Verkehrserziehung

Schockbilder sollen junge Raser bremsen

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Alle sieben Minuten verunglückt in Deutschland statistisch gesehen ein junger Mensch zwischen 18 und 24 Jahren im Straßenverkehr und wird dabei verletzt.

Schwerin - Zu sehen sind blutige Unfallopfer und Leichen auf der Straße. Die schockierenden Fotos sollen junge Menschen abschrecken und zugleich für Gefahren im Straßenverkehr sensibilisieren. Das Projekt „Crash Kurs“ läuft nun in einem zweiten Bundesland an.

„Klaus wollte nur abbiegen, konnte sein Motorrad nicht halten und rutschte unter einen Lastwagen. Aber das merkte er nicht mehr.“ 240 junge Leute verfolgen in der Aula einer Schweriner Berufsschule schweigend eine Diashow. Gezeigt werden Polizeifotos schwerer Unfälle in Mecklenburg-Vorpommern. Texte in der Länge einer SMS erklären, was passiert ist. Eine Aufnahme zeigt Klaus, wie er in schwarzer Montur auf der Straße liegt, über ihm eine weiße Plane. Eindringliche Musik untermalt die Bilder.

Auf schockierende Fotos und mindestens ebenso erschütternde Erlebnisberichte von Ärzten, Polizisten, Feuerwehrleuten und Seelsorgern setzt das Verkehrserziehungsprojekt „Crash Kurs - Tatsachen ungeschönt. Hautnah.“. 2010 begann es in Nordrhein-Westfalen, am Mittwoch hatte es in Mecklenburg-Vorpommern Premiere. Zielgruppe sind 16- bis 24-Jährige.

Alle sieben Minuten verunglückt in Deutschland statistisch gesehen ein junger Mensch zwischen 18 und 24 Jahren im Straßenverkehr und wird dabei verletzt. Alle zwölf Stunden kommt einer ums Leben.

Allein in Mecklenburg-Vorpommern waren es im vergangenen Jahr zwölf Tote in dieser Altersgruppe, wie Innenminister Lorenz Caffier (CDU) sagt. Junge Leute seien doppelt so häufig an Unfällen beteiligt wie ihr Anteil an der Bevölkerung vermuten ließe. Eine häufige Ursache sei Selbstüberschätzung, gepaart mit fehlender Erfahrung.

Die Geschichten über Blut, Tod und Schmerzen sollen nach Angaben der Verkehrssicherheitskommission des Landes den Jugendlichen verdeutlichen, dass sie selbst verletzlich sind. Und zu welchem Leid riskantes Verhalten im Straßenverkehr führen kann. Das Projekt wandele auf einem Grat zwischen heilsamem Schock und zu viel Härte.

Uwe Ganz aus dem Düsseldorfer Innenministerium zieht eine positive Zwischenbilanz des dortigen Projekts, das wissenschaftlich begleitet wird. Die Jugendlichen erinnerten sich noch ein halbes Jahr nach den Veranstaltungen an die Kernaussagen, berichtet er in Schwerin. Allerdings sei man bei der Auswahl der Bilder „softer“ geworden. „Eine zerrissene Kette kann mehr sagen als ein abgerissenes Bein.“ Zu harte Bilder könnten dazu führen, dass manche Zuschauer für die Botschaft nicht mehr erreichbar sind.

Diese Erfahrung machen die Veranstalter auch in Schwerin: Als der Rostocker Notfallmediziner Gernot Rücker von der schwerstverletzten Niki erzählt, die mit ihrem Auto bei Tempo 130 gegen einen Baum geprallt war, verlassen einige Mädchen weinend den Saal. Die 22-jährige Niki kämpfte sich mühsam ins Leben zurück, ein Bein ist heute sechs Zentimeter kürzer als das andere.

Schockbilder werden in einigen Ländern bereits zur Warnung vor Tabakkonsum eingesetzt, etwa in Australien und Kanada. Untersuchungen dort hätten gezeigt, dass solche Bilder wirksamer seien als Aufschriften auf den Zigarettenpackungen, sagt der Rostocker Psychologie-Professor Olaf Reis. Ob das auch bei Unfallfotos so funktioniere, wisse er allerdings nicht.

dpa

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