Mafiaboss James Bulger hinter Gittern

„Ratatatata ...!“

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Foto: „Richter, Jury und gelegentlich Henker“: Der frühere Mafiaboss James „Whitey“ Bulger nach seiner Festnahme im Juni 2011. Ihm droht nach dem Schuldspruch lebenslange Haft.

New York - Der Bostoner Mafiaboss James Bulger, dessen Leben als Vorlage für den Film „Departed“ von Martin Scorsese diente, muss nun hinter Gitter.

Es gab wohl niemanden im Bostoner Gerichtssaal, der auch nur einen Funken Mitgefühl für James „Whitey“ Bulger aufbringen konnte, als ein Gerichtsdiener das Urteil verlas. Die Geschworenen plädierten am Montag auf schuldig in 31 von 33 Anklagepunkten. Mord in elf Fällen, Erpressung, Drogenhandel und Waffenbesitz – der 83-jährige einstige Mafiaboss dürfte den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen.

Eines seiner Opfer war der Vater von Chrissie Connor: 1975 hatte Bulger den vermeintlichen Polizeiinformanten in eine Telefonzelle gelockt – und ihn dort mit einer Maschinenpistole regelrecht niedergemäht. „Ratatatata ...!“, zischte seine Tochter jetzt, als Bulger an ihr vorbeigeführt wurde. „Gott sei Dank haben sie ihn endlich“, sagte die 79 Jahre alte June Berry. Jahrzehntelang hatte sie miterlebt, wie Bulger und seine Winter Hill Gang South Boston drangsalierten.

Der Schuldspruch ist das vorläufige Ende eines Prozesses, der sieben Wochen lang der fassungslos zuschauenden Nation den Atem stocken ließ. Die unfassbare Gewalt, die in Hunderten von Zeugenaussagen zutage trat, die grausame Welt der Mafiabandenkriege in den siebziger und achtziger Jahren, die im Bostoner Gericht noch einmal auflebte, ließ die USA den gesamten Sommer über gebannt an den Fernsehgeräten verharren.

Bulger war einer der letzten großen Mafiabosse, der sich noch auf freiem Fuß befand. Nach 16 Jahren auf der Flucht fasste ihn das FBI 2011 schließlich in Kalifornien. Dort lebte er mit seiner Lebensgefährtin als unauffälliges älteres Ehepaar in einer bescheidenen Wohnung. In einem Versteck in den Wänden fanden die Beamten 800.000 Dollar in bar und ein stattliches Arsenal an Handfeuerwaffen.

Bulger und seine Bande kontrollierten mit eiserner Hand South Boston. In dem Viertel, in dem viele irische Einwanderer lebten, war der weißhaarige Pate „Richter, Jury und gelegentlich Henker“, wie Staatsanwalt Fred Wyshak sagte. Bulgers Winter Hill Gang kontrollierte den Rauschgift- und Waffenhandel, hatte Wettbüros in der Hand, kassierte Schutzgeld und bestach die Polizei. Wer unbequem wurde, wurde aus dem Weg geräumt. Gnadenlos. 19 Morde in der Zeit von 1972 bis 2000 legte ihm die Anklage zur Last.

Als zwei Lebensgefährtinnen von Bandenkollegen drohten, James Bulger zu verraten, wurden sie erwürgt. Vom Boss persönlich. Nach getanem Werk, so berichtete seine einstige rechte Hand, Kevin Weeks, habe Bulger den Opfern oft persönlich die Zähne herausgebrochen und die Fingerkuppen abgeschnitten. Man sollte die Toten nicht identifizieren können. Nach den Taten habe sich Bulger oft schlafen gelegt. „Er war sehr entspannt“, sagte Weeks.

Bulger, ein FBI-Informant, dessen Leben die Vorlage für Jack Nicholsons Rolle in Martin Scorseses Mafiadrama „Departed – Unter Feinden“ von 2006 lieferte, zeigte während des Prozesses keine Reue. Während 70 Zeugen angehört und 840 Beweisstücke gesichtet wurden, starrte er mit gesenktem Kopf auf den Boden – wenn er nicht zeichnete oder sich Notizen machte. Nur gelegentlich zeigte er Regung. Etwa dann, wenn ehemalige Komplizen gegen ihn aussagten. Dann fauchte er unflätige Beschimpfungen. John Morris, der berichtete, wie während eines Maschinengewehrgefechts ein Unbeteiligter erschossen wurde, wurde von Bulger angezischt, er sei „ein gottverdammter Lügner“. Nur mit Mühe konnten die Ordner verhindern, dass es im Gerichtssaal zum Handgemenge kam.

Lebhaft ging es auch zu, als Bulgers langjährige Informantentätigkeit für das FBI verhandelt wurde. Die seinerzeit durch und durch korrupte Bundespolizei hielt viele Jahre ihre schützende Hand über Bulger. Obwohl das FBI von Erpressungen und Morden wusste, ließ die Behörde „Whitey“ gewähren – die Polizei warnte ihn sogar vor drohenden Razzien. Als Kevin Weeks seinen durchtriebenen Ex-Boss empört eine „Ratte“ nannte, sprang Bulger auf und schrie ihm ein herzhaftes „Fuck you!“ entgegen.

Bulger glaubte bis zuletzt, dass das FBI sich noch immer vor ihn stellen würde: Angeblich hätten ihm die Behörden Immunität zugesichert. Dies wies die Staatsanwaltschaft als erfunden zurück. Das Strafmaß soll am 13. November verkündet werden.

Sebastian Moll (mit: dpa)

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