Sexismus-Debatte

Das Schweigen nach dem Herrenwitz

+
Foto: Frauen protestieren im August 2011 beim „Slutwalk“ (Schlampenspaziergang) in der Hamburger Innenstadt. Der Sexismus-Vorwurf gegen den FDP-Politiker Brüderle beschäftigt zur Zeit viele Menschen.

Berlin - Das Land debattiert lautstark über Sexismus, die Grenzen des Geschmacks und verbale sexuelle Übergriffe – nur der Verursacher der Debatte, Rainer Brüderle, sagt keinen Mucks dazu.

„Was mir ganz besonders zunehmend auf den Keks geht, sind diese selbsternannten Tugend-Jakobiner.“ Sagt Rainer Brüderle. An diesem Sonntag, an dem die Republik über wenig anderes redet als über ihn und seinen mutmaßlichen Mangel an Tugendhaftigkeit.

Aber Rainer Brüderle spricht beim Neujahrsempfang der nordrhein-westfälischen FDP in Düsseldorf nicht darüber, ob er nun, wie der Vorwurf lautet, ein Sexist ist oder nur ein etwas aus der Zeit gefallener, leutseliger Mann aus der Provinz, der abends an der Hotelbar gerne mal einen sogenannten Herrenwitz erzählt. Und, ja, eine anzüglich-unpassende Bemerkung macht über das Dekolletee einer jungen Journalistin („Sie können ein Dirndl auch ausfüllen!“). Nein, der Vorsitzende der liberalen Bundestagsfraktion sagt nichts zu der Sexismus-Debatte, die ob dieser ein Jahr zurückliegenden Bemerkung und eines unerwünschten Handkusses über das Land hereingebrochen ist. „Kein Kommentar“ ist die ausführlichste Einlassung, zu der er auf noch so vielfaches Nachfragen der Journalisten zu diesem speziellen Thema bereit ist.

Der Satz mit den Tugend-Jakobinern gilt, ganz allgemein und insbesondere mit Blick auf den anstehenden Regierungswechsel in Niedersachsen, den Grünen, der „Öko-Schickeria“, Rot-Grün, das Schwarz-Gelb das Leben schwer machen will. Nur als er, gar nicht mehr leutselig, nachsetzt, haben manche Zuhörer das Gefühl, dass Rainer Brüderle soeben doch einen Kommentar zum Sexismus-Streit abgegeben hat: „Sie können uns schlagen, beschimpfen, mit Dreck bewerfen – aber sie können uns unsere Überzeugungen nicht nehmen.“

Seit Donnerstag sieht sich der Liberale beschimpft und mit Dreck beworfen. Er soll der jungen „stern“-Reporterin Laura Himmelreich Anfang 2012 in einer Stuttgarter Hotelbar uneingeladen nahe gerückt sein, bis hin zur Grenze der sexuellen Belästigung. Der Vorwurf ist bis heute unwidersprochen. Nach diesem ersten Erlebnis mit dem 67-Jährigen hat sie ihn weiterhin, aus der Nähe, beobachtet und mit ihm gesprochen. Bis sie nun kurz nach seiner Kür zu „Gesicht und Kopf“ des liberalen Bundestagswahlkampfes darüber geschrieben hat, wie unangenehm diese Nähe gewesen sei.

Übers Wochenende hat die Debatte, die zunächst auf den Umgang der liberalen Spitzenkraft mit Frauen fokussiert war, eine eigene Dynamik entwickelt. Brüderles Avancen sind zum Auslöser geworden, um über alltäglichen Sexismus zu diskutieren. Tausende Menschen führen beim Kurznachrichtendienst Twitter unter dem Stichwort „Aufschrei“ Beispiele an, Erlebtes, Gehörtes, Erspürtes – mehr als 60 000 Meldungen sollen es am Sonntagabend gewesen sein. Günther Jauch schmeißt in aller Eile sein Talk-Programm um und lässt die ungewöhnlich stark mit Frauen besetzte Runde über „Hat Deutschland ein Sexismus-Problem?“ streiten. Die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin bezeichnete den „stern“-Artikel in der Sendung am Sonntagabend als „mutig“. Er beschreibe den alltäglichen Sexismus. „stern“-Chefredakteur Thomas Osterkorn verteidigte den Beitrag. Die Autorin habe „ein Bild eines Mannes gezeichnet, der ein Problem im Umgang mit Frauen hat, mindestens verbal“.

Die Politik mischt sowieso mit: Die Grünen-Parteivorsitzende Claudia Roth fordert Brüderle auf, sich bei Laura Himmelreich zu entschuldigen. Das Wahlvolk empfindet ähnlich: In einer Emnid-Umfrage für die „Bild am Sonntag“ schlossen sich 90 Prozent dieser Forderung an. Linken-Fraktionschef Gregor Gysi hält den Streit dagegen für überzogen.

Überhaupt ist es ein erstaunlicher Nebenaspekt in dieser Affäre: Über alle Parteigrenzen hinweg neigen männliche Politiker zu einer eher verständnisvollen Haltung gegenüber Brüderle („Wir kennen ihn, das hat er nicht so bös gemeint“), während Politikerinnen ebenso parteiübergreifend gereizt reagieren („Es nervt“).

Und Brüderle selbst? Er duckt sich erfolgreich weg. Im politischen Berlin war noch am Wochenende gemutmaßt worden, dass der Fraktionschef sich vielleicht im Interview mit dem „Focus“ äußern würde. Doch der Rheinland-Pfälzer erklärte auch dort kategorisch: „Kein Kommentar.“Umso ausführlicher äußert sich Brüderles Parteifreund Wolfgang Kubicki. Verständnisvoll. „Ich verstehe Rainer Brüderle, weil ich weiß, er ist fassungslos“, sagte Kubicki der HAZ. „Alles, was er jetzt sagen würde, kann nur falsch sein“, und: „Was soll Rainer Brüderle machen? Er kann sich an den Vorfall nicht erinnern.“ Brüderles Bemerkung über Dirndl und deren Inhalt sei „geschmacklos, aber skandalös ist sie nicht“. Der Kieler FDP-Fraktionschef verweist darauf, dass er Brüderle seit 40 Jahren kenne. Der Charme des Pfälzers sei etwas derb. „Aber dass er Frauen belästigt, habe ich nicht ein einziges Mal erlebt“, betont Kubicki. „Dass Rainer Brüderle nun in die Vorstufe eines Vergewaltigers gerückt wird, ist heftig. Ich weiß, wie getroffen er ist.“

Auch Außenminister Guido Westerwelle macht seinem Fraktionsvorsitzenden Mut. „Ich weiß, was das heißt, allen Attacken ausgesetzt zu sein“, sagt er in Düsseldorf, ohne direkt auf die Vorwürfe oder Brüderle einzugehen. Jeder weiß auch so, worauf er anspielt. „Wenn man an der Spitze steht, wird beim politischen Gegner und in einigen Redaktionsstuben kein Pardon gegeben.“

Genauso bemerkenswert ist allerdings, wer sich bisher nicht zur Debatte geäußert hat. Der FDP-Parteivorsitzende Philipp Rösler lässt durch einen Sprecher lediglich ausrichten: „Wir kommentieren das nicht.“ Dabei wäre es interessant zu wissen, wie Rösler den Fall Brüderle bewertet. Schließlich hat er ihn vor einer Woche erst in der Präsidiumssitzung mit dem Angebot vorgeführt, der Fraktionschef könne seinen Posten auch haben, wenn er ihn denn wolle. Brüderle wollte aber nicht. Dann rief Rösler ihn zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl aus.

Auswirkungen auf den politischen Betrieb hat der „stern“-Artikel schon jetzt. Kubicki zum Beispiel kündigt an, selbst Konsequenzen aus dem Vorgang zu ziehen und sich mit Journalistinnen nicht mehr zum Essen zu verabreden oder sie im Dienstwagen mitfahren zu lassen, um ein Gespräch zu führen.

„Ich bin traurig, dass ein bisher unverkrampftes Verhältnis zwischen Politikern und Journalistinnen nicht mehr unverkrampft sein kann.“ Kontakte werde er künftig strikt auf „rein professioneller Ebene“ pflegen. Künftig?

Kai Kollenberg und Arnold Petersen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare