuertes Parkett, ausgeblichener Teppich, Abdrücke auf den Tapeten. Dieses Haus hat bessere Zeiten gesehen, wahrscheinlich wird es bald abgerissen. Aber von den drei Orten, an denen die 27-jährige Julia arbeitet, ist dies für sie der beste.

Hier, in den Räumen eines früheren Sanitätshauses in Hamburg-Altona, haben sie in den vergangenen Monaten das Theatertreffen „150% Made in Hamburg“, organisiert, das in der kommenden Woche beginnt. 22 Aufführungen an neun Orten, dazu eine Ausstellung, es war, sagt Julia, sehr viel Arbeit. Wann immer es ging, war die Hochschulabsolventin mit „cum laude“-Abschluss in den vergangenen Wochen hier. Also immer dann, wenn sie nicht gerade in der Online-Versandapotheke Medikamente in Pakete packte oder im Empfang einer Filmfirma Telefonate annahm. Ihr Lohn? Eine Aufwandsentschädigung, mehr nicht. „Aber dies hier“, sagt Julia und schaut auf die fast leeren Räume und den improvisierten Arbeitsplatz in der Ecke, „ist mein Ausgleich.“

Ein Ausgleich für das Gefühl, keine Verantwortung übernehmen zu dürfen. Ein Ausgleich für die Jobs, die sie mit Mühe und Not ernähren, aber nicht erfüllen. Ein Ausgleich für das Gefühl, dass vieles noch schwieriger ist, als sie es ohnehin schon befürchtet hatte.

Die 27-jährige Theaterwissenschaftlerin gehört zu einer Generation, von der zurzeit häufig die Rede ist, wenn auch eher indirekt. Wenn Ursula von der Leyen oder Sigmar Gabriel ihre Pläne für Mindest- oder Zuschussrenten vorstellen, dann geht es um sie. Und wenn Wissenschaftler vor der Altersarmut warnen, die künftig einmal sehr viele Rentner in Deutschland betreffen könnte, dann geht es eben auch um sie: um Julia und ihre Altersgenossen, die Menschen, die heute Ende 20 sind. Es gibt eine Reihe von Namen für diese Generation: „Generation Praktikum“. Oder: „Generation Selbstausbeutung“. Für wirklich passend hält der Berliner Sozialwissenschaftler Wolfgang Gründinger, selbst 28, jedoch nur eine Bezeichnung: die prekäre Generation. Die Generation, die vor allem eines kennt: die Unsicherheit. Befristete Verträge, Zeitarbeit und Niedriglohnjobs prägen ihren Alltag - fast jeder Dritte unter 35 ist davon betroffen. Leistung lohnt sich? Jeder hat eine faire Aufstiegschance? Die Rente ist sicher? Aus ihrer Sicht ist all das Illusion. „Der Glaube an eine sichere Rente ist genauso antiquiert wie das Tippen auf der Schreibmaschine“, schreibt Gründinger in seinem Buch „Wir Zukunftssucher“.

Noch nie war der Berufseinstieg für eine Studentengeneration so schwierig - so belegt es eine Studie im Auftrag des DGB. Auch beste Abschlüsse und höchste Qualifikationen helfen nicht unbedingt weiter. Julia will sich nicht als Opfer sehen, sie ist weit entfernt von jeder Jammerei. Sie erzählt von dem Angebot einer Werbeagentur, das sie ausgeschlagen hat. Sie will ihre Ziele nicht aufgeben. Noch nicht. Nicht wie eine Freundin, die inzwischen im Callcenter einer Bank arbeitet. „Ich bin ein grundoptimistischer Mensch“, sagt sie. Trotz allem.

Sie hofft auf eine Stelle in einer Stiftung, im Theater, irgendwo in der Kultur. Müsste das nicht möglich sein? Sie hat doch alles richtig gemacht. War flexibel, mobil, engagiert. „Ich habe nie meine Semesterferien verdaddelt.“ Auslandsstudium in Kopenhagen, Praktika in Berlin und Hannover, Abschluss mit Auszeichnung in Amsterdam, Mitarbeit bei großen Theaterfestivals auch im Ausland. Ein Jahr liegt ihr Abschluss zurück. 20 Mal hat sie sich beworben. „20 Mal, das klingt nach wenig“, sagt sie. „Aber wenn du jedes Mal ‘ne Klatsche kriegst, sind 20 eine ganze Menge.“

Julia ist jetzt wieder bei ihrer Mutter eingezogen. Sie kann dort wohnen, „zum Glück“, wie sie sagt. Sich in Hamburg eine eigene Wohnung zu leisten ist für sie unmöglich. Trotz der drei Jobs.

Was diese Generation eint, das sind ihre Möglichkeiten. Vielleicht hatten junge Menschen tatsächlich noch nie so viele Optionen. Offene Grenzen, billige Flüge, mailen und chatten rund um die Welt, es gibt eine Menge Türen, die ihnen sehr weit offenstehen. Einerseits. Andererseits ist da dieses ständige Gefühl von Krise.

Als 2008 die Lehman-Bank pleite ging, machte Hardy Seiler gerade ein Praktikum in einer Berliner Agentur. Er entwarf ein Plakat und schrieb „Die Weltwirtschaftskrise“ darauf. Dann strich er die Silben „wirt“ und „krise“ durch. Übrig blieb, mit orthographischer Toleranz, seine Überzeugung, oder jedenfalls seine Hoffnung: „Die Welt schafts.“ „Die Krise“, sagt Seiler, „das ist auch eine Sache des Kopfes.“ Wer an sie glaubt, soll das heißen, der hat schon verloren.

Seiler, 25 Jahre, trägt Mütze, enges graues Hemd über der beigefarbenen Hose, Sneaker. Wo er arbeitet, steht ein altes Turngerät im Flur, ein Kasten, darauf ein grünes Rennrad. Es gibt einen großen Raum mit langen Tischen, junge Menschen sitzen vor Bildschirmen, manche tragen Kopfhörer. Die Neonröhren sind ummäntelt von Sperrholzbrettern. Es ist alles sehr puristisch, sehr jung, auf eine schlichte Art chic. „Willkommen im Edelstall!“, sagt Seiler.

Den „Edelstall“, gelegen im dritten Stock des Backsteinhochhauses am Schwarzen Bären in Hannover-Linden, hat Seiler 2011 mitgegründet. Damals war ihm gerade aufgefallen, dass er zuhause abends noch im Schlafanzug am Computer arbeitete. „Manchmal war ich nicht mal gewaschen.“ Der „Edelstall“ ist ein Ort, wo sich Freiberufler einen Büroplatz mieten können - monatsweise, tageweise, stundenweise. Es ist ein Treffpunkt der jungen prekären Existenzen. Übersetzer sitzen hier, Texter, Gestalter, Programmierer. Die Idee kam aus Berlin. Inzwischen gibt es solche Plätze im ganzen Land, oft mehrere in jeder Stadt.

Seiler schwärmt von diesem Ort. „Wenn du nicht weiterweißt, hat vielleicht links oder rechts jemand eine Idee.“ Oder man gibt Aufträge weiter. Es gibt Bio-Äpfel für alle, Veranstaltungen mit bekannten Designern und eine Maschine, die auch Caffè Latte kann. Eine Kollegenschaft, nur dass hier jeder sein eigenes Unternehmen ist. Seiler hat den „Edelstall“ miterfunden, er hat für sein Krisenplakat einen wichtigen Designpreis gewonnen, man kann sagen: Er kommt mit der Krise ganz gut klar. Nur ist der „Edelstall“ auch kein Paradies. Es kommt vor, dass ein Platz am nächsten Tag einfach leer bleibt. Seiler kann dann nur vermuten warum. Weil der Projektvertrag ausgelaufen ist. Weil es keinen neuen Auftrag gibt. Solche Gründe sind es meist.

Oft hört diese Generation einen Vorwurf: Unpolitisch sei sie. Aber das ist ein Missverständnis. Was wie Desinteresse scheint, ist in Wirklichkeit Entfremdung. Michael Hüneburg entwickelt Webseiten, seit er zwölf ist. Früher, in Wolfsburg, war er in der Schülervertretung. Aber sich für eine Partei engagieren, sich festlegen auf ein Programm, wo die meisten doch nicht mal ansatzweise verstanden haben, wie er lebt und Geld verdient? Eine absurde Vorstellung. „Das Netz ist mein Job“, sagt er.

Der 24-Jährige mit Vollbart und weitem Tuch um den Hals gehört zu den wenigen Jungen, die von Krise nichts spüren. Vor drei Monaten hat er sein Studium geschmissen - weil er an der Hochschule nichts mehr lernte und sich zugleich die Aufträge bei ihm stapelten. In seinem Büro im Hinterhof der hannoverschen Neustadt arbeitet er für große deutsche Konzerne. Festanstellung? Für ihn uninteressant. „Ich verdiene jetzt viel mehr.“ Nur dass ihm Geld gar nicht so wichtig zu sein scheint. Vor dem Fenster lehnt ein betagtes Rad an der Mauer. Auto? Hat er nicht. Seine Vorstellung von Wohlstand? „Ab und zu mal essen gehen können.“

Was man bei ihm spürt, ist eine Euphorie der Selbstständigkeit. Eine Euphorie, die ihn auch über jede Unsicherheit hinwegträgt. Er hat gerade keine Krankenversicherung. „Ich weiß gar nicht, was passieren würde, wenn ich jetzt zum Arzt ginge.“ Zum Glück habe er ohnehin nur zweimal im Jahr seine obligatorische Erkältung, mehr nicht.

Es ist diese Begeisterung, die auch Simon Kondermann kennt. Nur ist sie eben auch immer ein gefährdetes Gut. Kondermann, 29 Jahre, ist Designer und Vater eines dreijährigen Sohnes. „Ich möchte mein eigenes Ding machen.“ Den Satz sagt er mehrmals. Im vergangenen Jahr lief das ganz gut. Er layoutete eine Zeitschrift, das sicherte ihm zwei Wochen Beschäftigung pro Monat. Aber das war eine Vertretung, der Job ist vorbei. Es ist nun enger für ihn. So eng jedenfalls, dass er gerade aus dem „Edelstall“ ausgezogen ist.

Kind, keine Altersvorsorge, eine ebenfalls selbstständige Freundin: Für viele wäre das eine Situation, in der sie sich mit aller Kraft um irgendeine Festanstellung bemühen würden. Kondermann nicht. Was ist denn, wenn du mit 50 irgendwo vor die Tür gesetzt wirst?, fragt er. „Das Prinzip Festanstellung mit dem Job bis zur Rente funktioniert sowieso nicht mehr.“ Sicherheit, so klingt er, gibt es nirgends. Und vielleicht ist es ja tatsächlich dort am gefährlichsten, wo es aussieht, als könnte man noch an sie glauben.

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