Billiglöhner

Wer sich beschwert, fliegt raus

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Foto: Nur noch die wenigsten der Arbeiter in deutschen Schlachthöfen sind direkt beim Unternehmen angestellt. Die Arbeit erledigen meistens billigere Werkvertragskräfte aus Osteuropa.

Essen/Oldernburg - Harte Arbeit, wenig Lohn und ein Leben in abbruchreifen Häusern: So sieht für Billiglöhner in Niedersachsens Fleischindustrie der Alltag aus. Eine Reportage von HAZ-Reporter Karl Doeleke.

Man sollte ihre ­Namen nicht nennen, und am besten verschweigt man auch, wo genau man sie ­getroffen hat. Die Männer und Frauen könnten sonst ihre Jobs verlieren. So läuft das in der Fleischbranche: Wer sich beschwert, wird bedroht oder fliegt raus.Will man beschreiben, wie die Tagelöhner in Niedersachsens Fleischindustrie behandelt werden, fährt man nach Essen im Kreis Cloppenburg. „Freundlich, grün, mittendrin“ – so wirbt die Gemeinde für sich im Internet. Gemessen an seinen 8500 Einwohnern ist Essen finanziell die drittstärkste Kommune Niedersachsens. Zwölf Millionen Euro Steuern nimmt der kleine Ort im Jahr ein.

In Essen sitzt eine Niederlassung des Schlachtkonzerns Danish Crown. 64.000 Schweine werden hier in der Woche zerlegt. Damit sind die Dänen die Nummer drei in Deutschland beim Schweinefleisch. 1300 Menschen arbeiten hier, etwa 1000 davon sind aber gar nicht bei Danish Crown angestellt. Sie werden von Subunternehmen in die Schlachthallen geschickt, meist sind es Osteuropäer.

Dumpinglöhne und Massenunterkünfte

Nicht nur Fleiß, Gottvertrauen und das Fleisch haben die Menschen hier reich gemacht. Die Ausbeutung ausländischer Billiglöhner trägt zum Wohlstand bei, denn im gnadenlosen Preiskrieg muss Fleisch vor allem eines sein: billig. Dumpinglöhne an den Schlachtbänken, harte Arbeit, menschenunwürdiges Wohnen in Massenunterkünften – so sieht das Leben Tausender Osteuropäer im reichen Westen Niedersachsens aus. So funktioniert das System.

Ein altes Industriegebäude in einem Nachbarort von Essen. Der Bau stand jahrelang leer. Jetzt müssen hier Arbeiter aus Osteuropa hausen. Vor dem Eingang sitzen vier Polen in der Sonne. Auch sie sind Schlachter bei Danish Crown, Busse bringen sie zur Arbeit und zurück. „Perfect scheiße“, sagen die Männer nur, wenn man sie auf ihre Arbeit anspricht. Perfect – das ist das polnische Subunternehmen, bei dem sie angestellt sind, ein relativ neuer und gnadenlos billiger Konkurrent im hart umkämpften Markt.

Etwa zehn Werkvertragsfirmen teilen sich den in Essen auf. Das Geschäft geht so: Der Schlachthof spart beim Stammpersonal. Die Arbeit wird per Werkvertrag neu vergeben. Inhalt zum Beispiel: das Abtrennen von 60.000 Schinken. Die Werkvertragsfirma besorgt in Osteuropa die Arbeiter. Dazu schließt sie Verträge über einzelne Arbeitsleistungen mit Firmen aus dem Ausland ab. Damit gilt ausländisches Arbeitsrecht, Sozialabgaben werden im Ausland fällig.

Die Männer, die für Perfect arbeiten, sind misstrauisch. Der „große Chef“ darf nicht erfahren, dass sie mit Journalisten reden. Und doch kramt einer nach einer Weile seinen Lohnzettel hervor: 467,60 Euro hat der Mann in zwei Wochen verdient – für zehn Stunden Arbeit am Tag an sechs Tagen die Woche. Macht netto einen Stundenlohn von etwa vier Euro, brutto fünf bis sechs. „Eine Sauerei“ nennt Matthias Brümmer die Bezahlung. „Die Grenze zum Lohndumping ist überschritten“, sagt der Geschäftsführer der Gewerkschaft NGG in Oldenburg.

Ausbezahlt bekommt der Schlachter dann sogar nur 392 Euro – 75 Euro behält das Subunternehmen für die Miete ein. Das ist für Detlef Kolde (SPD), Gemeinderatsmitglied in Essen, die zweite Ungerechtigkeit im System. Viele Eigentümer verdienen gutes Geld mit den Schrottimmobilien: „Das ist eine Katastrophe, so ein Haus in dem Zustand überhaupt noch zu vermieten. Das ist offensichtlich sittenwidrig.“ Was Kolde meint: Mehr als 20 Schlachter leben in dem Gebäude. Der Eigentümer, angeblich eine Gesellschaft in den Niederlanden, verdient also mehr als tausend Euro im Monat mit einer Immobilie, die eigentlich nichts wert ist. ­Allein in Essen gibt es, wie Bürgermeister Georg Kettmann (CDU) einräumt, 54 solcher Gebäude. „Die waren schwer zu vermieten, da sind dann die Werkvertragsfirmen rein.“

Angst vorm „großen Chef“

Das Zimmer, das sich der Pole mit drei weiteren Männern im Nachbarort teilen muss, ist eine Bruchbude: der Teppich alt und verdreckt. Das Bett aus Stahlrohren hat keinen Lattenrost. Als Unterlage dient eine ausrangierte Tür. Darauf liegt eine dünne Schaumstoffmatratze. So schlafen und wohnen die Polen, sie kochen hier und hängen ihre Wäsche in dem etwa 16 Quadratmeter großen Zimmer auf. Es existiert ein Foto, die Schlachter wollen nicht, dass es gedruckt wird. Sie haben Angst, ihren Job zu verlieren, wenn der „große Chef“ es sieht. „Das ist ganz einfach“, sagt Kolde. „Er muss ihnen nur die elektronische Chipkarte abnehmen, mit der sie auf das Betriebsgelände von Danish Crown gelangen.“

Der „große Chef“ ist laut Kolde und Brümmer eine ganz große Nummer in der Subunternehmerbranche, seit mehr als einem Jahrzehnt im Geschäft. Er ist 2003 wegen Steuerhinterziehung und Sozialversicherungsbetrug verurteilt worden, also wegen der illegalen Beschäftigung ausländischer Leiharbeiter. Mit ihm wurden auch die damaligen Eigentümer des Schlachthofs zu Haftstrafen verurteilt. 2010 haben Herbert Dreckmann und Joachim Scholten den Betrieb D&S an Danish Crown verkauft. Dreckmann wohnt heute auf einem riesigen Anwesen am Rande Essens. Die Räume in der protzigen Villa dürften komfortabler sein als die Zimmer der Schlachter.

Auch der „große Chef“ ist weiterhin gut im Geschäft. Die Firma Perfect hat gerade erst einem anderen Subunternehmer den Auftrag für eine komplette Schicht bei Danish Crown abgenommen. Er hat den Konkurrenten im brutalen Preiskampf noch einmal unterboten. Ausgetragen wird das Wettbieten auf dem Rücken der Arbeiter aus Osteuropa. „Die Verhältnisse werden von Perfect noch einmal auf die Spitze getrieben“, sagt Kolde.

Die Männer und Frauen aus Osteuropa trifft man in Essen überall. Bei nur etwa 8500 Einheimischen sind Hunderte Werkvertragsnehmer aus Osteuropa naturgemäß kaum zu übersehen.

Und manchmal leben Arbeiter, Vermieter und Werkvertragsfirma Tür an Tür: Das Haus der Osteuropäer ist schäbig und heruntergekommen. Man muss nur in das Bekleidungsgeschäft nebenan gehen, um den Vermieter zu treffen. Tatsächlich wird man von einer Art Vorarbeiter der Männer dorthin geschickt, wenn man bei den Arbeitern klingelt, um sie zu sprechen. Nur ein Haus weiter findet man dann das Büro der Firma Perfect. Fragt man dort nach dem „großen Chef“, heißt es immer, der sei nicht da.

„Voll gelogen“

Der Ladeninhaber behauptet, es lebten vier Menschen in dem Einfamilienhaus. „Voll gelogen“, sagt Gemeinderatsmitglied Kolde nur, und der Vermieter sagt: „Ich kann ja nicht jeden Tag rüberlaufen und nachzählen.“ 700 Euro Warmmiete erhält der Ladeninhaber angeblich für sein heruntergekommenes Haus. Man kann es nicht nachprüfen.

Geht man mit Detlef Kolde durch Essens Zentrum, kann er einem in fast jeder Straße mindestens ein Haus zeigen, in dem Werkvertragsarbeiter wohnen. In ein altes Bekleidungsgeschäft wurden Betten gestellt. Er erzählt die Geschichte, wie einmal 16 Schlachter aus dem Haus kamen und in einen schrottreifen Transporter mit rumänischem Kennzeichen gestiegen sind.

Bürgermeister Kettmann ist sich des Problems bewusst. „Das sieht alles nicht toll aus“, sagt er und dass er mit den Werkvertragsfirmen und Danish Crown im Gespräch sei. „Sicher“, erwidert Kolde. „Die sind alle im Kontakt, nichts passiert.“ Mit Mieteinnahmen für Bruchbuden, in die niemand freiwillig einziehen würde, lässt sich eben gutes Geld verdienen.

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