Prozess um Hildesheimer Liste

Ist Schindlers Liste zu Recht in Israel?

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Mit einer ersten Anhörung hat am Mittwoch vor dem Bezirksgericht in Jerusalem der Prozess um Oskar Schindlers Hildesheimer Liste begonnen.

Hildesheim/Jerusalem - Mit einer ersten Anhörung hat am Mittwoch vor dem Bezirksgericht in Jerusalem der Prozess um Oskar Schindlers Hildesheimer Liste begonnen. Die Erbin von Schindlers Witwe Emilie hat die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem auf Herausgabe von Dokumenten verklagt, die 1997 auf einem Dachboden in Hildesheim entdeckt wurden.

Es ist bereits der zweite Prozess, den die Argentinierin Erika Rosenberg, Freundin und Biografin von Emilie Schindler, um die Dokumente führt. Schon 1999 versuchte sie – damals im Namen der noch lebenden Witwe – die „Stuttgarter Zeitung“ zur Herausgabe der Dokumente zu zwingen. Die waren allerdings bereits in Yad Vashem angekommen, in einem Vergleich sprach ein Stuttgarter Gericht Emilie Schindler aber 25 000 D-Mark zu.

Seither hat Rosenberg, von Emilie Schindler vor ihrem Tod 2001 als Erbin eingesetzt, immer wieder auf außergerichtlichem Wege versucht, die Verantwortlichen der Gedenkstätte dazu zu bewegen, ihr die Dokumente auszuhändigen. Ihre Argumentation: Diese seien nach Oskar Schindlers Tod 1974 Eigentum seiner Frau geworden und stünden nun ihr als deren Erbin zu. Rosenberg hat erklärt, die Klage gegen Yad Vashem schon aus Respekt vor der Institution sehr zu bedauern, aber keine andere Möglichkeit zu sehen, zu ihrem Recht zu kommen.

Yad Vashem wiederum hatte im Vorfeld vergeblich versucht, das Bezirksgericht zu einer Ablehnung der Klage zu bewegen. Die Anwälte der Gedenkstätte werfen Rosenberg vor, ihr gehe es vor allem ums Geld. So soll es eine E-Mail geben, in der Rosenberg anbietet, „unter vier Augen über einen Betrag zu reden“. Sie selbst betont allerdings, sie wolle die Dokumente einem deutschen Museum übergeben, weil das Emilie Schindlers Wunsch gewesen sei.

Tatsächlich ist der materielle Wert der Hildesheimer Dokumente wohl enorm. Eine vergleichbare Liste Schindlers wurde bei einer Auktion für gut 2 Millionen Euro versteigert, Experten taxieren die Papiere sogar auf bis zu 6 Millionen Euro. Auch die israelische Justiz muss sie für hochwertig halten: Die insgesamt fünf Bezirksgerichte des Landes sind erst ab einem Streitwert von umgerechnet gut 300 000 Euro zuständig.

Dazu werden sich die Richter in Schindlers Leben in den letzten Jahren vor seinem Tod vertiefen müssen – und besonders in seine Aufenthalte sowie seine Beziehungen in Hildesheim. Yad Vashem argumentiert, Schindler habe einem befreundeten Hildesheimer Ehepaar den Koffer schon zu Lebzeiten übergeben. Diese These wird weitgehend von einer heute 79-jährigen Zeitzeugin gestützt. Der Koffer sei bei Schindlers Tod in Hildesheim gewesen, und er habe gewollt, dass sein Inhalt nach Israel gelange.

Die Gedenkstätte Yad Vashem geht davon aus, anhand alter Schriftstücke Schindlers nachweisen zu können, dass sie sich zu Recht im Besitz der Liste befindet. Auf die Aussage der Zeitzeugin legt sie dennoch großen Wert. Das erfuhr Michael Fürst, Anwalt und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Hannover, bei einem Besuch in der Gedenkstätte. Fürst hatte sich mit der 79-Jährigen in Verbindung gesetzt und den Verantwortlichen in Yad Vashem ihre Bereitschaft übermittelt, als Zeugin aufzutreten.

„Man empfindet dort den Prozess zwar als nicht sehr bedrohlich, war aber trotzdem sehr erfreut und dankbar“, berichtete Fürst nach seiner Rückkehr. Allerdings wolle er prüfen, ob die Rentnerin auch eine eidesstattliche Versicherung abgeben könne – dann müsste sie nicht extra nach Israel fliegen. Zum Prozess selbst sagt Fürst, als Jurist wie als Vertreter der Jüdischen Gemeinde sei er überzeugt, dass Schindlers Liste in Yad Vashem am richtigen Ort sei.

Von Tarek Abu Ajamieh

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