Öffentliche Fahndung

Sexualstraftäter missbraucht Kind auf Freigang

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Lingen - Die Staatsanwaltschaft Osnabrück und die Polizei im Emsland fahnden mit Hochdruck nach einemaus der Justizvollzugsanstalt Lingen entlaufenen Sexualstraftäter. Auf einem Freigang soll er eine 13-Jährige sexuell genötigt haben.

Ein mehrfach vorbestrafter Gewalt- und Sexualstraftäter soll in Lingen ein 13-jähriges Mädchen sexuell missbraucht haben – der 51-jährige Sicherungsverwahrte befand sich auf einem unbegleiteten Freigang und ist untergetaucht. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück und die Polizei im Emsland fahnden seit Sonnabend erfolglos nach ihm, wie am Dienstag bekannt wurde. Gestern veröffentlichte die Staatsanwaltschaft Foto und Namen des Mannes: Gesucht wird Reinhard Rühs, geboren in Loxstedt im Kreis Cuxhaven. Bereits am Freitagabend soll er sich in Lingen in der Wohnung eines Bekannten an dem Mädchen vergangen haben.

Der 51-jährige Sicherungsverwahrte hat nach Angaben des Osnabrücker Oberstaatsanwalts Alexander Retemeyer „diverse Vorstrafen in alle Richtungen im Bereich schwerster Gewaltkriminalität inklusive Sexualstraftaten“. Zuletzt war der offenbar alkoholkranke Mann 2002 vor dem Landgericht Stade nach einer Schlägerei und Stichen mit einem Teppichmesser zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Außerdem verhängte das Gericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft Stade wegen der Gefährlichkeit des Mannes die Sicherungsverwahrung.

Der 51-Jährige war nicht wie die meisten Sicherungsverwahrten in der zentralen Anstalt in Rosdorf im Kreis Göttingen untergebracht. Er befand sich im Rahmen einer Sozialtherapie in der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Lingen. Seit dem 28. Mai war ihm ein sogenannter Langzeitausgang gewährt worden: Er durfte die JVA zu Therapiezwecken auch über Nacht verlassen. Er musste sich lediglich einmal am Tag zu einem Alkohol- und Drogentest melden und sollte ein Handy bei sich führen, um jederzeit erreichbar zu sein. Rühs wurde am 1. Juni zurück in der JVA erwartet. Dort tauchte er aber nicht auf.

Am vergangenen Freitag soll es in der Lingener Wohnung zu dem sexuellen Übergriff gekommen sein. Zunächst hätten sich dort mehrere Personen aufgehalten, sagte Oberstaatsanwalt Retemeyer. Zu dem Missbrauch sei es offenbar gekommen, als das Mädchen bald darauf mit dem Mann allein war. Nach Angaben des Justizministeriums in Hannover soll die Tat am Freitagabend stattgefunden haben. Noch am Sonnabendmorgen meldete sich der 51-Jährige zum Drogentest in der JVA zurück. Am Sonnabend wandte sich das Mädchen an die Polizei. Das Amtsgericht Lingen erließ später Haftbefehl.

Die CDU im Landtag warf Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz (Grüne) gestern vor, die Bevölkerung nicht rechtzeitig vor dem Mann gewarnt zu haben. „Wenn die Tat am 30. Mai geschehen ist, warum lässt sich die Ministerin dreieinhalb Tage Zeit, ehe sie an die Öffentlichkeit geht?“, fragte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Mechthild Ross-Luttmann. Jetzt müsse es darum gehen, dem Mädchen jede Hilfe zukommen zu lassen.

Ein Sprecher von Niewisch-Lennartz erklärte, die Ermittlungsführer hätten das volle Vertrauen der Ministerin. Die Entscheidung über die Öffentlichkeitsfahndung liege bei der Staatsanwaltschaft. Niewisch-Lennartz versprach zügige Aufklärung und die „bestmögliche Hilfe“ für das Mädchen. Die Grünen-Politikerin kündigte auch mögliche Konsequenzen an: „Wir werden die konkreten Umstände des Falles genau analysieren und – falls erforderlich – Konsequenzen daraus ziehen.“ Die gesetzlichen Regelungen zum Vollzug der Sicherungsverwahrung zielten auf die Wiedererlangung der Freiheit der Schwerverbrecher ab. Das Gesetz sehe Lockerungen während der Sicherungsverwahrung ausdrücklich vor. „Ob diese Regelungen in der Praxis konsequent und richtig angewendet wurden, wird zu prüfen sein.“ Dazu gehört, warum der 51-Jährige während des Freigangs die Kontrolle verlor. Nach Informationen der HAZ soll er eine große Zahl von begleiteten und unbegleiteten Freigängen ohne Probleme hinter sich gebracht haben.

Anspruch auf Therapie

Sie gelten als besonders gefährlich: Sicherungsverwahrte können bei schlechter Prognose im Prinzip bis an ihr Lebensende eingesperrt bleiben. Denn die Sicherungsverwahrung dient nicht der Sühne einer Straftat. Sie ist vielmehr ein Schutz für die Menschen vor gefährlichen Verbrechern, die ihre eigentliche Strafe bereits abgesessen haben.

Allerdings gelten seit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrecht in Straßburg und einer in der Folge angepassten Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts gewisse Lockerungen für Sicherungsverwahrte. Sie müssen besser untergebracht sein als gewöhnliche Strafgefangene, weshalb das Land die zentrale Anstalt in Rosdorf gebaut hat.

Außerdem hat das Bundesverfassungsgericht geurteilt, dass auch Sicherungsverwahrte wie Straftäter einen Anspruch auf Therapie haben, die auf ein Leben in Freiheit gerichtet sein muss. In Niedersachsen gibt es 252 Behandlungsplätze für schwere Straftäter und Sicherungsverwahrte an neun Standorten. Lingen mit 46 Behandlungsplätzen ist die größte sozialtherapeutische Einrichtung. Die Gefangenen sind dort in Wohngruppen mit eigener Küche, Sanitäreinrichtungen und Gemeinschaftsraum untergebracht. Dort arbeiten Psychologen, Psychotherapeuten, Pädagogen und Sozialarbeiter daran, die Insassen weniger gefährlich zu machen. Ziel ist es, die Gefangenen in die Lage zu versetzen, Anforderungen in Familie, Arbeit, Freizeit und Freundeskreis zu akzeptieren und zu bewältigen.

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