80-Jähriger Schütze nicht vernehmungsfähig

Prozess um toten 16-Jährigen unterbrochen

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Foto: Der 80-Jährige Angeklagte wurde von der Verteidigung für nicht verhandlungsfähig erklärt.

Stade - Durfte ein alter Mann auf Räuber schießen, die ihn in seinem Haus überfielen? Ein 16-jähriger flüchtender Einbrecher starb dabei. Nun steht der Rentner vor Gericht und wird von Weinkrämpfen geschüttelt. Ob und wie der Prozess weitergeht, ist noch völlig offen.

Mit den tödlichen Schüssen eines Rentners auf einen flüchtenden 16-jährigen Räuber muss sich seit Mittwoch das Landgericht Stade beschäftigen. Im Kern geht es dabei um die Frage, ob der Senior vor dreieinhalb Jahren in Notwehr handelte, als er bei einem Einbruch in sein Haus in Sittensen (Kreis Rotenburg/Wümme) einen der fliehenden Einbrecher von hinten erschoss. Noch bevor die Anklage verlesen wurde, wurde der Prozess direkt nach Beginn unterbrochen, weil die Verteidigung den angeklagten 80-Jährigen für nicht verhandlungsfähig hält. Darüber soll nun bis nächste Woche ein psychiatrischer Gutachter entscheiden.

Der Angeklagte wirkte beim Prozessauftakt sichtlich angeschlagen. Er stützte sich auf einen Stock und schützte sein Gesicht mit einem Aktenordner vor den Kameras, die auf ihn gerichtet waren. Bei der Erklärung seines Verteidigers brach er in einen Weinkrampf aus. Nach längerem juristischem Hin und Her wird dem 80-Jährigen von der Staatsanwaltschaft nun Totschlag vorgeworfen. Ein kurzfristig hinzugezogener Gutachter sagte am Mittwoch nach einer ersten Untersuchung, er könne noch nicht abschließend beurteilen, ob der Angeklagte den Belastungen der Verhandlung gewachsen sei.

Der Vorsitzende Richter erklärte, wenn dies nicht der Fall sei, werde der Prozess wie von der Verteidigung beantragt ausgesetzt. Nach der bisherigen Planung sollte das Verfahren eigentlich am kommenden Mittwoch fortgesetzt werden. Im freien Gespräch habe der Rentner keine Ausfälle gezeigt, sagte Psychiater Harald Schmidt. Komme aber das Geschehen während des Überfalls zur Sprache, drohe der 80-Jährige zusammenzubrechen und weine nur noch. Der Psychiater sagte auch, der Rentner habe ihm erzählt, er wäre froh, nicht mehr am Leben zu sein. Darum wolle er sich wegen seiner seelischen Leiden auch nicht behandeln lassen.

Die Angehörigen des getöteten Jugendlichen treten als Nebenkläger in dem Verfahren auf. Der Anwalt der Mutter des toten 16-Jährigen sagte, der Rentner sei vor ein bis zwei Monaten noch in der Lage gewesen, längere Autofahrten zu unternehmen und seinen Rasen zu mähen. Demgegenüber verwies der Verteidiger des 80-Jährigen darauf, dass sein Mandant bei dem Überfall ein Trauma erlitten habe. Eine Nebenklage-Vertreterin schlug vor, bei der eventuellen Fortsetzung des Verfahrens die Öffentlichkeit auszuschließen.

Die Staatsanwaltschaft hatte die Ermittlungen gegen den Senior 2011 zunächst eingestellt, weil sie davon ausging, dass er in Notwehr handelte. Dagegen hatte die Familie des Getöteten aber Beschwerde eingelegt. Die Staatsanwaltschaft klagte den Schützen daraufhin wegen Totschlags an, doch das Landgericht Stade lehnte die Eröffnung einer Hauptverhandlung ab. Die Angehörigen legten dagegen erneut Widerspruch ein und das Oberlandesgericht in Celle entschied schließlich: Es muss verhandelt werden, der Fall könne nicht nach Aktenlage beurteilt werden.

Für den Überfall waren die Komplizen des Erschossenen, junge Männer im Alter von knapp über 20, von einer anderen Strafkammer des Stader Landgerichts bereits zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Eine 21 Jahre alte Frau wurde wegen Anstiftung zu der Tat zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

dpa

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