Michael Schumacher in Lebensgefahr

Sicher am Limit

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Foto: Schumacher selbst hat während seiner aktiven Zeit als Rennfahrer gern den kompromisslosen Draufgänger gegeben

Hannover - Michael Schumacher ist ein Risikomensch – und hat sich doch immer zu schützen gewusst. Wurde ihm das zum Verhängnis?

Wenn es um diesen Mann geht, landen viele ganz unwillkürlich in der Sprache des Sports: „Ich weiß, er ist ein Kämpfer“, sagt Michael Schumachers langjähriger Manager Willi Weber. „Er hat bisher alles überstanden und kriegt auch das hin.“ Wie damals, als Schumacher noch Formel-1-Rennfahrer war, nimmt die Welt in diesen Tagen in Echtzeit Anteil an dem Kampf, den der Rekordweltmeister nach seinem schweren Skiunfall im Krankenhaus von Grenoble führt. Und manches Statement klingt, als ginge es dabei um Schumachers achten Weltmeistertitel und nicht um ein Ringen mit dem Tod.

Sportler wie Dirk Nowitzki oder Boris Becker zeigen sich nach dem Unfall schockiert, und auch der frühere US-Präsident Bill Clinton bekundet seine Anteilnahme: „Ich bete für ihn und seine Familie“, twitterte er. Journalisten belagern die Klinik, in der Schumacher wegen eines schweren Schädel-Hirn-Traumas behandelt wird. Etliche Übertragungswagen stehen davor, jedes Bulletin wird sofort verbreitet. Ein Reporter versuchte gar, als Priester verkleidet in Schumachers Zimmer zu gelangen.

Und die Managerin des Verunglückten bemüht sich, einiges geradezurücken: Schumacher habe einem gestürzten Freund geholfen und sei danach in den Tiefschneebereich zwischen zwei Pisten gefahren, erklärte Sabine Kehm jetzt. Dort sei er bei einer Wende gegen einen Felsen gefahren und gestürzt: Mit hoher Geschwindigkeit sei er nicht unterwegs gewesen, versichert sie, und er soll auch einen Helm getragen haben.

Vermutlich ahnt die Managerin, dass sich in vielen Köpfen längst die Vorstellung von Schumacher als rauschhaftem Raser verfestigt hat, der nach seiner Formel-1-Karriere nicht von der Droge Geschwindigkeit lassen konnte und der auf der Skipiste jetzt eben den Bogen überspannt hat. Tatsächlich ist Schumacher ja eine Schlüsselfigur einer Ära, in der Risikobereitschaft und Geschwindigkeit zu Leitwährungen geworden sind, auch in der Wirtschaft und in der Arbeitswelt. Unbewusst sieht mancher in Schumachers Sturz eine Art Menetekel, ein gesellschaftliches Symptom: Ist doch logisch, dass es die Ikonen einer so gepolten Welt als erste aus der Kurve tragen muss. Das ist eben die Quittung für ein Leben am Limit.

Doch überfrachtet man nicht einen kurzen, schicksalhaften Augenblick auf einer Skipiste, wenn man in ihm nun die Quintessenz einer ganzen Biografie sehen will? Die zwingende Konsequenz eines Lebensstils, der auf dem Altar des „Höher, Schneller, Weiter“ jede Sicherheit geopfert hat? Und war der Rennfahrer Schumacher nicht gerade als kühler Asket bekannt, der Risiken genau berechnete und sich für die Verbesserung der Sicherheit in den Cockpits einsetzte? Schließlich wurde er in seiner langen Karriere nur einmal ernsthaft verletzt, 1999 in Silverstone, als er bei einem Crash mit einem Beinbruch davonkam.

Schumacher selbst hat während seiner aktiven Zeit als Rennfahrer gern den kompromisslosen Draufgänger gegeben: „Du musst manchmal brutal sein, auch zu dir selbst“, war einer seiner Sätze. „Wenn du gewinnen willst, gehst du an alle Grenzen.“ Oder: „Ich verfahre nach dem Schicksalsprinzip: Wenn’s passieren soll, wird’s passieren.“ Worte eines Mannes, der sich als Hasardeur präsentiert – vielleicht auch, um vom Image des kalten Computers am Steuer wegzukommen.„Als Formel-1-Fahrer ist Schumacher eindeutig ein Risikomensch gewesen“, sagt der hannoversche Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss. Bei allem Sicherheitsdenken bleibt eine Rennstrecke eine hochriskante Sphäre: Schumacher versuchte dort, Konkurrenten von der Strecke zu drängen, und riskierte dabei auch Unfälle, wie 1997, als er in Jerez den Wagen von Jacques Villeneuve rammte. Nach seinem ersten Abschied vom Formel-1-Zirkus fuhr er Motorradrennen und verletzte sich bei einem Sturz 2009 die Halswirbelsäule. Außerdem zeigte er sich als rasanter Jetski-Fahrer und leidenschaftlicher Skiläufer. Angesichts seines Unfalls nimmt sich seine Vita nun aus wie eine einzige Suche nach Grenzerfahrungen, bei der Schumacher immer eine seltsam vielschichtige Haltung zum Risiko einnahm.

Offenbar gibt es ein menschliches Grundbedürfnis, Wagnisse einzugehen: „Wir suchen ein Leben lang die Balance zwischen Risiko und Kontrolle“, sagt der Jenaer Psychologe und Risikoforscher Rüdiger Trimpop. Dieses Verhalten sei evolutionär vorgegeben: „Wer ein Risiko eingeht, wird dafür mit einem Adrenalinschub belohnt – und ohne Risiken kein Fortschritt.“ Unter Umständen, sagt Trimpop, könnten Menschen regelrecht süchtig nach den mit Risiken verbundenen Glücksgefühlen werden.

Extreme Risikosucher – hormonell bedingt sind dies häufiger Männer als Frauen – bewegt dabei ein ganzes Bündel von Triebkräften: „Es kann ihnen darum gehen zu zeigen, dass sie Gefahren beherrschen, aber auch um Bewältigung von Stress, um einen Abbau von Ängsten oder die Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit“, sagt Verkehrspsychologe Voss. Der Spitzensport kultiviert die Risikobereitschaft dabei in besonderer Weise: Wer etwas wagt, wird im Falle des Sieges mit Ruhm und Reichtum belohnt. Eine Niederlage bleibt in der Regel folgenlos.

Allerdings ist es ein populärer Irrtum, dass Risikobereitschaft und Sicherheitsdenken Antipoden sind. Sie gehen vielmehr oft Hand in Hand, sie bedingen und verstärken einander. Risiko und Sicherheit sind wie ungleiche Geschwister, die sich immer wieder gegenseitig herausfordern und nie voneinander loskommen. Unter Verhaltensforschern ist eine Geschichte berühmt: In den achtziger Jahren wurde ein Viertel der Münchener Taxis mit ABS ausgerüstet. Nach drei Jahren waren diese wenigen Fahrzeuge jedoch in knapp die Hälfte aller Taxiunfälle verwickelt gewesen. Die Fahrer waren angesichts der neuen Sicherheitstechnik schlicht leichtsinnig geworden, ihr Gespür für Gefahr war geschrumpft. „Eine Welt ohne Gefahr ist nicht nur langweilig, sondern auch gefährlich“, sagt Verkehrspsychologe Voss – ein paradoxes Fazit.

Auch Helme, Gurte oder Protektoren heben unser Sicherheitsgefühl – und sorgen dafür, dass zugleich unsere Risikobereitschaft steigt. Psychologen sprechen von einer „Risiko-Homöostase“, also einer Selbstregulation: Wie ein Thermostat die Raumtemperatur auf einer konstanten Temperatur hält, halten Menschen auch das Risikolevel ihres Lebens auf einem bestimmten Niveau. In Experimenten ließen Mütter ihre Kinder deutlich waghalsigere Spiele machen, wenn diese Ellenbogenschoner trugen. Und in der gefahrlosen Wohlstandsgesellschaft boomen Sportarten wie Bungee-Jumping oder Paragliding.

So gesehen ist es nur folgerichtig, dass ausgerechnet der sicherheitsbewusste Schumacher immer einen besonderen Drang zum Risiko zeigte – und sein eigenes Können auf ungewohntem Terrain womöglich falsch einschätzte: „Es ist möglich, dass jemand die Risiken gut kalkulieren kann, die er als Ferrari-Fahrer eingeht – nicht jedoch die Risiken beim Skilaufen“, sagt Verkehrspsychologe Voss. In einer zu großen Selbstsicherheit liegt die häufigste Gefahr für Menschen, die wie Schumacher das Risiko suchen. „Je harmloser etwas scheint, als desto gefährlicher entpuppt es sich dann oft“, sagt Psychologe Trimpop. Dann könne es auch risikoerfahrenen Menschen so gehen wie vor ein paar Jahren dem Bergsteiger Reinhold Messner: Der erste Mensch überhaupt, der auf alle Achttausender gestiegen war, hatte den Schlüssel vergessen. Also kletterte er über die Gartenmauer der Burg Juval in Südtirol, die er bewohnt. „Er war unaufmerksam, stürzte – und brach sich das Fersenbein“, sagt Trimborn.

Gemessen am Schicksal Michael Schumachers ist Messner sehr glimpflich davongekommen.

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