NS-Aufarbeitung

Prozess gegen Auschwitz-Aufseher möglich

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Auf den Schienen des Güterbahnhofes von Auschwitz-Birkenau kamen die Häftlingstransporte, vor allem Juden, an, für 70 bis 75 Prozent führte der Weg direkt in die Gaskammern.

Ludwigsburg - Die mühevollen Recherchen zu NS-Verbrechen lohnen immer noch. Ein neuer Prozess gegen einen Auschwitz-Aufseher scheint möglich. Die Wende gebracht hat das Urteil gegen den NS-Wachmann Demjanjuk

Fast 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs könnte es zwei weitere Prozesse gegen NS-Kriegsverbrecher geben. In Stuttgart entscheidet in Kürze die Staatsanwaltschaft über eine mögliche Anklage gegen Beschuldigte, die 1944 das toskanische Bergdorf Sant’ Anna di Stazzema überfallen und mehrere hundert Menschen umgebracht haben sollen. Eine Ermittlungsgruppe beim Landeskriminalamt befasst sich bereits seit zehn Jahren mit dem Fall.

Zudem hat die Zentrale Stelle im baden-württembergischen Ludwigsburg Ermittlungen zu einem Aufseher im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau abgeschlossen und an die Oberstaatsanwaltschaft Weiden in Bayern übergeben. Der 87-Jährige wird beschuldigt, 1944 zur Vergasung von mindestens 344 000 deportierten Menschen, mehrheitlich ungarischen Juden, wesentlich beigetragen zu haben. Die Zentrale Stelle wurde 1958 gegründet, um NS-Täter zu ermitteln und mit Hilfe der Staatsanwaltschaften vor Gericht zu bringen.

Der mutmaßliche NS-Verbrecher, der im Ausland lebt, habe spätestens von April 1944 an beim Absperren der Rampe, beim Wachdienst um das Lager und Dienst auf Wachtürmen im Lager Birkenau die Vernichtung von Menschen „gefördert“. Er habe einen „kausalen Beitrag zu den als Mord zu qualifizierenden Tötungsverbrechen geleistet“, heißt es in den Ermittlungsergebnissen der Zentralen Stelle weiter. Die Staatsanwaltschaft Weiden bestätigte den Eingang der Akten, ihre Prüfung werde mehrere Wochen dauern.

Der Fahndungserfolg ist nach Überzeugung des Leiters der Zentralen Stelle, Kurt Schrimm, auch dem Urteil gegen den KZ-Aufseher John Demjanjuk im Mai vergangenen Jahres zu verdanken. „Das Urteil des Landgerichts München war ein Dammbruch“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Denn zuvor seien die Ermittlungsbehörden davon ausgegangen, dass bei NS-Delikten für eine Verurteilung eine Individualschuld nachgewiesen werden müsse. Dies sei seitdem nicht mehr zwingend der Fall - denn für das Landgericht München reichte eine Tätigkeit in einem Vernichtungslager aus, um die Schuld eines Verdächtigten zu beweisen.

Die Zentrale Stelle habe sich nach dem Urteil alle im Sande verlaufenen Verfahren gegen noch lebende NS-Verbrecher nochmals vorgenommen. Dabei gehe es um Personal der Vernichtungslager Sobibor, Treblinka, Belzec, Kulmhof und Auschwitz, erläuterte Schrimm. Derzeit untersuchen die Fahnder in Ludwigsburg 20 Fälle.

Im toskanischen Sant’ Anna di Stazzema hatten deutsche Soldaten am 12. August 1944 ein Blutbad angerichtet. Sie vermuteten dort Partisanen oder deren Sympathisanten. Truppen der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ drangen in das Dorf ein, gingen schießend durch den Ort und ermordeten die Einwohner in Ställen, Höfen und auf dem Kirchplatz. Schätzungen gehen von bis zu 560 Toten aus.

Auch in diesem Fall hatte die Zentrale Stelle vorermittelt. Sie übergab ihre Ergebnisse bereits 2002 der Staatsanwaltschaft Stuttgart, weil Beschuldigte aus Baden-Württemberg kamen. Diese beauftragte die Ermittlungsgruppe „Nationalsozialistische Gewalt“ beim Landeskriminalamt (LKA) mit weiteren Recherchen. Da diese laut LKA „wahnsinnig umfangreich“ und „unwahrscheinlich aufwendig“ waren, wurden die Ergebnisse erst im Juni 2012 - also zehn Jahre später - den Staatsanwälten übergeben.

dpa

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