VW-Pendler aus Berlin übernachten in Wolfsburger Kaserne

Von der Schicht in die Mannschaftsstube

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Foto: 4,70 Euro je Nacht: Kasernenbetten für Berliner VW-Arbeiter.

Wolfsburg - Ungewöhnliche Unterbringung: Die Elbflut hat die ICE-Strecke Berlin–Wolfsburg zerstört. Nun müssen VW-Pendler aus dem Osten in eine Kaserne in Wolfsburg ziehen.

Buchstäblich im Regen stehen lassen einen die Wolfsburger eigentlich nie. Als in den fünfziger Jahren der VW-Käfer immer neue Produktionsrekorde brach, kamen jedes Mal mehr als 100.000 Gäste zu den mehrtägigen Feiern in die damals nur 30.000 Einwohner zählende Stadt. Riesige Zeltlager gaben Obdach.

Nach der Elbflut muss die Autostadt nun ein spezielles Unterbringungsproblem lösen: Wohin mit den etwa 800 Berlinern, die täglich mit der Bahn zur Arbeit einpendeln, dies aber nicht mehr können, weil die Wassermassen die ICE-Strecke so stark beschädigt haben, dass noch monatelang statt Hochgeschwindigkeitsverkehr nur Schleichfahrten möglich sind? Die Wolfsburger haben eine robuste Lösung gefunden: Eine frühere Kaserne der Bundeswehr im nahen Ehra-Lessien, die zufällig die fehlenden 800 Betten bietet.

„Wir konnten in letzter Sekunde verhindern, dass der Bund dort alles einstampft“, sagt Joachim Schingale, Leiter der Wolfsburg Wirtschaft und Marketing GmbH (WWMG), die nach dem Obdach gesucht hat. Komfort gibt es zwar nicht, dafür aber eine Minimiete: Das Offizierszimmer – Bett, Schrank, Stuhl, Tisch – kostet 13,50 Euro die Nacht, das Unteroffiziersquartier gibt es für sieben Euro, und wem ein Bett in Zimmern für Mannschaftsdienstgrade reicht, der zahlt nur 4,70 Euro. Vier Berliner haben laut Schingale bereits gebucht, weitere 30 Anfragen liegen auf seinem Tisch. Aber es dürften bald viel mehr werden, schließlich sind noch bis zum 5. August Werksferien in Wolfsburg. Und einen Shuttleverkehr zwischen Kaserne und Werk will das Nahverkehrsunternehmen Wolfsburger Verkehrs-GmbH auch einrichten. Der ein oder andere Pendler wird den vielleicht gar nicht benötigen, schließlich befindet sich in Ehra-Lessien auch die VW-Teststrecke.

Schingale ist froh, dass er auf das alte Militärgelände gestoßen ist, schließlich hatten sich andere Beherbergungsvarianten zerschlagen. Hotelboote hätten zwar etwas mehr Komfort geboten; „passen aber leider nicht unter den Brücken des Mittellandkanals hindurch“, sagt der WWMG-Chef. Und Wohnmobile, das ergaben die Recherchen recht schnell, waren in so großer Anzahl gar nicht verfügbar.

Von der Bahn hätte sich Wolfsburg übrigens etwas mehr Zuwendung gewünscht. Mit der Überflutung des Bahndamms bei Schönhausen (Elbe) in Sachsen-Anhalt wurde die Autostadt sofort komplett vom ICE-Verkehr abgehängt; auch aus Westen und Süden gibt es seit Mai nur noch Nahverkehrszüge. „Das ist in höchstem Maße ärgerlich“, sagt Klaus Mohrs (SPD), Oberbürgermeister der Stadt, und beschwerte sich bei der Bahn. Mit dem neuen Notfahrplan, der ab 29.  Juli gilt, soll nun wenigstens alle zwei Stunden wieder ein ICE aus Richtung Süddeutschland in Wolfsburg halten. Wenn der Lokführer den Stopp nicht wieder vergisst. Auch das haben die Wolfsburger schon erleben müssen.

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