Zum Tag des Kusses

Schmatz!

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- Klimts Kuss kennt jeder, doch selbst zur Tat zu schreiten, ist offenbar alles andere als üblich. Jeder Zehnte verteilt weder Bussis, noch Schmatzer oder Baisers. Ob der Tag des Kusses am Sonnabend das ändern kann?

Küsse schmecken nach Sommerbrise, nach Meersalz, oder – häufiger – nach Menthol. Der kühle Mentholgeschmack verdankt sich Bonbons, Mundwassern oder Kaugummis. Diese Mittel eroberten in den 1950er Jahren den europäischen Markt. Es war zugleich eine Hochphase des theatralischen öffentlichen Küssens auf Plätzen und Straßen in Rom, Paris oder Amsterdam. Als 1952 ein Kaugummi mit Mentholgeschmack auf den französischen Markt kam, wurde er wie selbstverständlich „Hollywood Chewing-Gum“ genannt. Die Plots für auratische French Kisses lieferte nämlich Hollywood in seiner Goldenen Phase.

Am Sonnabend ist Internationaler Tag des Kusses. Bis in die Gegenwart zehren unsere Küsse von Vorlagen wie „Vom Winde verweht“ oder „Verdammt in alle Ewigkeit“. Wenn Hollywood heute schmachtende Filmküsse kreiert, wie in der Verfilmung des Vampirmärchens „Twilight“, greift es stilistisch auf die Zeit zurück, als nur ein Minimum an Exzess und expliziter Erotik auf der Leinwand zugelassen war. Gerade bei Filmerotik ist weniger mehr.

Küssen muss gelernt werden

Das Küssen gehört zu den Globalisierungsgewinnern. Es breitet sich aus. Vor 200 Jahren gab es nach Anthropologenberichten noch viele weiße Flecken auf der Kusslandkarte. Asiaten, Afrikaner südlich des Äquators oder Indianer liebten einander lange Zeit, ohne das Küssen zu kennen. Anders als das Schnäbeln der Vögel und das Turteln der Tauben scheint das Schmusen kein Natur-, sondern ein Kulturphänomen zu sein, eine Mode.

Der 1975 geborene Essayist Alexandre Lacroix, Chefredakteur des französischen Philosophie Magazine, hat dem Mysterium feuchter Schmatzer, gieriger Zungenküsse und bebender Baisers eine lesenswerte Abhandlung gewidmet: „Kleiner Versuch über das Küssen“ (Matthes & Seitz, 2013, 176 Seiten, 16,90 Euro). Seine Frau hatte sich beklagt, zu selten von ihm geküsst zu werden. Daraufhin hat sich der Philosoph monatelang in Lektüre eingewühlt – und gelangte zur Einsicht, dass jedes Zeitalter seine eigenen Kuss-Rhetorik entwickelt.

Einen frühen Höhepunkt erlebte das Küssen in der Renaissance-Poesie. Ein jung gestorbener Humanist und Schürzenjäger, Johannes Secundus, feierte flüchtige, bebende Küsse, die junge Männer von den Lippen ihrer Angebeteten raubten wie Sperlinge Krümel trockenen Brotes. Umso erschreckter sie zurückzuckt, desto größer wird bei ihm die „sehnliche Flammenbegier“. Das aufgeklärte 18. Jahrhundert kannte bereits die Diskussion um vermeintlich natürliche, authentische Küsse (Jean-Jacques Rousseau in „Julie oder Die neue Heloise“), aber auch schon sämtliche Abgründe und Perversionen bis hin zum buchstäblichen Auffressen geliebter Lippen (Marquis de Sade).

Ungreifbar wie der Traum

In der Malerei war es Gustav Klimt, der dem Kuss schlechthin Gestalt gab. Dabei wird, anders als die meisten denken, in „Der Kuss“ (1908) gar nicht auf den Mund geküsst, sondern bloß auf die Wange. Die junge Frau auf dem Klimt-Gemälde beugt ihren Kopf nach links. Zwei Drittel der Menschen neigen hingegen einer Studie zufolge den Kopf nach rechts. Im Moment des Küssens legt sich ein Zauber über Liebende, die sie Zeit und Raum entrückt. „Die Dauer des Kusses ist genauso ungreifbar wie die des Traumes“, schreibt Lacroix.

In zeitliche Nebel gehüllt seien auch die Anfänge des Küssens. In der Antike finden Küsse selten Erwähnung. Die verbreitete These, das Küssen habe sich in grauer Vorzeit aus mütterlichem Nahrungsvorkauen entwickelt, ist kaum zu beweisen. Eher liegt ein Schlüssel im Brustnuckeln des Säuglings – psychoanalytische Erklärungen gehen in diese Richtung. Der Ansicht, Küssen sei etwas Naturgegebenes, widerspricht, dass die Praxis nicht universell ist. In Lappland und bei den Jakuten Sibiriens reibt man angeblich lieber die Nasen an die Wangen geliebter Personen (Riechkuss). Bei japanischen Schulkindern ist jüngst die Sitte eingerissen, einander die Augäpfel zu lecken. Forscher sind ratlos, woher das kommen mag.

Jeder zehnte küsst gar nicht

Für den Franzosen Lacroix, der eingesteht, kein besonders guter Zungenküsser zu sein, ist hingegen das Küssen der wichtigste Beziehungsgradmesser, aussagekräftiger als der Geschlechtsverkehr. Wenn sich ein Paar nicht oder nur noch selten küsse, sei die Trennung nicht fern. Ein besonderer Liebesbeweis ist es für Lacroix, frühmorgens die Ehefrau auf den Mund zu küssen, auch wenn dieser „einen Hauch von Camembert und alter Wäsche verströmt“. Offenbar hat es der Autor durch seine exzessive Lektüre geschafft, dass Kussleben zu verbessern.Auf jeden Fall ist er nach wie vor verheiratet.

Jeder zehnte Mensch aber küsst heutzutage nach Schätzungen gar nicht. Die Kussdichte weist regional starke Unterschiede auf. Während Koreaner ihren Ehefrauen täglich durchschnittlich ein Viertelküsschen geben, kommen Franzosen immerhin auf sieben Küsse pro Tag.

Die Deutschen sind beim Küssen gut dabei: „So oft es geht – also mehrmals am Tag“ wollen nach einer Umfrage gut 55 Prozent der 14- bis 39-Jährigen knutschen und sogar 58 Prozent der 40- bis 59-Jährigen. Die Menthol-Wässerchen-Hersteller freut es. Und da Liebe eine Sache des sich Riechen-Könnens ist, wie ein Werbespruch besagt, gibt es inzwischen sogar Mundwasser für Haustiere – gegen Maulgeruch.

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