Flüchtlinge in Zeiten von Pegida

Die Sorgen der Anderen

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Foto: Eine Frau und ein Mann gehen in Berlin auf einem Grundstück auf eine Wärmelufthalle zur Unterbringung von Flüchtlingen zu.

Berlin - Millionen Deutsche diskutieren seit Wochen über Zuwanderung und die diffusen Sorgen Tausender Pegida-Demonstranten. Aber was sagen die, über die geredet wird? Spurensuche in einer Berliner Notunterkunft für Flüchtlinge.

Schlicht und schnörkellos wölben sich die beiden Traglufthallen über den eisigen Kunstrasenplatz mitten in Berlin. „Wie die ersten Behausungen auf dem Mars in Science-Fiction-Filmen“, sagt Ashraf Ahmed. Die Aliens, die hier leben, sind Flüchtlinge, die in Deutschland auf ein neues Leben hoffen. Greise ohne Zähne, junge Männer ohne Pläne, Frauen voller Zuversicht, Kinder, die Kalaschnikows malen.Die Hallen liegen nur einen kurzen Spaziergang vom Bundestag entfernt. Nebenan das Poststadion, in dem früher die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bejubelt wurde, auf der anderen Seite das Gefängnis Moabit. Das Stadion steht leer, das Gefängnis nicht.

14 Männer in einem Raum

Ashraf Ahmed betritt die warme Notunterkunft durch eine Druckschleuse. Ein paar Nächte lebte der rundliche Ägypter selbst in der Traglufthalle, dann musste er fort, wie alle. Nach vier Nächten sollen die Flüchtlinge in ein Erstaufnahmelager und damit ins Asylverfahren kommen. So die Theorie. Wie alle hat sich Ahmed sein Zimmer mit fünf anderen Flüchtlingen geteilt - mittlerweile lebt er in einer anderen provisorischen Bleibe, 14 Männer in einem Raum.Mit breitem amerikanischem Akzent erzählt der 39-Jährige auf Englisch von seiner Flucht. Er hat einen Masterabschluss in Wirtschaft von der American University in Kairo, und er weiß, dass er viel weiß. Aber als Atheist sah er keine Zukunft in einem streng islamischen Staat. „Entweder Du schüttelst den Extremisten die Hand, oder sie schlagen Dich mit der anderen.“ Also nichts wie raus, Abflug nach Paris, 20 Tage festgehalten am Flughafen, dann weiter mit dem Zug nach Berlin.

„Meine Güte, jetzt lebe ich in einem Zelt“, war sein erster Gedanke, als er die Hallen zum ersten Mal sah. „Aber zumindest ist es sauber.“ In den engen Schlafkabinen leuchtet alles klinisch weiß: Wände, Schrank, Tisch, Stuhl, Bettzeug. Nur auf einem Laken sorgt ein totes Insekt für farbliche Abwechslung.

800.000 Euro hat Berlin für den Aufbau der Notunterkunft bezahlt. Teuer, aber nicht sexy. Ein Bundestagsabgeordneter hat eine Tischtennisplatte gespendet, in einer Spielecke toben Kinder, in einer anderen sitzen junge Männer auf schwarzen Sofas. Wenn es voll wird, hat jeder der 294 Bewohner maximal drei Quadratmeter für sich - kaum mehr als ein Bett. Familien werden getrennt, Männer schlafen im kleineren Zelt, weg von den Frauen. Damit es keine Übergriffe gibt, sagen die Organisatoren. „Damit die Familie nicht mit vier Kindern kommt und mit acht Kindern geht“, sagt Ahmed.

„Viele Kinder malen Messer, Kalaschnikows, Panzer“

An einer Wand hängen gemalte Kinderbilder. Fast alle zeigen Flaggen: Deutschland, Syrien, Afghanistan. „Germany people are good“, steht auf einem. Ein anderes zeigt ein schwarzes Boot im tosenden Meer, darüber ein Bogen, der die deutsche und syrische Fahne verbindet. Die Bilder seien spontan entstanden, sagt der Leiter der Unterkunft, Mathias Hamann von der Berliner Stadtmission. „Da gibt es ganz viele Prinzessinnen, Regenbogen, Herzen. Aber viele Kinder malen auch schwarze Bilder, die zeigen Messer, Kalaschnikows, Panzer.“

Die Notunterkunft ist erst wenige Wochen alt, ein Vorzeigeobjekt. Rund 300 Freiwillige packen ehrenamtlich mit an. Dresden demonstriert, Berlin hilft? „Ich würde nicht sagen, dass es an Berlin liegt“, sagt Hamann. „Aber während manche montags rumkrakeelen, helfen andere montags hier. Aus Menschlichkeit.“

Berlin, die Stadt der Vielen. Deutsches Amerika. Viele Nationalitäten, viele Religionen. „Wir werden uns jetzt eben nicht auseinanderdividieren lassen“, sagt der Regierende Bürgermeister Michael Müller nach den Anschlägen von Paris auf einer Bühne vor dem Brandenburger Tor. Neben ihm sitzen Kanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Joachim Gauck und religiöse Führer des Islams, Judentums, Christentums. Merkel blickt in die Dunkelheit, während Müller spricht, die Hände im Schoß gefaltet. Wenige Tage später ziehen auch in Berlin wieder besorgte Abendländler durch die Straßen.

Ashraf Ahmed weiß davon noch nichts, wie so viele der 15.000 Flüchtlinge, die dieses Jahr allein in Berlin erwartet werden. Da ist der 19-jährige Abshi Ahmed aus Somalia, der auf seinem Smartphone Bilder seiner Familie hat, aber keine Fotos von der Flucht: von Libyen, dem Mittelmeer oder Italien. Der 22-jährige Owice Shankan aus Syrien, der zuletzt in Weißrussland studiert hat und jetzt in T-Shirt und kurzer Hose auf einem Sofa lümmelt, während die anderen dicke Bomberjacken tragen. Die 24-jährige Agneta Mehmedi aus Albanien, die Deutsch spricht und auf eine Stelle als Kindergärtnerin hofft.

Wurden Asylbewerber vor ein paar Jahren noch häufig in Heimen am Waldrand untergebracht, stehen ihre Unterkünfte heute auch in den Innenstädten. Die Anti-Islam-Bewegung Pegida sieht das kritisch, die AfD ebenso. Kriegsflüchtlinge aus Syrien oder dem Irak akzeptieren sie offiziell. Bei sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen wie der Albanerin Mehmedi, die mehr als 200 Euro im Monat verdienen möchten, ist das anders.Im Kellergeschoss eines Hamburger Büroturms steht Mitte Januar ein weißhaariger Mann im dunklen Anzug. „Ein Land muss sich die Flüchtlinge aussuchen können und nicht nur die Flüchtlinge das Land“, sagt er. Hans-Olaf Henkel war früher Industriepräsident, heute sitzt er für die AfD im Europaparlament. In Hamburg unterstützt er den Wahlkampfauftakt seiner Partei. Draußen sichern Hundertschaften der Polizei und Wasserwerfer die Veranstaltung, aus Sorge vor Gegendemonstranten. „Wir sind das Land mit der zweithöchsten Zahl an Zuwanderern, aber interessanterweise das Land, das die am wenigsten qualifizierten Zuwanderer bekommt.“ Sagt Henkel.

„Ich möchte mich nicht an den Weg hierher erinnern. So schlimm. So schwierig“

Kadir Omari (Name geändert) sitzt beim Mittagessen in der Traglufthalle. Früher habe er als Zahnarzt gearbeitet, erzählt der 35-jährige Syrer. Neben ihm sitzt eine Frau und füttert ihr Kleinkind. Erst seit wenigen Stunden ist Omari in dem Zelt, nach drei Monaten auf der Flucht. „Wir waren 400 auf einem Boot für 20“, sagt er. „Ich möchte mich nicht an den Weg hierher erinnern. So schlimm. So schwierig.“ Seinen richtigen Namen will er nicht nennen.„Unterwegs hast Du keine Rechte. Immer wieder habe ich Geld verloren, immer wieder fast mein Leben.“ Über die Türkei schaffte er es nach Griechenland, in die Festung Europa. Dann weiter mit Bussen und Zügen. Illegal. Aber sein Syrien gibt es nicht mehr. Omari blickt auf die Frau neben ihm. „Ich bin seit vier Jahren mit meiner Frau verheiratet, aber wir haben uns nur fünf Monate gesehen.“ Seine Frau komme aus Moldawien, sagt er, wäre er dorthin gegangen, wäre seine Familie in Gefahr gewesen - dem syrischen Konsulat sei nicht zu trauen. „Meinen Sohn sehe ich zum ersten Mal.“ Bedächtig schiebt Kadir die Reste auf seinem Teller zusammen. Streichelt dem Baby über den Kopf. Seine Frau blickt ihn nicht an.

„Pegida hat keinen Effekt auf Deutschland“

Von Pegida haben viele Flüchtlinge in der Berliner Halle nie gehört, zu kurz sind sie im Land, zu abgeschirmt von der Welt hinter der weißen Plastikwand, zu wenige sprechen Deutsch. Als Ashraf Ahmed zum ersten Mal von der Sorge berichtet wird, das Abendland könnte islamisiert werden, lacht er. „Oh, sind wir also wieder im 19. Jahrhundert?“

Omari ist einer der wenigen, die Pegida schon kennen. Sorge machen ihm die Demos aber nicht. „Ich glaube, dass Deutschland größer als Pegida ist“, sagt er. „Pegida ist eine kleine Gruppe. Jeder weiß doch, was Deutschland ist: das Beste, absolut das Beste. Pegida hat keinen Effekt auf Deutschland.“ Nach Monaten der Flucht ist Omari sich sicher: Er will bleiben. „Ich will ein neues Land. Aber wenn du nach Europa gehst, weißt du nicht, wo deine Endstation ist.“ Ein Boot, das zwischen den Wellen hin und her wogt, kennt kein Ziel. „Eigentlich hat Deutschland mich ausgesucht.“

dpa

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