Jüdisches Leben in Deutschland

„Setz die Kippa auf, trau dich raus!“

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Foto: Der Zentralrat der Juden rät, die Kippa in Vierteln mit vielen Muslimen lieber abzusetzen.

Köln - Jüdisches Leben in Deutschland ist ein Leben in Angst. Die Polizei bewacht Gemeindezentren, Synagogen und jüdische Kindergärten. Ihr Anblick ist längst schon zur Gewohnheit geworden, so als gehörten die blau-weißen Wagen zur Grundausstattung jüdischer Einrichtungen. Und so sickert die Angst in den Alltag.

Wenn Leo morgens zur Schule geht, ins Jüdische Gymnasium in Berlin-Mitte, muss er Sicherheitskontrollen passieren. Wenn Bea ihre liebste Halskette trägt, die mit dem bunt gezackten Anhänger, fragen die Mitschüler in Dortmund, was denn der „Judenstern“ soll. „Davidstern“, korrigiert sie dann, manchmal. Wenn Lion der Wunsch beschleicht, mit der Kippa aus dem Haus zu gehen, verscheucht er ihn wieder. „Nicht da, wo ich wohne“, sagt der Hannoveraner.

Jüdisches Leben in Deutschland ist ein Leben in Angst. Polizei bewacht Gemeindezentren, Synagogen und jüdische Kindergärten. Ihr Anblick ist längst schon zur Gewohnheit geworden, so als gehörten die blau-weißen Wagen zur Grundausstattung jüdischer Einrichtungen. Unter großem Polizeiaufgebot wird man bald auch der Befreiung von Bergen-Belsen, Buchenwald, Dachau und all der anderen Konzentrationslager gedenken, 70 Jahre nach Hitlers Tod.

Gefahr droht von beiden Seiten

Im Jahr 2015 sagt Kanzlerin Angela Merkel: „Dass es keine einzige jüdische Einrichtung gibt, die nicht durch Polizei bewacht werden muss - das ist ein Punkt, der mich doch sehr besorgt stimmt.“ Dabei sollte doch die Bundesrepublik ein Ort werden, an dem Juden sich nicht fürchten müssen. Schon 1949 sagte der US-amerikanische Hochkommissar John McCloy, dass man Deutschland künftig daran messen werde, wie es mit seiner jüdischen Bevölkerung umgeht.

In Oldenburg schmieren heute Unbekannte Hakenkreuze auf jüdische Gräber, in Berlin verprügeln arabischstämmige Jugendliche einen Mann mit Kippa. Gefahr droht von rechter wie von Migranten-Seite. Und dass laut einer aktuellen Bertelsmann-Umfrage 81 Prozent der Deutschen sagen, sie möchten die Geschichte der Judenverfolgung „hinter sich lassen“, trägt nicht dazu bei, dass Holocaust-Überlebende und ihre Nachfahren sich hier sicher fühlen.

Das Unbehagen schwelt schon länger

„Es ist unübersehbar, dass der Judenhass immer offener und brutaler in Erscheinung tritt“, sagt Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden, „die Ereignisse von Paris und Kopenhagen hinterlassen Spuren.“ Die Anschläge auf einen koscheren Supermarkt in Paris und eine Synagoge in Kopenhagen haben die Stimmung auch unter deutschen Juden verändert. In Berlin ist jetzt die Jüdische Gemeinde dazu übergegangen, ihr Monatsmagazin verhüllt in einem neutralen Umschlag zu verschicken. Der Vorstand will nicht, dass die Gemeindemitglieder als Juden erkennbar sind. Und der Zentralrat der Juden rät, die Kippa in Vierteln mit vielen Muslimen lieber abzusetzen. Ist jüdisches Leben in Deutschland nur unter der Bedingung möglich, dass keiner davon etwas mitkriegt?

Das Unbehagen setzte nicht erst mit den Morden von Paris und Kopenhagen ein, es schwelt schon länger. Die Beschneidungsdebatte im Jahr 2012 haben viele Juden als feuilletonistisch verpackte Anfeindung empfunden. Und als bei den Protesten gegen den Gaza-Krieg im Sommer 2014 nicht nur Parolen gegen Israel, sondern auch gegen „die Juden“ gebrüllt wurden, schlug das Unbehagen bei vielen in Angst um. Paris und Kopenhagen verstetigen jetzt das Bedrohungsgefühl: Was kommt als Nächstes?

Der Angst mit Trotz begegnen

So sickert die Angst in den Alltag. Man kann sich ihr ergeben, wie der Publizist Rafael Seligmann, der jüngst in der „Zeit“ verkündete: „Wir gehen!“ Europa werde heimgesucht von antisemitischen Stereotypen. Da sei die Aufforderung von Premier Benjamin Netanjahu, nach Israel auszuwandern, ein verständliches Signal.

Man kann der Angst aber auch mit stolzem Trotz begegnen. Heiter, laut und lebhaft. So wie Leo, Bea, Lion und mehr als 1000 junge deutsche Juden, die sich vor wenigen Tagen in Köln trafen. Kein Gedenktag stand an und auch kein religiöses Fest, sondern die „Jewrovision“: ein Gesangswettbewerb nach dem Vorbild des Eurovision Song Contest. Zum 14. Mal fand die vom Zentralrat der Juden ausgerichtete Riesenparty statt, 15 Gruppen aus jüdischen Jugendzentren in ganz Deutschland traten in beachtlich professionellen Choreografien gegeneinander an. Pop-Produzent Ralph Siegel saß mit in der Jury, begeistert.

Die Show, der Glanz, alles wichtig, keine Frage. Aber der eigentliche Sinn der „Jewrovision“ ist die Gemeinschaft: Die junge Generation deutscher Juden soll sich bei Falafel und koscheren Gummibärchen kennenlernen, sich Jahr für Jahr mit jedem Wiedersehen näherkommen, sich selbst feiern. Und sie tut das.

Jungs fallen einander zur Begrüßung freudig in die Arme, Mädchen stürmen aufeinander zu und reden drauflos. Meist auf Deutsch, sehr oft auf Russisch; schließlich sind die meisten in Deutschland lebenden Juden erst vor wenigen Jahren aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion eingewandert. Viele von ihnen entdecken erst hier ihre jüdischen Wurzeln, nachdem ihre Eltern sie in der Sowjetunion vergessen hatten, vergessen mussten.

Bea und Maria können gar nicht genau sagen, ihre wievielte „Jewrovision“ das heute ist. „Wir sind jedes Jahr hier, von klein auf“, sagt die 16-jährige Bea. „Trotzdem staune ich jedes Mal, dass es so viele von uns gibt“, sagt ihre Freundin Maria. „Ich komme mir oft vor, als sei ich von einem anderen Stern. Aber hier muss ich niemandem erklären, warum ich anders bin. Hier verstehen wir uns ohne Worte und können sein, wie wir sind“, sagt Bea, das Mädchen mit dem Davidstern um den Hals.

Auf der Bühne geben die Jugendlichen derweil alles, um Pop und Judentum zu vereinen. Die Wuppertaler schwenken Israel-Fahnen und singen zum ruppigen Gitarrenriff des „Rocky“-Songs „Eye of the Tiger“: „Israel, das ist mein Land, da bin ich willkommen.“ Die Stuttgarter covern den jiddischen Evergreen „Bei Mir Bistu Shein“, bei ihnen heißt es: „Du bist mein Freund, bei dir geht’s mir gut, gemeinsam verändern wir die Welt.“ Und die Hannoveraner - die am Ende damit auf den dritten Platz kommen - skandieren zu wuchtigem Dance-Beat: „Setz die Kippa auf, trau dich raus!“ Ist die Aufforderung ernst gemeint? „Es ist mehr ein Wunsch“, sagt Anastasia Kyselova, Leiterin des hannoverschen Jugendzentrums nach dem Auftritt ihrer Gruppe. „Die Welt wäre eine bessere, wenn man unserer Aufforderung ohne Angst folgen könnte.“ Neben ihr steht der 18-jährige Lion. Heute trägt er die Kippa, ausnahmsweise. „Hier sind ja sehr viele Sicherheitsleute“, sagt er und hat recht. Zwischen den quasselnden, lachenden, johlenden Grüppchen stehen lauter bewaffnete Männer in Position. „Aber eigentlich kann es ja nicht genug Sicherheit geben“, sagt Lion.

Leo und sein Freund Gabriel sehen das anders. Ein wenig genervt sitzen sie im Foyer und trinken Cola. Die 15-Jährigen würden gern mal zum Kiosk um die Ecke, dürfen das Gebäude aber nicht verlassen. Aus Sicherheitsgründen. „Ist halt so“, sagt Gabriel, „ist immer so“, sagt Leo und erzählt von den Sicherheitskontrollen morgens am Schultor des Jüdischen Gymnasiums in Berlin.

Sein Kumpel Gabriel lebt in Frankfurt, er geht auf eine staatliche Schule. „Jude“ ist ein Schimpfwort unter seinen Mitschülern. „Die Leute sagen ,Mach mal keine Judenaktion’, wenn sie meinen, dass jemand rumgeizt, bei Trinkspielen auf Partys sagen sie ,ex oder Jude’.“ Und was sagt Gabriel dann, sagt er überhaupt etwas? „Doch, ich frage schon, was das soll, ob’s ein Problem gibt.“

„Das ist halt so die ­Stimmung“, sagt Leo. Ist ­diese Stimmung ein Grund zum Auswandern nach Israel? „Nee. Meine Eltern ­kamen aus der Ukraine hier­her, Gabriels aus Georgien - unsere Familien haben das mit dem Auswandern schon hinter sich. Wir bleiben jetzt hier.“

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