Aktive Sterbehilfe

Sohn tötete Mutter aus Mitgefühl

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Foto: Weil er seine Mutter erstickt haben soll, muss ein 26-jähriger Mann in Braunschweig vor Gericht.

Braunschweig - Weil er seine schwer kranke Mutter getötet haben soll, muss sich seit Mittwoch ein 26-Jähriger im Landgericht Braunschweig verantworten. Er habe sie von ihren Leiden erlösen wollen.

Jan H. hat seiner Mutter die Hand gehalten und ihr eine Kindergeschichte vorgelesen - und dann hat er sie erstickt. „Ich habe keinen anderen Ausweg gesehen, um sie von ihren Leiden zu erlösen“, sagt der blasse junge Mann mit der Stirnglatze in stockendem Ton. „Ich weiß, dass sie das selbst auch so gewollt hätte.“

Der 26 Jahre alte Hildesheimer muss sich seit Mittwoch vor dem Landgericht Braunschweig verantworten, weil er am 3. Januar in einem Pflegeheim in Wendhausen bei Braunschweig seine schwer kranke 47-jährige Mutter getötet hat. Sollte der Angeklagte wegen Totschlags verurteilt werden, drohen ihm fünf Jahre Haft. In dem Prozess geht es aber nicht nur um Strafzumessung in einem Einzelfall. Es geht auch um die rechtliche Bewertung aktiver Sterbehilfe. Denn Jans Mutter war gelähmt und nicht mehr ansprechbar, seitdem sie vor acht Jahren bei einem Urlaub in Italien vom Pferd gefallen und mit dem Kopf auf einen Stein aufgeschlagen war. Nach einem halben Jahr in einer Reha-Klinik in Hessisch-Oldendorf stand fest, dass sie vermutlich nie mehr aus ihrem Koma erwachen würde. Sie wurde daher zur „funktionserhaltenden Dauerpflege“ in das Pflegeheim verlegt.

Für den einzigen Sohn war es ein Schock, seine Mutter plötzlich mit ihrem starren Blick zu erleben. In dieser kompletten Hilflosigkeit, röchelnd und mit verkrampften Händen. „Es tat mir weh, meine Mama so zu sehen und dagegen nichts machen zu können“, sagt der Angeklagte. Im Alter von fünf Jahren hatte Jan H. bereits seinen Vater verloren. Seine Mutter wurde daher zu seiner einzigen Bezugsperson. Als sie einige Jahre später ein zweites Mal heiratete, fühlte er sich an den Rand gedrängt. Es kam zu Konflikten. Jan H. berauschte sich mit Drogen, hatte Schulprobleme, zog von zu Hause aus. Nach dem Unfall seiner Mutter kamen Depressionen und ein Suizidversuch dazu. Sein Stiefvater fand Trost bei einer neuen Frau, doch Jan blieb allein. „Für eine Freundin wären meine furchtbaren Träume, meine nächtlichen Schreie unzumutbar gewesen“, sagt er.

„Mama, heute bring ich dich weg von hier“

Schließlich bat er, unterstützt von seinem Stiefvater, darum, seine Mutter zu „erlösen“. Doch Heimleitung und Betreuerin lehnten bei einem Gespräch im März 2011 jede Form der Sterbehilfe entschieden ab. Und seine Mutter hatte keine Patientenverfügung hinterlegt. Theoretisch hätte er vor Gericht die Verlegung in ein anderes Heim erkämpfen können. Doch die Erfolgschancen standen schlecht - zumal jetzt auch sein Stiefvater die Sicht der Heimleitung übernahm. Daraufhin reifte in Jan H. der Entschluss, selbst Hand anzulegen.

Der Angeklagte hält kein flammendes Plädoyer für die Sterbehilfe, seine Stimme ist brüchig und voller Trauer, während er dem Gericht Rede und Antwort steht. „Mama, heute bring ich dich weg von hier“, habe er seiner Mutter gleich nach seiner Ankunft in ihrem Zimmer gesagt. „Ich halt dir nur kurz die Luft an und befreie dich.“ Dann habe er wie einst seine Mutter aus dem Buch „Die Schule der kleinen Vampire“ vorgelesen, die Beatmungskanüle aus der Luftröhre gezogen, den Luftröhrenschnitt mit der Hand zugehalten und ein Handtuch auf Nase und Mund gepresst. Minutenlang.

Am nächsten Tag stellte er sich der Polizei. Sein Stiefvater hatte ihm klar gemacht, dass die Polizei sowieso schon Bescheid wusste. Es konnte ja kein Zufall sein, dass die Komapatientin tot im Bett lag, nachdem ihr Sohn das Zimmer verlassen hatte - zumal Jans Wunsch nach Sterbehilfe dem Heim bekannt war. Ein Pfleger war kurz ins Zimmer gekommen, während Jan H. seiner Mutter vorgelesen hatte. Wie der Angeklagte mit seiner Mutter umgegangen sei, will der Vorsitzende Richter Ralf Polinski wissen. Die Antwort: „Liebevoll, sehr liebevoll.“

Ein medizinischer Sachverständiger bestätigt vor Gericht, dass die Aussicht auf Besserung äußerst gering gewesen sei. Bisweilen habe die Komapatientin zwar Gegenstände und Gesichter fixiert, von einer bewussten Wahrnehmung aber könne keine Rede sein. Das sagen auch die Heimmitarbeiter. Der Angeklagte hält ihnen vor, dass sie in der Frage der Sterbehilfe „nicht objektiv“ sind. „Dann würden sie ja ihre eigenen Arbeitsplätze abschaffen“, sagt der Mann in der Kapuzenjacke. Dass er selbst für die Tat ins Gefängnis kommen könne, sei ihm von vornherein bewusst gewesen. Er bereue daher nichts. Im Gegenteil. „Ich bin froh, dass ich’s hinter mir habe.“

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