Nach Jahrhundertunwetter

„Sandy“-Opfer leiden trotz Hilfe

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Foto: Durch den Hurrikan „Sandy“ wurden über 100 Gebäude in New York zerstört. Noch immer sind viele Bewohner ohne Strom.

New York - Nach dem verheerenden Wirbelsturm „Sandy“ ist eine riesige Welle der Hilfsbereitschaft angerollt – auch die Läufer des abgesagten New York Marathons halfen spontan mit. Trotzdem leiden die Betroffenen ohne Strom, Wasser und Licht weiter sehr. Sie fühlen sich vergessen.

Die Rufe der Zuschauer schallen durch den Central Park. „Lauft! Ihr könnt es schaffen! Lauft für New York!“ Der weltberühmte Marathon in der Millionenmetropole war wegen der verheerenden Auswirkungen des Wirbelsturms „Sandy“ abgesagt worden – aber so leicht lassen sich eingefleischte New Yorker nichts verbieten und eingefleischte Läufer schon gar nicht. Tausende Menschen aus aller Welt schnürten am Sonntag trotzdem ihre Schuhe und rannten auf einer improvisierten Strecke durch New York. „Wir laufen jetzt eben, um den Opfern zu helfen“, sagte ein Jogger. Manche waren mit Lebensmitteln und Decken bepackt und brachten diese joggend in die betroffenen Gegenden, andere sammelten Geld.

Viele Wahllokale haben keinen Strom und müssen verlegt werden.Die Welle der Hilfsbereitschaft ist riesig, nachdem große Teile der betroffenen Gebiete auch eine Woche nach der Katastrophennacht von „Sandy“ immer noch weit von der Alltagsnormalität entfernt sind. Fast zwei Millionen Menschen haben noch immer keine Elektrizität. In die sonst so imposante Skyline von Manhattan reißen die stromlosen Hochhäuser an der Südspitze nachts bedrückende schwarze Löcher. Auch Teile von Brooklyn wirken dann wie Geisterstädte.

Hin und wieder schimmert Kerzenschein oder Taschenlampenlicht aus einer Wohnung, an einigen Straßenkreuzungen hat die Polizei Lichtmasten aufgestellt. Ansonsten ist es dunkel, komplett dunkel. Riesige Wohnblocks sind plötzlich nur noch schwer zu sehen in der Dunkelheit der Nacht. Der Strom ist hier überirdisch an Masten verlegt, die Leitungen zu reparieren äußerst aufwendig. Überall dröhnen Pumpen, weil viele Häuser und Tunnel immer noch voll Wasser stehen und geleert werden müssen.

Auch die Benzin-Knappheit macht den Betroffenen weiter schwer zu schaffen. Viele Taxifahrer und Mietauto-Verleiher mussten ihre Wagen vorübergehend stilllegen. „Einmal habe ich drei Stunden auf Benzin gewartet, einmal vier“, sagte ein Taxifahrer. „Und dann war das Benzin auch noch rationiert, ich habe also bei weitem nicht so viel bekommen, wie ich wollte. Wie soll ich denn Geld verdienen, wenn ich immer nur in Schlangen vor der Tankstelle stehe?“

Weil öffentliche Verkehrsmittel nicht fahren, oder hoffnungslos überfüllt sind, brauchen viele New Yorker bis zu vier Stunden zur Arbeit. „Das ist ein Alptraum“, sagt eine Frau aus dem Stadtteil Queens. „Letztens bin ich zu Fuß über die Brücke nach Manhattan gelaufen, aber bei den eisigen Temperaturen morgens, ist das auch nicht schön.“ Bürgermeister Michael Bloomberg fuhr am Montagmorgen demonstrativ mit der U-Bahn zur Arbeit, um sich solidarisch zu zeigen.

Viele New Yorker loben Bloomberg für sein Krisenmanagement nach „Sandy“, andere werfen ihm die späte Marathon-Absage vor. Und gerade die Menschen in den besonders betroffenen Gebieten sind richtig wütend auf ihren Bürgermeister. Wie so oft hat auch dieser Sturm die Ärmsten der Armen am schlimmsten getroffen. InNew York sind das zum Beispiel die Menschen inRockaway Beach, einem kleinenViertel in Queens, wo viele Schäden auch eine Woche nach dem Sturm noch nicht beseitigt sind und der Strom vielerorts immer noch nicht fließt.

„Immer geht es nur um Manhattan“, sagte die dort lebende Nora McDermott der „New York Times“. „Hat es mich überrascht, dass dort der Strom in vielen Teilen schneller wieder da war? Nein! Aber es hat mich schon sehr geärgert.“ Sie lebten momentan wie „Höhlenmenschen“, sagt ihre Nachbarin Monique Arkward. „Wir fühlen uns vergessen.“

dpa

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