Umstrittenes Sturmgewehr der Bundeswehr

Schneller Ersatz für G36 ist unwahrscheinlich

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Foto: Das Bundeswehr-Sturmgewehr G36 bleibt weiterhin umstritten. Die Untersuchungen dauern an.

Berlin - Die Bundeswehr hat in Afghanistan mit Gewehren gekämpft, die "nicht in vollem Umfang einsatzreif" sind. Das meinen jedenfalls die vom Verteidigungsministerium beauftragten Gutachter. Was soll mit den 167000 Sturmgewehren vom Typ G36 jetzt passieren?

Trotz der Präzisionsprobleme beim Sturmgewehr G36 ist eine schneller Ersatz unwahrscheinlich. Die notwendigen Tests und Vergaberichtlinien machen die kurzfristige Anschaffung einer neuen Standardwaffe nach Auffassung des für Ausrüstung zuständigen Bundesamts unmöglich. „Insofern ist eine mehrjährige Übergangslösung unter Rückgriff auf die in der Bundeswehr eingeführten Waffen erforderlich“, heißt es in einer Stellungnahme des Amts aus dem vertraulichen G36-Expertengutachten für das Verteidigungsministerium.

Eine komplette Ausmusterung der Gewehre würde maximal zehn Jahre dauern. Die Behörde empfiehlt daher, die Nutzungsdauer für das G36 über 2016 hinaus zu verlängern und auch Geld in die Instandhaltung zu stecken. Das Planungsamt der Bundeswehr fordert in dem Gutachten dagegen eine kurzfristige Anschaffung neuer Gewehre zumindest für den Einsatz als Übergangslösung.

Die Präzisionsprobleme sind nach der Untersuchung größer als vermutet. Bei einer Temperaturveränderung um 30 Grad wurde durchschnittlich nur noch eine Trefferquote von 30 Prozent gemessen, wobei es in den unterschiedlichen Temperaturbereichen Unterschiede gab. So sank Trefferquote bei einer Veränderung von 15 auf 45 Grad sogar auf 7 Prozent. Gefordert werden von der Bundeswehr 90 Prozent. Vergleichstest hätten gezeigt, dass „deutlich bessere Ergebnisse sehr nahe an der geforderten Treffwahrscheinlichkeit von 90% technisch möglich sind“, heißt es in dem Gutachten.

Selbst die ersten Schüsse treffen nicht

„Das bedeutet für den Soldaten im Einsatz, dass der Gegner selbst mit den ersten Schüssen nicht gezielt getroffen werden kann“, schreiben die Experten aus dem Planungsamt in dem 372 Seiten starken Gutachten, das der Deutschen Presse-Agentur in Auszügen vorliegt. Die Befunde für Dauerfeuer sind ähnlich deutlich. Schon nach Verschießen von zwei Magazinen (jeweils 30 Schuss) könne die Waffe den Gegner nicht mehr zuverlässig treffen.

Das Urteil der Bundeswehr-Prüfer: „Die Waffe ist für den Einsatz nur eingeschränkt tauglich und daher nicht in vollem Umfang einsatzreif.“ Es gebe damit „eine erhebliche Fähigkeitslücke ... , die im Sinne der Überlebens- und Durchhaltefähigkeit sowie der Wirksamkeit im Einsatz schnellstmöglich geschlossen werden muss“.

Probleme seit 2011 bekannt

Zweifel an der Treffsicherheit des G36 waren dem Verteidigungsministerium mindestens seit November 2011 bekannt. Es wurden aber kaum Konsequenzen gezogen. Das am Freitag vorgelegte Gutachten gab Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) im Juli 2014 in Auftrag. Sie wusste von den wesentlichen Ergebnissen bereits Ende März und hatte sich danach vorbehalten, die rund 167.000 G36-Gewehre in den Beständen der Bundeswehr komplett auszumustern. Der Hersteller Heckler & Koch weist die Vorwürfe zurück und wirft dem Ministerium Rufschädigung vor. Beide Seiten behalten sich Schadensersatzklagen vor.

Die Opposition warf von der Leyen vor, in der Affäre zu lange gezögert zu haben. „Die Ministerin ist vielleicht keine Sachverständige für Gewehre, aber sie ist immerhin die Ministerin und sollte ihren Laden im Griff haben“, sagte Linken-Rüstungsexperte Jan van Aken.

Ähnlich äußerte sich die Grünen-Verteidigungspolitikerin Agnieszka Brugger: „Ursula von der Leyen hat dabei versagt, ihre wohlklingenden Versprechen wahr zu machen. Als beim G36 konkrete Taten gefordert waren, ging auch unter Ursula von der Leyen das Verschleiern nahezu ungebrochen weiter.“

dpa

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