Universitätsklinikum Göttingen

Skandal um Organspenden weitet sich aus

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Foto: Der Organspendeskandal an der Uniklinik in Göttingen weitet sich aus. Ein weiterer Arzt sei vom Dienst freigestellt worden, teilte die Universitätsmedizin Göttingen am Donnerstag mit.

Göttingen - Im Organspendeskandal am Universitätsklinikum Göttingen ist ein zweiter hochrangiger Mediziner ins Visier der Ermittler geraten. Der bisherige Leiter der Abteilung Gastroenterologie (Krankheiten von Magen, Darm, Leber) ist mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben freigestellt worden. Der 60-Jährige bestreitet die Vorwürfe.

Polizei und Staatsanwaltschaft hatten zuvor die Büroräume am Uni-Klinikum und das Privathaus des leitenden Arztes durchsucht und Festplatten sowie andere Datenträger sichergestellt. Sie werden zurzeit ausgewertet. Dem Mediziner und einem inzwischen entlassenen 45-jährigen Oberarzt, der früher die Transplantationschirugie der Klinik geleitet hatte, wird Manipulation von Patientendaten vorgeworfen.

Die neuen Erkenntnisse der Braunschweiger Spezialermittler für Korruptionsstrafsachen haben zudem jetzt auch die Staatsanwaltschaft Göttingen auf den Plan gerufen: Gegen beide Mediziner wurde ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung eingeleitet. Ausgelöst worden war der Verdacht gegen den zweiten Beschuldigten durch interne Ermittlungen der Klinik gegen den 45-jährigen Transplantationsmediziner.

Der erste Verdächtige war vor seiner Tätigkeit in Göttingen in Regensburg tätig. Dort soll er schon 2005 Patienten aus Jordanien verbotenerweise Spenderorgane verschafft haben. Dem Vernehmen nach soll der 45-Jährige zwischen 1999 und 2001 auch an der Medizinischen Hochschule Hannover gearbeitet haben.

Hinweise auf weitere Verdächtige gebe es bisher nicht, sagte ein Kliniksprecher in Göttingen. Beim Landessozialministeriums hieß es, selbst ein lückenloses Kontrollsystem schütze nicht vor der kriminellen Energie Einzelner.

Der jetzt neu verdächtigte 60-jährige Medizinprofessor ist seit 20 Jahren am Göttinger Uni-Klinikum tätig. Seit Oktober 1992 leitet er die Abteilung Gastroenterologie und Endokrinologie. Er sei mit Voruntersuchungen der Patienten zur Organtransplantation befasst gewesen, sagte am Donnerstag der Sprecher der Staatsanwaltschaft Göttingen, Andreas Buick. Damit habe er Einfluss auf den sogenannten Meld-Score der Stiftung Eurotransplant gehabt. Diese verteilt nach einem Kriterienkatalog Spenderorgane an Patienten in den acht Mitgliedsländern.

Die Göttinger Ermittler prüfen, ob die beschuldigten Ärzte durch die Manipulation von Patientendaten für einen unberechtigten hohen Meld-Score gesorgt haben. Dadurch könnten andere Patienten gestorben sein, weil sie nicht rechtzeitig eine Spenderleber erhielten.

Eine Kommission der Bundesärztekammer hatte alle Göttinger Lebertransplantationen in den Jahren 2010 und 2011 untersucht. Dabei ergab sich in 23 Fällen der Verdacht, dass medizinische Daten manipuliert wurden.

Jürgen Gückel und Heidi Niemann

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