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Von wem sind denn die Blumen?

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Foto: Nationalität Nebensache: Benjamin Hoffmanns Kunden genügt’s, wenn die Blumen von seinem Stand gute Laune machen.

Hannover - Tulpen in Kübeln, Primeln auf Paletten: Blumen machen glücklich und zufrieden – solange man nicht nach ihrer Herkunft fragt.

Auf den ersten Blick sind es einfach Blumen, die Benjamin Hoffmann verkauft. Lilien, duftend und nicht duftend, Rosen, Mumis, Chrysanthemen. Und Tulpen, viele Tulpen. Ihre sommergelben, hochzeitsweißen und samtvioletten Blüten fangen den Blick der Wochenmarktbesucher im hannoverschen Stadtteil List ein, werden auserwählt, bezahlt, in Papier gewickelt und verschwinden in den Armbeugen der Kunden.

Auf den zweiten Blick aber ist es Lebensfreude, die Benjamin Hoffmann verkauft. Ein Strauß Glück, ein Bund Wonne. Wenn Menschen vor Kübeln, Paletten und Regalen voll Blumen stehen, schauen sie einfach anders drein als im Supermarktgang zwischen Cornflakes und Tütensuppen. Erfreut, aufgeschlossen, glücklich eben. Benjamin Hoffmann weiß über seine Kunden, was er wissen muss: „Frau Wagner, dürfen es heute wieder die Hornveilchen sein?“ – „Frau Müller, wie haben Ihnen die Schleifenblumen von letzter Woche gefallen?“ Aber wie viel wissen eigentlich die Kunden über ihren Lieblingsstrauß? Eine kleine Umfrage am Stand: Was meinen Sie, woher kommen Ihre Blumen? Die häufigste Antwort: Achselzucken. Die zweithäufigste: „Holland?“ Benjamin Hoffmann sagt: „Ich glaube, viele wollen nicht so genau wissen, wo die Blumen angebaut werden.“

Blumen, ob im Topf oder im Bund, scheinen herkunftslos zu sein. Objekte ohne Wurzeln und Geschichte. Sie sind einfach da, und sie sind schön. Anders als bei Lebensmitteln, Kinderspielzeug und Kleidung gibt es bei Blumen kaum Interesse an ihren Produktionsbedingungen und -standorten. Dabei hat die Schnittblumenproduktion längst industrielle Ausmaße angenommen. Weltweit werden auf mehr als 200.000 Hektar Schnittblumen angebaut; als wäre der Globus ein Blumenbeet. Zunehmend wird die Produktion in Äquatornähe verlagert – nach Kolumbien und Ecuador, nach Kenia, Äthiopien, Sambia.

Es sind vor allem Rosen, die in diesen Ländern angebaut werden – keine andere Schnittblume garantiert einen so guten Preis und so große Abnahme wie die Rose. Schließlich sind Muttertag und Valentinstag ohne Rose in Deutschland, den USA oder Frankreich undenkbar; Russland und viele osteuropäische Staaten würden wiederum keinen internationalen Frauentag ohne Rose begehen. Schon diese Festtage sorgen für einen weltweit konstant hohen Bedarf an Rosen, den die Rosenstöcke in niederländischen Gewächshäusern längst nicht mehr allein decken können.

Lediglich 18 bis 20 Prozent der in Deutschland verkauften Schnittblumen werden nach Angaben des Fachverbands Deutscher Floristen auch hierzulande geerntet. Die Niederlande sind nach wie vor Hauptproduzent von Blumen und Pflanzen, aber immer mehr niederländische Gärtnereien verlagern ihren Anbau in die weite Welt. Über den Anteil der Schnittblumen aus Drittländern gibt es sehr weit voneinander abweichende Angaben. Der Verband des Deutschen Blumenhandels geht davon aus, dass fast jede sechste in Deutschland verkaufte Rose aus Afrika oder Südamerika kommt, andere Schätzungen rechnen dagegen mit drei Vierteln Importrosen. Die Zahl ist ein Politikum, denn sie verweist auf die unbehagliche Doppelnatur globalisierter Märkte: Was den einen höchste Konsumfreuden beschert, bedeutet für die anderen Ausbeutung.

Gute Rosen aus Holland, schlechte Rosen aus Kenia? Wenn es mal so einfach wäre. Britische Forscher konnten nachweisen, dass die Klimabilanz einer kenianischen Rose trotz des langen Flug- und Lkw-Transports zu den holländischen Blumenbörsen besser ist als die Klimabilanz einer holländischen Rose, die im beheizten und künstlich beleuchteten Treibhaus wächst. Der CO2-Ausstoß der holländischen Rose ist dadurch sechsmal höher als jener der günstigeren kenianischen Rose, was gut für die Umwelt ist und gut fürs Gewissen. Aber leider doch sehr wenig aussagt über die Bedingungen vor Ort. Zum Beispiel über den hohen Wasserverbrauch: Sieben bis 13 Liter Wasser werden in Kenia für die Produktion einer einzigen Rose benötigt – Wasser, das der Bevölkerung zum Trinken, Kochen und Waschen fehlt, während zugleich die ihr zur Verfügung stehenden Wasservorkommen durch die chemisch belasteten Abwässer der Plantagen verschmutzt werden.

Oder über die Arbeitsbedingungen der Plantagenarbeiter, vorwiegend schlecht bezahlte Frauen, die oft ohne Schutz giftigen Chemikalien ausgesetzt sind. „In Kenia wird mit Pestiziden nicht gegeizt“, sagt Gertrud Falk, Referentin bei der Menschenrechtsorganisation Fian. „Der Anbau in Monokulturen und das feuchte Klima am Äquator begünstigen den Schädlingsbefall – um den strengen Importstandards der EU zu genügen, kommen in Kenia viele Pestizide zum Einsatz“, sagt Falk.

Erste Ansätze zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Rosenpflückerinnen gibt es bereits. Der deutsche Markt mit fair gehandelten Rosen wächst. Im Jahr 2013 wurden etwa 320 Millionen Rosen mit Fairtrade-Siegel verkauft – nach Angaben der Zertifizierungsorganisation Fairtrade sind 25 Prozent aller hierzulande verkauften Rosen solche aus Fairtrade-Anbau. Bei Kaffee, Bananen oder Kakao beträgt der Anteil fair gehandelter Ware nicht einmal fünf Prozent, was allerdings vor allem daran liegt, dass der Markt für diese Produkte sehr viel größer und gefragter ist als jener für Rosen. Außerdem hängt die Wahl des Kaffees vom individuellen Geschmack ab. Eine Rose ist für viele Menschen aber schlicht eine Rose. „Der hohe Anteil an fair gehandelten Rosen geht vor allem auf Supermarktketten zurück“, sagt Edith Gmeiner von Fairtrade Deutschland. „Die Rewe-Gruppe stellte vor sieben Jahren bei Rosen im Zehnerbund auf Fairtrade um – viele Ketten ziehen seitdem nach.“

Nicht nur an der Supermarktkasse gibt es die fair gehandelten und dennoch erstaunlich günstigen Rosen. Auch viele Blumenhändler und Floristen führen sie, behalten das aber lieber für sich. „Wir haben auch Fairtrade im Sortiment, aber auf Wochenmärkten ist kein Platz für Werbeschilder und Marketing“, sagt Heike Hoffmann-Plaß vom hannoverschen Blumenhändler Hoffmann.

„Viele Floristen wollen ihre Kunden nicht ins Grübeln bringen“, sagt Fian-Referentin Falk. „Sie denken sich: Wenn ich jetzt einige Blumen als fair gehandelt kennzeichne – welches Licht wirft das dann auf das übrige Sortiment?“ Diese Zurückhaltung ist möglich, weil die Kunden gute Produktionsbedingungen selten ausdrücklich einfordern. Auf dem Lister Wochenmarkt sagt Blumenhändler Benjamin Hoffmann: „Wenn im Fernsehen um den Valentinstag herum Reportagen über den Rosenanbau in Kenia zu sehen sind, fragen einige Kunden schon mal nach der Herkunft unserer Blumen – so wie sie nach Lebensmittelskandalen bei den Eierverkäufern oder den Fleischern an den Nachbarständen nachfragen.“ Die Fian-Mitarbeiterin Falk glaubt nicht, dass die Blumenkunden in absehbarer Zeit mehr Interesse für die Herkunft der Pflanzen aufbringen werden: „Es fehlt ein Bewusstsein für die Auswirkungen der industriellen Blumenproduktion.“

Kann man Gertrud Falk eigentlich mit einem Blumenstrauß Freude bereiten? „Je nachdem, was es für Blumen sind – und zu welcher Jahreszeit ich sie erhalte. Wer im Winter Schnittblumen kauft, muss wissen, dass sie entweder aus tropischen Ländern stammen oder unter enormem Energieaufwand angebaut wurden.“ Zum Glück ist ja bald Frühling.

Rosen auf Reisen

Kenia ist der größte Lieferant von Schnittblumen in die EU. Der Weg der Rosen von der Plantage in die Vase ist eine logistische Großleistung und dauert dennoch kaum länger als drei Tage. Sobald die Blumen gepflückt, zu Sträußen gebündelt und verpackt sind, werden sie in Kühlboxen zum Flughafen gebracht, von wo aus sie in Frachtmaschinen nach Amsterdam oder Frankfurt geflogen werden. Um Zeit zu sparen, landen die für den deutschen Markt bestimmten Blumen in Frankfurt, wo sie sofort im Lager für verderbliche Waren entladen werden, stets gekühlt und bewässert. Innerhalb weniger Stunden prüfen die Zollbehörden die Gesundheitszeugnisse der Waren. Dann werden die Rosen in Lkw verladen und zur Auktionshalle Veiling Rhein-Maas gebracht, die neben der holländischen Blumenbörse in Aalsmeer zu den größten Blumenauktionshallen weltweit zählt. Um fünf Uhr beginnen dort die Versteigerungen. Rund 700 Blumen-Broker ersteigern im Auftrag der örtlichen Händler Schnittblumen, die auf Transportbändern durch die Halle fahren. Eine Anzeigentafel gibt den Preis pro Stängel oder Kilogramm an. Die Uhr, wie Blumenhändler die Anzeigentafel nennen, läuft rückwärts: Angezeigt wird zunächst der Höchstpreis, der im Sekundentakt fällt. Aufgabe der Broker ist es, zum richtigen Zeitpunkt einen Buzzer zu drücken: Wer zu früh drückt, zahlt womöglich zu viel – wer zu spät drückt, verpasst das Geschäft. Spätestens um halb acht morgens ist der Handel abgeschlossen, die Blumen werden auf Lkw verladen, die sie zu den Gartencentern, Blumenläden oder lokalen Händlern bringen, die die Rosen schließlich zum Wochenmarkt fahren.

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