Organspendeaffäre

„Skandal“-Ärzte kannten sich aus Hannover

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Foto: Führt die Spur des Transplantationsskandals nach Hannover? Die unter Verdacht stehenden Ärzte arbeiteten früher beide bei der MHH.

Hannover/Göttingen - Im Zuge der Göttinger Organspendeaffäre sind jetzt auch weitere Betrugsfälle am Uni-Klinkum Regensburg bekanntgeworden. Der Leiter der Klinik für Chirugie wurde vom bayerischen Wissenschaftsministerium beurlaubt. Er hatte früher – wie der unter Verdacht stehende Arzt aus Göttingen – an der Medizinischen Hochschule Hannover gearbeitet.

Im Transplantationsskandal gerät jetzt immer mehr auch das Universitätsklinikum Regensburg ins Visier der Ermittler. Dort hat der unter Verdacht der Bestechlichkeit stehende und jüngst beurlaubte Leiter der Göttinger Transplantationschirurgie in den Jahren 2003 bis 2008 als Oberarzt gearbeitet. Nach Angaben des bayerischen Wissenschaftsministeriums besteht der Verdacht, dass auch in Regensburg im Zusammenhang mit Lebertransplantationen Krankendaten manipuliert wurden. Bei neuen Untersuchungen sei man auf insgesamt 23 Verdachtsfälle in den Jahren 2004 bis 2006 gestoßen. Der Fall sei bereits der Staatsanwaltschaft übergeben worden.

Der bayerische Wissenschaftsminister beurlaubte am Donnerstag den Direktor der Chirurgischen Abteilung am Regensburger Uni-Klinikum mit sofortiger Wirkung. Der 51-Jährige steht im Verdacht, seine Aufsichtspflicht verletzt zu haben. Der Professor kennt den Oberarzt, der erst in Regensburg, dann in Göttingen Patientendaten gefälscht haben soll, schon seit Jahren. Beide haben in den neunziger Jahren zusammen an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) gearbeitet. Der jetzt beurlaubte Leiter der Regensburger Chirurgie war damals Oberarzt, der zuletzt in Göttingen tätige Mediziner arbeitete an der MHH als Assistenzarzt.

Der heute 51-Jährige habilitierte sich 1994 an der MHH mit Forschungen zu Leber,- Lungen- und Herztransplantationen, er war Schüler des renommierten Transplantationsmediziners Rudolf Pichelmayr und vermutlich auch in dessen Team bei der ersten Lebendtransplantation einer Leber 1997. Der Arzt verließ Hannover im Jahr 2002 und war nach einem Jahr in Australien nach Regensburg gekommen.

Die Pressestelle der MHH wollte sich am Donnerstag zu den Vorwürfen und möglichen Querverbindungen zwischen Regensburg und Hannover nicht äußern. Zuvor hatte MHH-Vizepräsident Andreas Tecklenburg erklärt, es sei äußert unwahrscheinlich, dass der 45-jährige Oberarzt, ein Israeli palästinensischer Herkunft, nicht nur in Göttingen und Regensburg, sondern auch in Hannover Akten manipuliert haben könnte, um Patienten schneller eine Organsspende zu verschaffen. Er sei damals nur Assistenzarzt gewesen, außerdem gelte an der MHH ein Mehraugenprinzip.

Auffällig ist, dass der Pichelmayr-Schüler und leitende Mediziner aus Regensburg, der am Donnerstag beurlaubt wurde, Auszeichnungen in Russland und Jordanien bekommen hat. Aus Russland und Jordanien stammen auch Patienten, die in Regensburg und Göttingen bevorzugt eine Organspende erhielten.

Warum hat man in Regensburg die Manipulationen erst jetzt entdeckt? Schließlich war der Transplantationschirurg dort bereits 2005 durch Unregelmäßigkeiten aufgefallen. Mehrere jordanische Patienten wurden auf die Eurotransplant-Warteliste für postmortale Organspenden gesetzt. Damit dies nicht auffiel, wurde als Wohnort die Adresse des Regensburger Uni-Klinikums angegeben. Die Bundesärztekammer hatte ihren Bericht damals der Staatsanwaltschaft, drei bayerischen Ministerien, und dem Klinikaufsichtsrat übermittelt. Konsequenzen gab es daraufhin nicht. Einzige Folge war, dass die Regensburger Klinik Richtlinien für Organtransplantationen mit Auslandsbezug erließ.

Heidi Niemann und Saskia Döhner

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