Haftstrafe für Hoeneß

Das Spiel ist aus

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Foto: „Erst einmal eine andere Umgebung suchen“: Uli Hoeneß nach dem Urteil.

München. - Nach dem Urteil ist vor dem Urteil: Uli Hoeneß geht nach der Verurteilung zu einer dreieinhalb jährigen Haftstrafe in Revision – doch ob er beim FC Bayern noch eine Zukunft hat, ist mehr als fraglich.

Fassungslos steht Frank Schmidt im FC-Bayern-Trikot vor dem Münchener Justizpalast. „Der Uli ist ein deutsches Denkmal, der darf nicht in den Knast, weißt du?“ Der 44-Jährige mit dem starken Hamburger Dialekt hält ein „Freiheit für Uli“-Transparent in die Höhe – und hofft nun auf den Bundesgerichtshof.

Dreieinhalb Jahre Freiheitsstrafe hat das Landgericht München II seinem Idol Uli Hoeneß aufgebrummt. Dessen Anwalt Hanns W. Feigen kündigte daraufhin postwendend Revision an. Es müsse ein weiteres Mal geprüft werden, welche rechtliche Wirkung die Selbstanzeige von Hoeneß habe. Das Gericht hatte diese für unwirksam erklärt. Zwar gilt der Bundesgerichtshof in Steuersachen als ein härteres Pflaster als die Landgerichte, doch der Hamburger Bayern-Fan vor dem Justizpalast glaubt dennoch auf ein mildes Urteil in zweiter Instanz. „Der Hoeneß hat auch den FC St. Pauli gerettet!“, ruft Schmidt, als sei damit alles gesagt.

Um 14.07 Uhr hatte Richter Rupert Heindl mit der Urteilsverkündung begonnen. Uli Hoeneß saß starr auf der Anklagebank, biss sich auf die Lippen. Auch seine Frau Susi erstarrte, als sie das Urteil hörte. Dreieinhalb Jahre Haft wegen Steuerhinterziehung. Keine Bewährung. Die Staatsanwaltschaft hatte sogar fünfeinhalb Jahre gefordert, die Verteidigung hatte dafür plädiert, das Verfahren einzustellen.

Ins Gefängnis muss Hoeneß zunächst nicht. Der Haftbefehl gegen ihn bleibt außer Vollzug. Hoeneß hatte fünf Millionen Euro Kaution hinterlegt. Frühestens in einigen Monaten wird sich der BGH mit dem Fall befassen, bis dann bleibt Hoeneß in Freiheit. Er verschwand sofort nach Prozessende, Fragen der zahlreich vertretenen Reporter beantwortete er nicht. Auch in den kommenden Tagen soll es keine öffentliche Reaktion des 62-Jährigen auf das Urteil geben. „Er wird sich jetzt erst einmal zurückziehen, eine andere Umgebung suchen“, sagte sein Sprecher.Hoeneß’ Selbstanzeige vom 17. Januar 2013 ist unwirksam, urteilte Richter Heindl. Sie sei nicht „missglückt“, sondern schlicht unzureichend. Hoeneß habe sich zu spät um die Unterlagen gekümmert. Die Selbstanzeige unvollständig einzureichen sei sein eigenes Risiko gewesen. Erst unter dem Druck der Recherchen des Magazins „stern“ hatte er sich zur Selbstanzeige entschlossen.

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„stern“-Reporter Johannes Röhrig hatte 2012 Hinweise auf ein „geheimes Fußballkonto“ bekommen. Er glaubte, dass der FC Bayern bis zu 500 Millionen Euro Schwarzgeld in der Schweiz gebunkert hatte. Die Bayern-Spur war falsch, doch Röhrigs Recherchen scheuchten Hoeneß auf. Denn die Züricher Bank Vontobel teilte dem Fußballmanager mit, dass der „stern“ nach der Kontonummer „4028 Beaufort“ gefragt habe – Hoeneß’ Konto. Darauf befanden sich zeitweise bis zu 140 Millionen Euro.

Hoeneß hatte mit großem Risiko Devisenwetten abgeschlossen. Er wettete auf die Entwicklung des US-Dollar zum Euro oder anderen Währungen. Mit zehn Millionen Euro Startkapital machte er binnen fünf Jahren sagenhafte 1300 Prozent Gewinn – bis er dann wieder alles verzockte. Es gab mindestens zwei Uli Hoeneß – einen im Lichte und einem im Dunklen. Es gab den konservativen Wurst- und Fußballmanager, den großzügigen Wohltäter, der sich um gestrauchelte Ex-Spieler genauso kümmerte wie um in Not geratene Kiezklubs. Und es gab den süchtigen Zocker, der in der Liga der ganz großen Spekulanten mittun wollte. Wenn er von Aktien sprach, bemühte er gerne Warren Buffett, den konservativen Milliardeninvestor aus Omaha. Doch wenn er rastlos auf seinen Börsenpager starrte, dachte Hoeneß wohl eher an Spekulantenlegenden wie George Soros. Rund 50 000-mal in zehn Jahren griff er zum Telefon und rief seinen Freund Jürg H. in Zürich an, den Leiter der Vontobel-Devisenabteilung.

„Der Jürg“, hatte Hoeneß am ersten Prozesstag gesagt, habe Geschäfte auch selbstständig abgewickelt, er habe dabei den Überblick verloren. „Ihre Aussage, die Bank habe quasi alles alleine gemacht, nehmen wir Ihnen nicht ab“, urteilte jetzt jedoch Richter Heindl. Hoeneß habe trotz seiner Zockersucht immer einen Überblick über seine Schweizer Geschäfte gehabt – und gewusst, dass sie eigentlich steuerpflichtig waren.

Verurteilt wurde Hoeneß für die Hinterziehung von insgesamt 28,4 Millionen Euro. Dass die Summe noch einmal angestiegen ist, liegt daran, dass bei der Berechnung der Gesamtsteuerschuld der Solidaritätszuschlag auf die Einkommensteuer vergessen wurde.Hoeneß’ Geständnis sei bereits „ganz erheblich zu seinen Gunsten gewertet“ worden, bilanziert der Richter. Seine Lebensleistung sei ebenfalls berücksichtigt worden. Doch zentral war, dass die Selbstanzeige „nicht nur knapp gescheitert war, sondern Unterlagen nicht abgegeben wurden“, die von Anfang an hätten dabei sein müssen, erklärte Gerichtssprecherin Andrea Titz.

Staatsanwalt Achim von Engel hatte zuvor fünfeinhalb Jahre Haft für Hoeneß gefordert: „Bis heute liegt keine Erklärung vor, die den Anforderungen einer Selbstanzeige genügt.“ Am 21. Februar 2013, also mehr als einen Monat nach der Selbstanzeige vom 17. Januar, hatte Hoeneß’ Steuerberater Günter A. Unterlagen zu Kapitaleinkünften, also Zinsen und Dividenden, bei Staatsanwaltschaft und Steuerbehörden nachgereicht. Von diesen Einkünften war in der ursprünglichen Selbstanzeige nicht die Rede gewesen. Nach den Unterlagen mussten die Behörden davon ausgehen, dass Hoeneß nur in drei Jahren überhaupt Gewinne erzielt, in den übrigen aber Verluste gemacht hatte. Die Zinsen und Dividenden aber waren die ganze Zeit angefallen. Sie dürfen nicht mit Spekulationsverlusten verrechnet werden. Engel bemängelte, dass diese Einnahmen nicht einmal in Schätzungen in der Selbstanzeige enthalten waren, sondern völlig fehlten.

„Man kann Sie kaum verstehen!“, schallt es plötzlich aus dem Zuschauerraum, als der Staatsanwalt sprach. Engel hatte sein Plädoyer nuschelnd und leise vorgetragen, nun musste er sich setzen und über das Tischmikrofon sprechen. Der Kontrast zu Hoeneß-Anwalt Hanns W. Feigen konnte größer nicht sein: Dieser sprach kraftvoll und frei im Stehen und ging volles Risiko. Die Selbstanzeige müsse anerkannt werden, sie enthalte alle Zahlen und höchstens einen „Formulierungsfehler“. Entscheidend sei doch der Wille, zur Steuerehrlichkeit zurückzukehren – da müsse eigentlich das Verfahren eingestellt werden. „Die Selbstanzeige lässt keine Zweifel daran, dass Herr Hoeneß zur Steuerehrlichkeit ohne jede Einschränkung zurückkehren wollte und zurückgekehrt ist“, erklärte er selbstbewusst. Doch Selbstbewusstsein war in diesem Prozess nicht die entscheidende Größe.

Von Jan Sternberg

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