Tödliche Unfälle an der Ostsee

Im Sog der See

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Foto: Schwimmverbot - na und? Die roten Fahnen wehen im Wind, die Rettungsschwimmer kämpfen um das Leben eines Badegastes - das hält kaum jemanden davon ab, ins Meer zu gehen. Fotos: Sylent-Press/Maxwitat/dpa

Lübeck - Es ist, als zöge das Meer die Menschen magisch an. Rauschend, gewaltig, wider alle Vernunft. Die rote Fahne flappt im Wind, sie tut es nicht zur Zierde, sie zeigt Gefahr an. Doch das kümmert viele Badegäste nicht.

Lebensgefahr. Schwimmen verboten. Aber viele Badegäste in Scharbeutz, knapp 30 Kilometer nördlich von Lübeck, kümmert das nicht. Sie steigen in die schäumenden Fluten der Ostsee.

Robert Sandig ruft ihnen hinterher, durchs Megafon mahnt der Rettungsschwimmer Alte, Junge, auch Familien mit Kindern, schnell herauszukommen aus der gefährlichen See - „Unterströmung!“ -, aber die meisten hören weg. Leichtsinn, über den Robert Sandig den Kopf schüttelt. Mehr kann er nicht tun. Er ist ja Rettungsschwimmer und kein Polizist. Er kann nur Empfehlungen aussprechen, keine Verbote.

Die Ostsee kennt keine Gezeiten; sie gilt als das ruhigere, verlässlichere der beiden deutschen Meere. Und vielleicht liegt es ja an diesem falschen Schein, dass sie schon so vielen Urlaubern in diesem außergewöhnlich windigen Sommer zum tödlichen Verhängnis geworden ist.

In Schleswig-Holstein starben in dieser Saison bereits sieben Menschen bei Badeunfällen, fünf von ihnen im Lübecker Raum. In Mecklenburg-Vorpommern ertranken allein am vergangenen Wochenende sechs Menschen. Die Rettungsschwimmer der DLRG sind stark gefordert in diesen Tagen, und glücklicherweise geht ihr Einsatz oft auch gut aus. 45 Badegäste konnten die freiwilligen Helfer in den zurückliegenden Wochen aus lebensbedrohlichen Situationen an Nord- und Ostsee befreien.

Die Helfer von der DLRG müssten wohl seltener ausrücken, wenn die Urlauber nicht so sorglos wären. „Ich appelliere an die Vernunft der Menschen“, sagt Robert Sandig. „Selbst ein gestandener Mann kann der starken Strömung nicht viel entgegensetzen. Wenn man dann in Not gerät, bringt man potenzielle Helfer und auch uns von der DLRG in Gefahr.“ Ein Argument, gegen das eigentlich niemand etwas vorbringen kann.

Eigentlich. Aber der Einsatz der am Strand patrouillierenden Rettungsschwimmer gegen die Uneinsichtigkeit gleicht mitunter einer Sisyphusarbeit: „Wir schicken die Leute aus dem Wasser, drehen uns um, und schon baden die ersten weiter“, sagt der Rettungsschwimmer Dirk Nienhues. Manche wollten schlicht nicht verstehen, sagt der junge Mann. Andere wiederum überschätzten ihre Kräfte und seien fest der Meinung, ihnen könne im Wasser nichts passieren. „Ein häufig fataler Irrtum“, sagt Dirk Nienhues.

Aber was ist nur los mit der Ostsee in diesen Wochen? Warum schlagen ihre Wellen so viel höher als in den Sommermonaten früherer Jahre, warum geraten so viele Schwimmer in den Sog der See? Das fragen sich jetzt viele - nicht nur jene, die gespart haben für ein paar nette Tage am Wasser und jetzt eben dieses Wasser meiden sollen.

Es gibt wohl kaum jemanden, der die Ostsee besser kennt als die Forscher vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde. Einer von ihnen ist der Physiker Ulf Gräwe. „Es gibt zwei Gründe für die derzeit starke Strömung an der Ostsee“, sagt Gräwe. „Zum einen beobachten wir jetzt eine sehr seltene Wetterlage: Es weht ein starker Nordost-Wind, den auf seinem Weg von Finnland bis Rügen über 800 Kilometer nichts aufhält. So bilden sich hohe Wellen, die in der bei anderen Windverhältnissen ja gut geschützten Lübecker Bucht mit großer Wucht an Land ankommen.“ Und der zweite Grund?

„Der hängt mit den Sandbänken 200 Meter vor dem Strand zusammen“, sagt Gräwe. „Eigentlich bilden sich dort im Winter Sandbänke, die im Sommer die Wellen brechen. Aber die starken Winde im Winter haben die Sandbank der Lübecker Bucht weitgehend abgetragen, in der Bank klaffen Lücken, und weil das Wasser auf dem Weg zurück ins Meer den Weg des geringsten Widerstands wählt, strömt es durch diese Lücken ab - dabei entsteht die gefährliche Unterströmung.“

Bei solch einer Unterströmung zerrt das Wasser am Schwimmer; es kommt auf eine Geschwindigkeit von einem halben Meter pro Sekunde - zu stark, selbst für einen trainierten Schwimmer. Badegäste verlässt dann schnell die Kraft, noch bevor sie das Ufer erreichen können. Eben das widerfuhr jetzt einem 13-jährigen Jungen. Er hat es nicht mehr ans Ufer geschafft, Rettungsschwimmer mussten ihn aus dem Wasser ziehen. In Timmendorfer Strand wurde eine Frau von einer Welle erfasst und mitgerissen, obwohl sie sich nur bis zu den Knien ins Wasser gewagt hatte. Auch sie wurde gerettet.

„Der eigentliche Grund für die Tragödien an der Ostsee hat aber nicht so sehr was mit Physik zu tun“, sagt der Meeresforscher Gräwe, „die Leute überschätzen sich.“nThies Wolfhagen ist der DLRG-Landesgeschäftsführer in Schleswig-Holstein. Seit Tagen schon gibt der Mann unermüdlich Interviews, bittet, mahnt, appelliert und versucht, den Leichtsinn zu erklären: „Es herrscht eine gewisse ,Vollkasko-Mentalität’, sagte er kürzlich in einem „Spiegel“-Gespräch. „Die Leute kommen hier zum Schwimmen her und sagen: ,Ich hab doch meine Kurabgabe bezahlt, dann gehe ich auch davon aus, dass hier alles sicher ist.’ Das hört man tatsächlich von Badegästen.“

Jetzt hoffen die Helfer auf das Wetter. Zum Wochenende ist Regen angekündigt. Die Badegäste wird das nicht freuen, aber vielleicht wird es manch einen ja vor Schlimmerem bewahren.

Von Oliver Vogt und Jan Sluma

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