Paparazzo des eigenen Lebens

Ein Selbstporträt erobert die Welt

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Foto: Bitte nicht lächeln: Obama mit Kollegen auf der Trauerfeier für Nelson Mandela.

Hannover - Selfies sind längst ein globaler Trend. Nicht nur Jugendliche, auch hochrangige Politiker 
und sogar Tiere fotografieren sich inzwischen selbst. 
Was steckt hinter der Vorliebe für das eigene Bild?
 Und wem gehört 
das Selfie eines Affen? 
Eine Selbstbespiegelung.

Als Nathan Hope im September 2002 mitten in der Nacht die Kamera auf sich richtete, wird er kaum geahnt haben, was dieses Bild der Welt einmal bedeuten würde: Etwas unscharf zeigt es die Unterlippe des Studenten, die tiefe Abdrücke seiner Zähne trägt. Es sieht schmerzhaft aus. Im Forum des australischen öffentlich-rechtlichen Senders ABC, wo Hope das Foto hochlud, schrieb er: „Betrunken auf dem 21. Geburtstag eines Kumpels: Ich bin auf einer Treppe gestolpert und auf meiner Lippe gelandet. Das Ergebnis ist ein etwa ein Zentimeter tiefes Loch mitten in der Unterlippe. Und sorry für den Fokus – es war ein Selfie.“

Für dieses letzte Wort feiert man Hope inzwischen als den Erfinder eines der größten Hypes der vergangenen Jahre in den sozialen Medien. Dabei, sagt er später in einem Interview mit ABC, sei das Wort „Selfie“ in seinem Bekanntenkreis schon viel länger in Gebrauch gewesen – eben als Beschreibung eines Fotos, das jemand von sich selbst macht. So oder so: Nach Hopes Lippenbekenntnis dauerte es elf Jahre, bis das Oxford English Dictionary „Selfie“ 2013 zum Wort des Jahres kürte. Der Gebrauch des Begriffs sei seit 2012 um 17 000 Prozent angestiegen, hieß es in der Begründung der englischen Sprachwächter.

Das erste Selfie: Nathan Hope mit dicker Lippe im Jahr 2002.

Quelle: Hope/ABC News

Längst ist das Selfie auch in einem der wichtigsten Wörterbücher Frankreichs, dem „Pétit Robert“, angekommen, ebenso in der Online-Ausgabe des Duden. Eine beispiellose Karriere? Man müsse den Terminus strikt von der Praxis trennen, sagt Wolfgang Hagen, Medienwissenschaftler und Professor für Rhetorik an der Leuphana Universität Lüneburg. Der Begriff „Selfie“ möge neu sein, das Phänomen „Selbstportrait am langen Arm“ sei es nicht. Hagen erzählt von einem Freund, der noch in Zeiten der Analogfotografie jeden Morgen, nachdem er aufgestanden war, mit einer fest installierten Polaroidkamera ein Bild von sich gemacht hat: „Das waren die ersten Selfies, die ich gesehen habe“, sagt Hagen.

Heute ersetzt das Smartphone die Sofortbildkamera, wahlweise die Webcam: Mit ihr machte der Kanadier Hugo Cornellier jeden Tag ein Bild von sich, sieben Jahre lang. Im Sommer 2014 schnitt der inzwischen 19-Jährige all diese Fotos hintereinander und veröffentlichte sie als Zeitraffervideo. Zu sehen ist ein Teenagergesicht, das immer erwachsener und erwachsener wird – ein YouTube-Hit.Selbst vor dem Tierreich macht der Trend zum Selbstporträt nicht Halt. 2011 machten die Bilder eines Schopaffen, der sich in Indonesien die Kamera eines Fotografen geschnappt und sich selbst fotografiert hatte (unser Titelbild), weltweit für Furore. Die Bilder sorgten sogar für einen handfesten Urheberrechtsstreit (siehe Kasten). Verlässliche Angaben darüber, wie viele Selfies inzwischen in den sozialen Netzwerke kursieren, gibt es nicht. Im Rahmen des Projekts „Selfiecity“, für das ein Team rund um den Medientheoretiker Lev Manovich von der University of California im Online-Bilderdienst Instagram rund 120 000 Fotos aus den Städten New York, Sao Paulo, Berlin, Bangkok und Moskau auswertete, kommt man zu folgendem Schluss: Nur drei bis fünf Prozent der analysierten Aufnahmen waren Selfies im eigentlichen Sinne, zeigen also eine Person, die dieses Bild offensichtlich eigenhändig von sich gemacht hat.

Für Wolfgang Hagen ist die Frage der Quantität zweitrangig. Und auch die simple Analogie „Selfie gleich Selbstporträt“ greift seiner Ansicht nach zu kurz. Er hält die Möglichkeit, sich selbst im Bild zu spiegeln, für eine viel wesentlichere Funktion des Selfies: „Die Frage, die sich jedem stellt – vor dem Spiegel und im Selfie, – ist: Bin ich das? Oder ist das jemand anders? Deshalb holt man sich so gern gleich eine zweite Person in sein Selfie. Das entlastet.“

So sehen wir einen strahlenden Lukas Podolski, der seine Handykamera auf sich, den Weltmeisterpokal und die deutsche Kanzlerin richtet, oder Schauspieler wie Julia Roberts, Brad Pitt und Kevin Spacey, die sich im Rahmen der diesjährigen Oscarverleihung um Moderatorin Ellen DeGeneres scharen – das bisher am häufigsten geteilte Foto im Nachrichtendienst Twitter. Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen, brachte diese neue Art der Selbstinszenierung auf die Formel: „Der Mensch wird zum Paparazzo des eigenen Lebens.“ Ein Selfie-Statement, das der SWR im Januar in der Rubrik „Wort der Woche“ sendete.

Ich und Marilyn? Das Selfie zeigt auch, wie man selbst gern wäre.

Quelle: dpa

Die vermeintliche Kontrolle, die der Fotograf dank der inzwischen bei Smartphones üblichen Frontkamera über diese Bilder hat, die er der Weltöffentlichkeit von sich zeigt, ist mitunter trügerisch: Der Präsident der Vereinigten Staaten ist grinsend auf einem Selfie zu sehen, das die dänische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt auf der Beerdigung von Nelson Mandela von Barack Obama und dem britischen Premierminister David Cameron machte. Ein Aufschrei der Empörung ging um die Welt, man warf den Staatschefs Respekt- und Taktlosigkeit vor. „Vor allem Jugendliche, die noch nicht die soziale Weitsicht haben, sind Risiken ausgesetzt“, sagt Lars Koch, Medienwissenschaftler an der TU Dresden, in einem Interview mit der „Sächsischen Neuen Presse“. Man müsse sich der Gefahren, die mit der neuen Öffentlichkeit in den sozialen Medien verbunden sind, bewusst sein.

Etwas, das auch die, die es eigentlich wissen könnten, zum Teil auf schmerzhafte Weise lernen: Der jüngste Skandal um gestohlene Nacktfotos amerikanischer Prominenter zeigt, dass sich die nicht zuletzt in Selfies allenthalben demonstrierte Offenherzigkeit denkbar schlecht mit dem Prinzip der Privatsphäre oder Datensicherheit verträgt. Die Wissenschaft hat bereits ein Wort dafür gefunden: Als „Privacy-Paradox“ bezeichnet man dort den Umstand, dass sich in Befragungen wie durch den Branchenverband der Onlinewirtschaft Bitcom rund 80 Prozent der Bevölkerung besorgt zeigten, wenn es um Themen wie Abhör-Skandale und Datendiebstahl geht.

Laut statistischem Bundesamt sind jedoch 30 Prozent der Deutschen bei Facebook angemeldet – einem Dienst, der sich in diesen Fragen in der Vergangenheit nicht eben positiv hervorgetan hat. Zumindest eine anzunehmende Schnittmenge von zehn Prozent der Bevölkerung handelt also höchst widersprüchlich. Warum? Ist es, wie Bernhard Pörksen in einem Beitrag für das Magazin „Chrismon“ mutmaßt, die urmenschliche Sehnsucht nach Bestätigung und Zugehörigkeit, die man hier durch Likes und Kommentare erfährt und Bedenken in den Wind schlagen hilft? Oder macht die Faszination von Selfies und Selbstdarstellung in den sozialen Medien eher das aus, worauf Wolfgang Hagen hinweist: „Beim Selfie haben wir das Gefühl zu sehen, was der, der das Bild gemacht hat, sehen wollte.“

Wie das Model Bar Refaeli, das sich mit einem hochkalorischen Dessert fotografiert – so, als wolle sie den ewigen Diät- und Anorexie-Vorwürfen gegen ihre Zunft ein für alle Mal widerlegen. Bloß: Richtig glücklich sieht sie nicht dabei aus. Nicht nur darum interessieren sich auch die Psychologen, Soziologen und Medienwissenschaftler für Selfies: An der Universität Marburg findet im April kommenden Jahres eine interdisziplinäre und internationale Konferenz statt, die sich dem Netzphänomen widmet. Auch die verschiedenen Ausdifferenzierungen des Selfies werden da eine Rolle spielen – die Gruppen-Selfies, Promi-Selfies und sogenannten Duckface-Selfies, auf denen die Protagonisten die Lippen schürzen. Auf Klebeband-Selfies fixieren Menschen ihre verzerrten Mienen mit Tesafilm, für das „Belfie“ richtet man den Sucher auf das eigene Hinterteil.

7 Jahre Selfies: Hugo Cornellier im Alter zwischen zwölf und 19 Jahren.

Quelle: Cornellier/ Youtube

Wolfgang Hagen nennt diese Strömungen „Meme“: Alles, was mindestens einen Nachahmer findet, scheint es, wird zum neuen Trend deklariert. Vielleicht auch der Vorschlag, den die Kölnerin Meike Renner der „Zeit“ schickte: In der Rubrik „Was mein Leben reicher macht“ schildert sie, wie ihr 74-jähriger Vater etwas länger mit der Kamera hantiert, bevor er ein Foto von Renner und ihrer Mutter machen kann. „Machst du ein Selfie?“, will die Mutter belustigt wissen. Und Renners Vater antwortet: „Nee, ein Euchie.“ Der zugehörige Tweet gehörte zu den am meisten geteilten Beiträgen des „Zeit“-Accounts auf Twitter. Der Begriff „Euchie“ traf offenbar bei vielen einen Nerv.

Wie so etwas enden kann, weiß Nathan Hope. Es sei denn, es ist vorher Schluss. Das prognostizierte das Schweizer Newsportal watson.ch bereits im April, als Joe Biden, der 71-jährige Vizepräsident der Vereinigten Staaten von Amerika, sein erstes Selfie veröffentlichte: „Wenn also nun selbst er ,das erste Selfie’ auf Twitter publiziert“, so watson.ch, „dann darf man behaupten: Der Hype ist echt vorbei.“ Das glaubt Wolfgang Hagen nicht: „Das Selfie ist keine Modeerscheinung, sondern eine Art Kultur-Instagram wie der Spiegel auch. Die Meme mögen sich verbrauchen, weil sie Symbole sind, die man nachmacht, ohne dass sie etwas bedeuten. Das Selfie bleibt.“

von Charlotte Schrimpf

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