Philologentag

Der Schulfrieden ist gestört

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Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadtbeim Philologentag in Goslar.

Goslar - Die Kluft zwischen den Gymnasiallehrern und Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) ist so groß wie lange nicht. Das macht der diesjährige Philologentag in Goslar einmal mehr deutlich.

Draußen scheint die Sonne, drinnen herrscht Eiszeit. Die Kluft zwischen den Gymnasiallehrern und Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) ist so groß wie lange nicht. Das macht der diesjährige Philologentag in Goslar einmal mehr deutlich. Und fast scheint, als ob der Graben um so tiefer wird, je mehr Zeit seit dem Beschluss der Landesregierung vergangen ist, die Unterrichtsverpflichtung für Pädagogen an Gymnasien zu ehöhen. Die Schulgesetznovelle von Rot-Grün verschärfe den Konflikt noch, sagt Horst Audritz, Vorsitzender des Philologenverbandes: Es sei Gesamtschulförderungsgesetz und lege Axt an die Wurzeln des Gymnasiums. Er wirft der Regierung ein Griff in die ideologische Mottenkiste der siebziger Jahre vor. Dies sei eine Absage an den Schulfrieden im Land. Die Regierungsfraktionen wollten Gymnasien zurückdrängen – „bei gleichzeitiger Demontage von innen“. Audritz warnte vor einem Leistungsverfall an den Schulen. Zugleich verteile die Regierung die Regierung „mit treuem Augenaufschlag“ Beruhigungspillen, um die wahren Absichten zu verschleiern. Immer wieder heiße es, das Gymnasium werde nicht angetastet. Dabei habe die SPD schon 2006 in ihrem Grundsatzprogramm erklärt, dass das gegliederte Schulwesen keine Perspektiven für die Jugend biete. Niedersachsen sei ganz klar auf dem Weg zu einer Einheitsschule. Das Gymnasium werde von zwei Seiten in die Zange genommen, von innen und von außen. Zum einen könnten Integrierte Gesamtschulen (IGS) ab nächstem Sommer andere Schulformen verdrängen, und die Kommunen würden gerade zu ermuntert, eine IGS zu gründen. Zum anderen würden die Gymnasien durch andere Maßnahmen des Landes wie die Abschaffung der Laufbahnempfehlung nach Klasse 4, die engere Verzahnung von Grund- und Gesamtschulen und das Ziel, das Sitzenbleiben möglichst zu vermeiden, von innen ausgehöhlt. Gymnasien würden auf diese Weise zu Gesamtschulen. „Wenn alle aufs Gymnasium gehen, geht keiner mehr aufs Gymnasium, wenn alle Abitur machen, macht keiner mehr Abitur“, drückt es Josef Kraus, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes, in einer kämpferischen Rede aus. Er ruft die gut 350 Delegierten des Philologentages dazu auf, das neue Schulgesetz notfalls durch eine bürgerliche Revolte zu Fall zu bringen: „In Hamburg sit darüber schon mal eien Regierung gestürzt.“ Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt geht in ihrer Rede erstmal nicht auf die Kritik des Philologenchefs ein, sondern lobt sich selbst für die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren an den Gymnasien, die ebenfalls in der Schulgesetznovelle enthalten ist, und den Ausbau der Ganztagsschulen. Vieles von dem, was sie sagt, kommt im Publikum nicht an. Immr wieder erntet sie höhnisches Gelächter, immerhin weniger Buhrufe als beim Philologentag im vergangenen Jahr. „Was soll denn mehr Weiterbildung für eine Entlastung für die Lehrer sein?“, fragt ein Zuschauer. Und eine Frau raunt: „Die Ministerin hat wohl lange keine Schule von innen gesehen.“ Keine Hand hatte sich zum Applaus gerührt, als Audritz die Ministerin als Gast begrüßte, während die Abteilungsleiter ihres Ministeriums freundlich beklatscht wurden. Heiligenstadts Rede dürfte nicht viel dazu beigetragen haben, die Stimmung zu verbessern. An Schulfrieden sei mit dieser Ministerin nicht zu denken, kritisiert FDP-Fraktionschef Christian Dürr. CDU-Bildungsexperte Kai Seefried sagt, Heiligenstadt habe den Bezug zur Wirklichkeit verloren. Die Eiszeit bleibt.

Kommentar

Die rot-grüne Landesregierung und die Lehrer verstehen sich einfach nicht. Und durch das Wiederholen der alten Argumente wird das Verhältnis auch nicht besser. Zu tief sitzt der Frust der Pädagogen über gebrochene Versprechen beim Arbeitszeitkonto und über immer neue Reformen, die den Unterricht nicht unbedingt erleichtern. Unerklärlich erscheint, warum die Regierung einerseits den großen Wert von Klassenfahrten betont, den Lehrern andererseits nicht einmal die Reisekosten voll erstattet. Klassenreisen sind für Lehrer Dienstfahrten und müssen auch als solche vom Land als Dienstherr bezahlt werden. Die Rückkehr zu G 9 an den Gymnasien war keine Herzensangelegenheit der Gymnasiallehrer, sondern vor allem eine Forderung der Eltern und nicht zuletzt der Wirtschaftsverbände. Ideologische Grabenkämpfe helfen in der Schulpolitik nicht weiter, sowohl Land als auch Lehrer müssen aus ihren Ecken herauskommen. Die volle Erstattung der Klassenfahrt-Kosten wäre ein Anfang.

Saskia Döhner

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