Kurpark von Bad Rothenfelde wird zum Ausstellungsraum

Schön und verstörend

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Foto: Die Lichtprojektion "Mikado" des Künstlers Kanjo Také ist bei der lichtsicht 4-Projektions-Biennale in Bad Rothenfelde (Niedersachsen) zu sehen.

Bad Rothenfelde - Umsonst und draußen: Zum vierten Mal wird der Kurpark von Bad Rothenfelde zu einem riesigen Freiluft-Museum. 13 Projektionsinstallationen flimmern in den Abendstunden über eine Gebäudefassade, einen Springbrunnen und die großen Gradierwerke.

So ähnlich sahen Computerspiele früher einmal aus: Kleine Männchen, zuckende Bewegungen. Immer wieder ändert sich die Szenerie, Kommentare blitzen auf: "Auf der Toilette das Iphone vergessen, was für eine vergeudete Zeit." Oder: "Da Sklavenhandel verboten ist, sollten wir der Globalisierung danken, dass man Menschen mittlerweile in ihrem Heimatland ausbeuten kann." Das Kunstwerk "Why Don't We" des tschechischen Künstlerpaares Michael Bielicky und Kamila B. Richter ist ein spitzer Kommentar auf die moderne Zeit. Es flimmert in den Abendstunden im Kurpark von Bad Rothenfelde über die Seitenwand des großen Gradierwerks.

Zum vierten Mal wird der Kurort in der Nähe von Osnabrück bei der Reihe "lichtsicht" zum Zentrum der "erweiterten Projektion", wie Kurator Prof. Manfred Schneckenburger die Kunstwerke aus Licht, Musik und Geräuschen nennt. Integraler Bestandteil ist die Projektionsfläche. Sie ist nicht neutral wie eine Kino- oder Bildleinwand. Es handelt sich um die Gradierwerke, eine Anlage zur Salzgewinnung, im Herzen des 7000-Einwohnerorts: Riesig große Holzständerwerke, die Seitenwände aus Schwarzdornzweigen, an denen salzhaltiges Wasser herabrieselt.

Auch die neoklassizistische Fassade des Kurmittelhauses und der Wassernebel eines Springbrunnens werden zur Projektionsfläche. "Für die Künstler ist das eine große Herausforderung", sagt der Münsteraner Kunstfilmer und Galerist Paul Anczykowski, der zusammen mit Schneckenburger der organisatorische Kopf hinter der Ausstellung ist. Mehrere hundert Meter an Projektionsfläche zu bespielen ist alles andere als alltäglich. Zumal sich das Kunstwerk ständig ändert: Das über die Wände rieselnde Wasser verformt die Projektion kontinuierlich.

Auch ob es stürmt, schneit oder regnet, ob viele Menschen durch den Park gehen oder wenige - die Kunstwerke sind Teil der Umgebung. "So etwas gibt es nur hier in Bad Rothenfelde. Ich wüsste keine andere Stadt, wo man Projektionskunst so erleben kann", sagt Anczykowski. Mittlerweile müsse die erweiterte Projektion als eigenständige Kunstgattung gelten, meint Schneckenburger, und nicht mehr als bloße Spielart des Films, des Videos, der Malerei oder der Fotografie. Das Interesse, einmal bei der alle zwei Jahre in Bad Rothenfelde stattfindenen "lichtsicht" dabei zu sein, sei in Künstlerkreisen groß, und das weltweit. Es gebe Anfragen aus Korea, Japan, Südafrika, berichtet der zweimalige Documenta-Chef. "Aber eine Warteliste gibt es nicht", betont er. Er suche aus, was zum Konzept passe.

Die 13 Projektionskunstwerke sind von diesem Freitag an bis zum 5. Januar 2014 nach Einbruch der Dunkelheit in Bad Rothenfelde zu sehen. Schöne, manchmal verstörende Lichtwerke, die wie aus dem Nichts im dunklen Park zu schweben scheinen. Wer die Arbeiten abschreitet, setzt sich nicht nur einem Wechsel von Farben und Dunkelheit aus, sondern erlebt auch, wie die Klangkulissen anschwellen und abklingen und sich in die Stille auch ein Entengeschnatter vom nahe gelegenen Teich mischt. So wird der Kurpark nicht nur Spielstätte, sondern ist ein eigenes synästhetisches Gesamtkunstwerk.

dpa

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