Niedersächsische Krankenhäuser

Wer schluckt wen?

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Geografisch auf dem Berg, wirtschaftlich im Tal: Das Ameos-Klinikum in Alfeld.

Hildesheim - Das Gerangel um drei Klinikstandorte im Raum Hildesheim zeigt beispielhaft, in welchem Dilemma kleine Krankenhäuser stecken. Alle drei Kliniken schrieben zuletzt rote Zahlen. Einem Vorschlag des Landes zufolge soll eine von ihnen geschlossen werden.

Im Raum Hildesheim pokern in diesem Sommer ein Schweizer Konzern, ein christlicher Orden und der Landkreis um drei Krankenhausstandorte. Alle drei Kliniken schrieben zuletzt rote Zahlen. Einem Vorschlag des Landes zufolge soll eine von ihnen geschlossen werden. Doch politisch ist die Lage vor Ort heikel. Der Fall ist symptomatisch für die Probleme gerade kleinerer Krankenhäuser in Niedersachsen, von denen ein Großteil derzeit Verluste einfährt.

Der Schweizer Ameos-Konzern hatte vor fünf Jahren das einst kommunale Krankenhaus in Alfeld übernommen. Doch der Plan, schnell in die Gewinn­zone zu kommen, ging nicht auf. Stattdessen verbuchten die Schweizer Jahr für Jahr Millionenverluste, zuletzt lag das Minus um die 5 Millionen Euro – bei einem Umsatz von 15 Millionen. Vergeblich versuchte Ameos, dem Land lukrative Psychosomatikbetten abzutrotzen. Und schickte schließlich nach mehreren fruchtlosen Geschäftsführerwechseln einen knallharten Sanierer ins Leinetal. Der kündigte rund 90 der einst 300 Beschäftigten, verringerte die Zahl der Betten und feuerte einen renommierten Chefarzt, weil der nicht mehr genug Operationen vorweisen konnte.

Die Stimmung im Ameos-Klinikum ist seither auf dem Nullpunkt. Betriebsrat und Gewerkschaft laufen Sturm gegen die Kürzungen. Dass Ameos mit Entlassungen und Auslagerungen – etwa von Reinigungsdienst und Technik – vor allem Maßnahmen ergriff, die andere Krankenhausträger schon seit Jahren umgesetzt haben, rettete das Klima nicht. Ohnehin hat Ameos im Raum Hildesheim ein Imageproblem. Der Konzern hatte einige Jahre zuvor das psychiatrische Landeskrankenhaus in der Domstadt übernommen – dort häuften sich zuletzt Vorwürfe von Mitarbeitern und Patienten, es herrsche akuter Personalmangel.

Ameos wollte zuschlagen

Im nahen Gronau betreibt der Johanniterorden seit mehr als 100 Jahren ein ähnlich großes Krankenhaus wie Ameos in Alfeld. Vor einem Jahr hätte er es fast aufgegeben: Auch hier wurden die Bilanzen immer schlechter, die Johanniter suchten einen Käufer. Ameos wollte zuschlagen – doch beide Seiten konnten sich nicht über Preis und Konzept einigen. Stattdessen rangen die Johanniter ihren Mitarbeitern einen freiwilligen Gehaltsverzicht von 13,9 Prozent für vier Jahre ab.

Der Landkreis Hildesheim wiederum betreibt in Diekholzen eine Fachklinik für Lungenkranke. Die genießt einen guten Ruf, rutschte zuletzt aber auch immer tiefer in die Verlustzone. Zudem hätte das Gebäude dringende Investitionen nötig, doch vom Land gibt es keine Zuschüsse – zu gering die Zahl der Patienten. Stattdessen schlägt das Sozialministerium jetzt ein großes Manöver vor: Die Lungenklinik soll ins Gronauer Krankenhaus integriert werden, letzteres soll dafür die Chirurgie und Teile der Inneren Medizin nach Alfeld abgeben. Das wäre auch im Sinne der Krankenkassen, die den Raum Hildesheim überversorgt sehen.

Doch während Johanniter und Ameos die Pläne begrüßen, ziert sich der Landkreis. Er will seine Lungenklinik zu Geld machen, 94 Prozent der Anteile an einen Investor verkaufen, der den Standort garantieren soll. In der rot-grünen Kreistagsmehrheit hadern die Politiker: Viele halten die Privatisierung von Kliniken für einen Irrweg und wollen das letzte Haus in kommunaler Hand unbedingt halten – andere argumentieren, eine Fachklinik zu betreiben sei keine Landkreisaufgabe. Die Belegschaft und der Ärztliche Leiter Dr. Michael Hamm halten eine Verlagerung nach Gronau für fachlich unsinnig. Die Nähe zu Strahlentherapie und Thoraxchirurgie im Hildesheimer Helios-Klinikum sei unabdingbar, ein Umzug nach Gronau würde die Hälfte der Patienten kosten.

Die Johanniter haben offenbar einen symbolischen Euro für die Übernahme geboten, wollen die Klinik in ihr Haus in Gronau integrieren. Und zusätzlich das Kommando in Alfeld übernehmen. Ein Träger für alle – diese Idee würde das Land begrüßen. Doch Ameos stellt sich quer. Vielmehr könne man sich vorstellen, Gronau zu übernehmen. Das aber ist für die Johanniter kein Thema. Bis zum Herbst hofft das Land jetzt auf eine Lösung mit allen Beteiligten.

Fusionen empfohlen

191 Kliniken sind in der niedersächsischen Krankenhausgesellschaft organisiert. Seit vergangenem Jahr führen Vertreter der Krankenhäuser, der Kommunalpolitik, des Krankenhausplanungsausschusses und der Beschäftigten sogenannte Regionalgespräche (siehe rote Kreise). In diesen Runden, die das Sozialministerium organisiert hat, wird nach Lösungen gesucht, um die Zukunft von möglichst vielen Kliniken in den einzelnen Regionen des Landes zu sichern. Auf Grundlage dieser Gespräche hat der Krankenhausplanungsausschuss Empfehlungen für das Landeskabinett erarbeitet.

So sollen im Kreis Wesermarsch die Krankenhäuser Nordenham und Brake fusionieren. Auch in Wilhelmshaven und Delmenhorst sollen Kliniken zusammengelegt werden. Wenn das Kabinett den Empfehlungen des Ausschusses zustimmt, was in der Regel geschieht, investiert das Land in diesem Jahr insgesamt 120 Millionen Euro in Niedersachsens Krankenhäuser.

Tarek Abu Ajamieh

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