Umstrittene Großinvestition in Wietze

Schlachthof wird Fall für die Justiz

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Abgeschottet wie ein Hochsicherheitstrakt: Der Geflügelschlachthof des Rothkötter-Konzerns in Wietze im Kreis Celle.

Wietze/Lüneburg - Es geht um Ammoniak und Lärm - und um Millionen Liter Wasser, die jährlich in die Aller gepumpt werden sollen: Das Verwaltungsgericht in Lüneburg verhandelt am Donnerstag über die Klage des Naturschutzbundes gegen den Geflügelschlachthof in Wietze.

Sie geben nicht auf. Noch immer protestieren die Mitglieder der Bürgerinitiative Wietze vor dem Schlachthof im Landkreis Celle, jeden Montag um 18 Uhr vor dem vier Meter hohen Zaun und den Sicherheitskameras. Dabei hat der derzeit wohl umstrittenste Neubau Niedersachsens schon vor Monaten den Betrieb aufgenommen. Rund 600 Menschen arbeiten inzwischen in zwei Schichten in dem Schlachthof des emsländischen Geflügelkonzerns Rothkötter, an sechs Tagen in der Woche. Es könnten einmal 1000 werden. Wenn der Betrieb seine volle Auslastung erreicht hat, sollen hier 2,6 Millionen Hähnchen pro Woche zerlegt werden. Der Schlachthof ist auf halbem Weg dahin.

Weil der Naturschutzbund Nabu gegen Europas größte Hähnchenschlachtanlage geklagt hat, versammeln sich die Schlachthofgegner heute einmal außer der Reihe vor dem Verwaltungsgericht in Lüneburg, ohne Plakate. „Das passt da nicht hin“, sagt die Sprecherin der Initiative, Gabriele Ruschmeier. Aus Sicht der Kläger ist der Schlachthof illegal errichtet worden. Es gibt angeblich keinen gültigen Bebauungsplan der Gemeinde Wietze. Außerdem sind die Umweltschützer unzufrieden mit den Auflagen des Gewerbeamtes zum Schutz der Bevölkerung vor Lärm, Keimen und Verkehr.

Auf 36 Seiten haben die Kläger ihre Argumente zusammengetragen. Sie rügen unzureichende Angaben zu Schadstoffen wie Ammoniak und befürchten die Verunreinigung der Aller durch Schlachtabwässer. „Das Ganze war nicht genehmigungsfähig. Nach Recht und Gesetz müsste der Betrieb untersagt werden“, sagt der Nabu-Geschäftsführer Ulrich Thüre. Der Bund für Umwelt und Naturschutz und die Bürgerinitiative Wietze unterstützen den juristischen Kampf gegen den „Schwarzbau“, wie Thüre den Schlachthof nennt.

Dass sie mit ihrer Klage vor dem kleinen Lüneburger Verwaltungsgericht Europas größte Schlachtanlage stoppen können, glauben die Kläger nicht ernsthaft. „Dicht werden die den Laden nicht machen“, schätzt BI-Sprecherin Ruschmeier. „Dafür stecken da zu viele Millionen dahinter.“ 70 Millionen Euro hat Rothkötter in den Bau investiert. Von der öffentlichen Hand wurde der Schlachthof mit 6,5 Millionen Euro subventioniert.

Aber die Kläger bauen darauf, dass die Richter dem Betrieb Grenzen setzen. „Die Frage ist, was machbar ist.“ Thüres Hoffnung lautet, dass das Gericht „an die technischen Geschichten rangeht“, also zum Beispiel leistungsfähigere Filter vorschreiben wird oder strengere Vorgaben zum Abwasser macht. Wenn der Schlachthof einmal seine volle Auslastung erreicht haben sollte, dürfen von dort jedes Jahr 962 Millionen Liter Schlachtwasser in die Aller geleitet werden - nachdem es vorher auf dem Schlachthof geklärt wurde. Trotzdem befürchten die Gegner eine Beeinträchtigung des Natura-2000-Schutzgebietes, durch das die Aller fließt.

Bei Rothkötter wollte sich auf Anfrage niemand zu der heutigen Verhandlung äußern. Das Unternehmen schweigt auch zu den weiteren Vorwürfen der Kritiker, die vor Gericht heute keine Rolle spielen: dass der Konzern etwa nicht genug Mäster im nahen Umkreis findet und daher angeblich Geflügel aus Dänemark importieren muss, um den Schlachthof auszulasten. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums in Hannover liegt der Anteil der Schlachthähnchen aus dem Nachbarland allerdings bei unter einem Prozent. Streit gibt es außerdem um die Entlohnung der Arbeiter. Der Grüne Christian Meyer spricht von einer „massiven Fehlinvestition des Landes“, da es 6,5 Millionen Euro an Subventionen gegeben habe „für schlecht bezahlte Arbeitskräfte“. Auch diesen Vorwurf weist das Land zurück: „Rothkötter verhält sich sehr ordentlich bei den Lohn- und Gehaltsstrukturen.“

Das Verwaltungsgericht hat einen Verhandlungstag angesetzt. Ob die Richter schon heute entscheiden, ist offen.

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