Emden

Prozess nach Mord an Lena beginnt

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Foto: Ein Passant steht im März 2012 vor dem Parkhaus in Emden und gedenkt der ermordeten Lena.

Emden - Der Mord an Lena in einem Parkhaus, Aufrufe zur Lynchjustiz und Ermittlungspannen - wochenlang stand Emden in den Schlagzeilen. Inzwischen ist etwas Ruhe eingekehrt. Doch das wird sich ab Montag ändern. Dann beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder der Elfjährigen.

Urlauber sonnen sich in den Straßencafés in der Emder Innenstadt. Kinder löffeln große Eisbecher. Tretboote kreisen auf dem Stadtgraben, erschöpfte Museumsbesucher entspannen auf der Wiese vor der Kunsthalle. Es sind Sommerferien. Doch in diesem Jahr können viele Emder die freien Tage nicht unbeschwert genießen. Vor knapp fünf Monaten wurde die elfjährige Lena ermordet - am helllichten Tag in einem Parkhaus mitten in der niedersächsischen Stadt. Wochenlang war Emden im Ausnahmezustand.

Das Verbrechen, die Hetze im Internet gegen einen ersten Verdächtigen, der sich später als unschuldig herausstellte und die Ermittlungspannen bei der Polizei schockierten nicht nur die Menschen in Ostfriesland. Inzwischen ist der Alltag in dem 50 000-Einwohner-Ort wieder eingekehrt. Doch wenn am Montag der Prozess gegen Lenas mutmaßlichen Mörder am Landgericht Aurich beginnt, werden die furchtbaren Ereignisse wieder hochkommen - und damit auch viele Fragen: Wieso starb Lena? Und hätte die Tat verhindert werden können? In dem Parkhaus zeugen keine Spuren mehr von der Tragödie, die sich dort am 24. März abspielte. Ein 18-Jähriger soll Lena in einem abgelegenen Treppenhaus vergewaltigt und dann getötet haben.

Den Mord hat er bei der Polizei gestanden, schweigt aber zu den Einzelheiten. Die Blumen und Kuscheltiere neben der Einfahrt sind längst verschwunden. Auch im Fitnessstudio nebenan ist der Mord kein Gesprächsthema mehr. Mehrmals die Woche trainiert Ilse Boes hier ihre Rückenmuskeln. Den Medienrummel nach der Tat, die große Anteilnahme der Bürger und deren Trauer hat sie hautnah miterlebt. "Es war schon heftig", erzählt die 57-Jährige. Bei ihr ist vor allem Fassungslosigkeit zurückgeblieben. "Man weist das immer so weit von sich: Hier passiert sowas nicht." Aber es ist passiert und damit müssen die Emder umgehen lernen. Einer, der ihnen dabei hilft, ist Pastor Manfred Meyer. Unermüdlich hat er die Fragen verunsicherter Eltern beantwortet, mit Lenas Mitschülern über den Tod gesprochen und mit Jugendlichen über den Umgang mit Facebook und dem Internet diskutiert. Der Mord habe die Menschen verändert, sagt er. "Zum positiven. Die Stadt ist näher zusammengerückt." Und das Mitgefühl nach wie vor hoch.

Der evangelische Pastor betreut Lenas Familie seit jenem entsetzlichen Abend, an dem ein Parkhauswächter die Leiche des Mädchens fand. Immer wieder erkundigen sich Bürger bei Meyer, wie es der Mutter, dem Stiefvater und dem Bruder gehe. Noch immer erhalten sie Beileidsbriefe und Spenden. Die Familie sei dafür sehr dankbar, sagt der 52-Jährige. "Ich erlebe jeden Tag wieder, wie ihnen das ein bisschen Halt gibt. Lenas Familie ist mittlerweile aus Emden weggezogen, lebt aber weiter in der Region. Trotz allem bleibt Ostfriesland ihre Heimat. "Für sie beginnt mit dem Prozess eine ganz schwere Zeit", sagt Meyer. Am ersten Prozesstag sollen die Mutter und der Stiefvater als Zeugen aussagen. Der Seelsorger wird sie bei diesem schmerzlichen Gang vor Gericht begleiten. Dort muss sich der Angeklagte auch wegen der versuchten Vergewaltigung an einer Joggerin verantworten, die wie Lenas Mutter in dem Prozess als Nebenklägerin auftritt.

Knapp 30 Kilometer liegt das Landgericht Aurich vom Tatort entfernt. Emdens Oberbürgermeister Bernd Bornemann hofft deshalb, dass seine Stadt diesmal vom Ansturm der Medien verschont bleibt. "Es ist etwas Abstand da. Aber natürlich wird der Prozess eine Menge wieder aufreißen." Bornemann glaubt dennoch fest daran, dass nach dem Urteil endgültig Normalität in Emden einkehren wird. Offene Fragen werden jedoch bleiben. Die pädophilen Neigungen des Angeklagten waren den Behörden lange bekannt. Trotzdem reagierten sie nicht entschlossen auf die Warnsignale. Die Disziplinarverfahren gegen acht Polizisten und die Ermittlungen gegen den Leiter einer Psychiatrie, in der der Verdächtige in Behandlung war, laufen noch. Im Prozess werden sie nach Angaben eines Gerichtssprechers aber keine Rolle spielen.

dpa

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