Grusel-Mord in Dresden

Soko „Pension“ ermittelt im Kannibalen-Mord

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Foto: Spurensuche im Osterzgebirge: Die Tat soll sich in einer Pension bei Dresden ereignet haben. Sie gehört dem Verdächtigen, hatte zu dem Zeitpunkt wegen einer Renovierung aber keine Gäste.

Hannover/Dresden - Nach dem Fund der zerstückelten Leiche des in Hannover lebenden Geschäftsmannes Wojciech S. im Erzgebirge versucht die Polizei weiter, Licht in die Angelegenheit zu bringen. Die Behörden haben eine 45-köpfige Sonderkommission ins Leben gerufen, um die Hintergründe der Tat zu klären.

Es ist der 4. November, ein Montag, 6.50 Uhr am Morgen, da steigt hinter dem hannoverschen Hauptbahnhof ein 59-jähriger Mann in einen Fernbus. Er fährt Richtung Berlin, von dort will er weiter nach Dresden. Es ist eine dieser Verbindungen, die neuerdings quer durch die Republik führen. Der Bus ist billiger als die Bahn, vielleicht geht es ihm um den Preis. Vielleicht findet er den Bus auch einfach bequemer. Man weiß das nicht genau.

Was man hingegen recht genau kennt, ist der Plan, den der Mann in diesem Moment in seinem Kopf hat. Er will sich am Dresdener Hauptbahnhof mit einem anderen Mann treffen, einem 55-Jährigen, und mit ihm nach Hause fahren. Und als Wojciech S. aus Hannover am Ende dieses Tages tot ist, ermordet und zerteilt von dem Mann, der ihn am Bahnhof abgeholt hat, da hat sich sein Plan erfüllt.

So ist es geschehen, so hat es die Polizei in Dresden am Freitag berichtet. „In diesem Fall wurden mehrere Grenzen überschritten“, so hat es der Dresdener Polizeipräsident Dieter Kroll Freitag gesagt, und vielleicht ist diese nüchterne Sprache ja tatsächlich ein geeignetes Mittel, um den Schauder dieses Geschehens ein wenig zu mildern. Es ist dieses Nebeneinander von Banalität und Brutalität, von scheinbar ganz normalen bürgerlichen Existenzen und extrem abstrusen Fantasien, was diesen Fall so unheimlich wie erschütternd macht – und das am Ende dann auch eine Menge Fragen aufwirft. Kann man irgendwie erklären, wie ein Mensch den Wunsch entwickelt, sich töten, zerstückeln und schließlich, ja, auch essen zu lassen? Wie er diesen Wunsch offenbar über Monate verfolgt und dann bei vollem Bewusstsein umsetzt? Und kann man andererseits erklären, wie ein Mann, Polizist obendrein, diesen Wunsch auch noch erfüllt?

Wer im Leben dieser beiden Männer nach Antworten sucht, der findet Ansätze. Keine fertigen Erklärungen, nichts, das durch Schlüssigkeit beruhigt, aber immerhin Hinweise. So hat die Polizei den Computer des Getöteten untersucht. Gefunden hat sie Anzeichen dafür, dass der 59-Jährige offenbar schon als Jugendlicher die Fantasie hatte, sich töten und essen zu lassen. Was zu dem passt, was Psychiater über Menschen wie ihn wissen: dass ihre Störungen oft eine sehr lange Vorgeschichte haben, dass sie bis in die Kindheit reichen, aber dass sie dennoch oft eine nach außen ganz normale Existenz führen können. Der 59-jährige, der polnischstämmige Wojciech S., arbeitete als Unternehmensberater, war CDU-Mitglied, wohnte zuletzt in Hannover-Vahrenwald. Er galt als zuverlässig. Jedenfalls als so zuverlässig, dass ein Geschäftspartner aus Unna eine Vermisstenanzeige aufgab, als er nicht zur Arbeit erschien. Er hat auch ein Kind, eine Frau, die er vor zwei Monaten jedoch verlassen haben soll. Vielleicht wurden seine Fantasien da endgültig übermächtig.

Den 55-Jährigen wiederum muss man sich wie sein genaues Gegenstück vorstellen. Es ging, das ist das Wahrscheinlichste, um Lust. Um extreme Lust, das Opfer zu sein. Und Lust, ein Täter zu sein. Er habe keine sexuellen Motive gehabt, beteuert der 55-Jährige. Er habe lediglich einen Wunsch erfüllen wollen, erklärte er. Experten halten das für ungewöhnlich. Die Ermittler bezweifeln das.

Detlev G. war selbst Polizist, beim Landeskriminalamt Sachsen war er Spezialist für Täterhandschriften. Gelebt hat er an einem abgelegenen Ort nahe der tschechischen Grenze, im Gimmlitztal. „Ferienheim“, der Schriftzug prangt noch oben an seinem großen grauen Haus. Dass er homosexuell ist, dass er hier mit seinem Freund lebte, das gehört zu den Dingen, die die wenigen Nachbarn im Ort von ihm wussten. „Der Detlev war ganz nett und hilfsbereit“, sagt eine Nachbarin. Man feierte auch zusammen. Kindergeburtstage. Silvester. Man glaubte, einander gut zu kennen.

Zueinander gefunden haben die beiden Männer über eine Plattform im Internet – dieselbe Plattform, über die auch jener Mann 2001 sein Opfer fand, der als „Kannibale von Rotenburg“ bekannt wurde. Seit Wochen, so rekonstruieren es die Ermittler, hatten sich die beiden Männer gemailt. Sich ihre Fantasien beschrieben, ihr Treffen ausgemalt. Zur Fantasie des Opfers gehörte offenbar, sich essen zu lassen.

Ob Detlev G. das getan hat, ist unklar. Klar ist aber, was geschehen ist, nachdem sich die Männer am Dresdener Bahnhof getroffen haben. Zusammen sind sie, mit G.s Auto, zu dessen Haus gefahren. Gleich nach der Ankunft, so hatten sie es verabredet, sollte es geschehen. G. tötete sein Opfer mit einem Messer. Fünf Stunden brauchte er, um es zu zerstückeln und die Teile im Garten zu vergraben.

Gut drei Wochen später, am vergangenen Mittwoch, betreten die Ermittler der Dresdener Polizei das Büro Detlev G.s. Es ist 8.20 Uhr am Morgen. Sie nehmen einen Kollegen fest. Wegen Mordverdachts. Er weiß, was das bedeutet. Es heißt, Detlev G. habe sich gleich gefügt.Das Recht soll beruhigen. Es hat Kategorien für das, was geschehen ist. Die eine lautet „Tötung auf Verlangen“. Die Strafe betrüge höchstens fünf Jahre. Dafür müssen sich Täter und Opfer gut kennen. Die Frage ist, ob man sich gut kennt, wenn man sich ein paar Wochen lang intime Mails geschrieben hat.

Die andere Kategorie lautet „Mord“. Dazu müsste es auch um sexuelle Motive gegangen sein. So, wie es die Staatsanwaltschaft annimmt. Die Strafe wäre lebenslänglich.Ein Gericht wird, das ist sehr wahrscheinlich, Detlev G. verurteilen. Die Frage ist, ob sein Fall damit erledigt ist. Über den „Kannibalen von Rotenburg“ wurde ein Film gedreht. Es gibt ungezählte Lieder, Bilder und eben Filme über Menschen, die Menschen essen. Psychologen vermuten, dass das mit unserer Geschichte zu tun hat. Damit, dass Opferbereitschaft und Hingabe auch in extremer Form in der Vorzeit sehr wichtige Werte waren. Es würde zumindest ein wenig die Faszination erklären, die von solchen Fällen ausgeht. Und es würde sie, sollte es stimmen, noch beunruhigender machen, als sie es ohnehin sind.

Andere Fälle

■  Der Kannibale von Duisburg: Joachim Kroll wird im Sommer 1976 in seiner Wohnung in Duisburg festgenommen, als die Polizei nach einem verschwundenen, vier Jahre alten Mädchen aus der Nachbarschaft sucht. Sie finden die Innereien des Kindes in der verstopften Toilette des 43-Jährigen, der gerade dabei ist, Teile der Leiche zu kochen. Insgesamt soll er acht Morde begangen haben. Er wird zu neun Mal lebenslanger Haft verurteilt und stirbt 1991 im Gefängnis. ■  Der Kannibale von Koblenz: Der arbeitslose Elektriker Thomas S. soll am 10. Januar 2002 seine 22 Jahre alte Cousine im Schlaf erstickt haben. Danach soll er den Leichnam der Frau, mit der er sich eine Wohnung im rheinland-pfälzischen Brohl-Lützing teilte, zerlegt und ihre Arme und Beine im Ofen erhitzt haben. Wegen verminderter Schuldfähigkeit wurde Thomas S. nie verurteilt. Er sitzt seitdem in der Psychiatrie.■  Der Kannibale von Rotenburg: Armin Meiwes tötet am 9. März 2001 den 43 Jahre alten Bernd B. und verspeist in den folgenden Monaten dessen Leiche. Der Berliner reiste zuvor zu dem damals 40-Jährigen nach Rotenburg in Baden-Württemberg. Die beiden hatten sich auf der gleichen Internetseite kennengelernt wie Detlev G. und sein Opfer aus Hannover.jki

Über das Verbrechen bei Dresden berichten Thorsten Fuchs, Jörn Kießler, Tobias Morchner, Romy Richter, Christoph Springer und Michael Thomas

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