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Nazi-Verbrechen im Stadthaus in Hamburg: Demonstrierende fordern seit Jahren einen Gedenkort

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Von: Felicitas Breschendorf

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Eine Frau hält ein Plakat hoch, daneben das Stadthaus. Jeden Freitag demonstriert eine Gruppe Rentner vor dem Stadthaus.
Jeden Freitag demonstriert eine Gruppe Rentner vor dem Stadthaus. © Daniel Bockwoldt/ dpa/ Felicitas Breschendorf/ Collage/ BuzzFeed News

In der NS-Zeit wurden im Stadthaus Hamburg Widerstandskämpfer gefoltert. Seit vier Jahren demonstriert ein Verfolgtenverband für einen Gedenkort. Warum der Vorsitzende bis heute durchhält.

Wer die Stufen der Hamburger S-Bahn-Station „Stadthausbrücke“ hinaufläuft, hört bereits seine Stimme. Georg Chodinski steht an der Straßenecke, wie jeden Freitag um 17 Uhr. Um ihn versammelt sich eine kleine Gruppe Seniorinnen und Senioren zu einer Mahnwache. Sie verteilen Flyer, schwenken Fahnen und Plakate. Seit vier Jahren finden sie jede Woche zusammen. Ruhig, aber mit Nachdruck spricht Chodinski in sein Mikrofon. Er erzählt die Geschichte des mächtigen Gebäudes, vor dem ersteht: dem Stadthaus.

Verhaftungen und Ermordungen von Juden im Stadthaus

März, 1933: Reichstagswahl in Berlin, die Nationalsozialisten erringen die Mehrheit. Das Stadthaus wird zehn Jahre lang Gestapo-Hauptquartier. Von dort aus deportieren sie Hamburger Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma und andere ins KZ Fuhlsbüttel. Gestapo-Mitarbeiter verhören, foltern und ermorden KPD- und SPD-Mitglieder aus dem Widerstand.

„Alles schick, schick, schick“, sagt Chodinski über die Geschäfte im Stadthaus

Wenige Meter von der Mahnwache entfernt steht an der verglasten Ladentür ein Mann mit Fliege. Mit einem Maßband misst er einen Kunden ab, der einen Anzug kaufen will. Der Herrenausstatter ist nur ein Beispiel. Im Innenhof befinden sich heute zahlreiche Mode- und Deisgnerläden, „Stadthöfe“ genannt. Mittendrin steht Chodinski. „Alles schick, schick, schick“, seufzt er und schüttelt den Kopf. Das Mikrofon hat derweil einer seiner Mitstreiter. Durch die dicken Mauern des Stadthauses kann man kaum hören, wie dieser einen Zeugenbericht vorliest.

Bild von dem Torbogen im Stadthaus. Durch ihn wurden Widerständler laut Chodinski in den Hof gekarrt. Daneben sind Luxus-Geschäfte.
„Durch diesen Torbogen wurden Widerständler in den Hof gekarrt“, sagt Chodinski. Daneben sind Luxus-Geschäfte. © Felicitas Breschendorf

Chodinski zeigt auf einen breiten Torbogen. „Durch den wurden die Widerständler in den Hof gekarrt“, sagt er. Links und rechts davon stehen strahlend weiße Schaufensterpuppen. Dort, wo die Gestapo-Wagen geparkt haben müssen, schießen ein paar Teenagerinnen Fotos voneinander. Die edlen beigen Bänke und die Efeu-gezierten Wände laden dazu ein. Chodinskis Finger bewegen sich ein Stockwerk höher, in dem sich Eigentumswohnungen befinden. „In diesen Räumen wurden sie verhört und getötet.“

Nur wenige Info-Tafeln erinnern an die Nazi-Verbrechen

Mai, 2018: Der Hamburger Kultursenator und der damalige Eigentümer der Stadthöfe einigen sich auf ein Projekt im Stadthaus. Auf 70 Quadratmetern soll in einem Café und Buchladen an die Nazi-Verbrechen erinnert werden – nicht auf 750 Quadratmetern, wie in einem Vertrag von 2009 festgelegt wurde. Es sind wenige Info-Tafeln und schwarz-weiße Fotografien von Opfern, die schließlich ausgestellt werden. „Man kann sich streiten, ob das angemessen ist. Wir glauben nicht daran“, sagt Chodinski. Er ist Vorsitzender des VVB-BdA („Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“). Gemeinsam mit anderen antifaschistischen Gruppen organisiert der Verein die Mahnwache. Sie fordern, dass aus dem Stadthaus ein richtiger Dokumentations-, Lern- und Gedenkort wird. „Ein würdevoller Ort“, sagt Chodinski.

Das Mahnmal vor dem Stadthaus reicht den Demonstrierenden nicht aus

Im vergangenen Jahr hat das Künstlerinnenduo Missing Icons ein Kunstwerk vor dem Stadthaus installiert. Rote Flecken ziehen sich durch den Gehweg – wie Blut. Der verwundete Weg trägt den Namen „Stigma“ und soll an die Nazi-Verbrechen erinnern. Jetzt stehen an der Stelle jeden Freitag die Demonstrierenden. Ihnen reicht das Kunstwerk als Mahnmal nicht aus. „Wer darüber läuft, versteht nicht, was es bedeuten soll“, sagt Chodinski. In einem Gedenkort, wie er ihn sich im Stadthaus wünscht, wären eine Vielzahl an historischen Materialien ausgestellt. Besonders jüngere Besucher könnten sich informieren, was in dem Haus passiert ist.

Was treibt Chodinski an?

Etwa dreißig Demonstrierende im Alter zwischen 50 und 70 sind bei der Mahnwache aktiv, auch wenn nicht alle regelmäßig kommen. Chodinski fehlt nur, wenn er gerade mit seiner Frau in den Urlaub fährt. Ein persönliches Schicksal verbindet ihn nicht mit dem Stadthaus. „Mein Vater war Kriegsfreiwilliger“, sagt er. Als Versicherungskaufmann war Chodinski früher in der Gewerkschaft aktiv. „Ich habe Menschen schon immer gerne etwas beigebracht“, sagt er. Seit er mit 56 Jahren in den Vorruhestand ging, ist er für den Verfolgtenverein aktiv. Er gibt Widerstandskämpfern wie Heinrich Hübener eine Stimme, der im Stadthaus verhaftet wurde. Mit 17 Jahren war er der jüngste vom Volksgericht zu Tode verurteilte. „Wenn es keinen Gedenkort gibt, dann werden nicht nur die Geschichten, sondern auch die Personen vergessen“, sagt Chodinski.

„Die Passanten wissen nicht, was hier passiert ist“, sagt Chodinski

Vor ihrem Tod im vergangenen Jahr hat die bekannte KZ-Überlebende Esther Bejarano auf der Mahnwache noch Reden gehalten. Jetzt sind keine Überlebenden mehr im Verein, die von ihren Erlebnisssen berichten können. Fußgänger, die am Stadthaus vorbeischlendern, sehen glänzende Geschäfte. Auch die vereinzelten Erinnerungstücke kann nur sehen, wer seine Nase ans Fenster drückt. Das Café ist seit März geschlossen, die Eigentümerin bankrott.

Vor Kurzem hat sich ein 25-Jähriger dem Verfolgtenverein angeschlossen. Nach jeder Mahnwache spielt er einen selbstgeschriebenen Revoltesong. Chodinski freut sich darüber. Er selbst will so lange weiter machen, wie er kann. „Das Schöne ist, dass Passanten stehenbleiben und nachfragen“, sagt er. „Sie wissen nicht, was hier passiert ist.“ Einmal sei eine Frau ganz bestürzt gewesen. Sie war gerade ins Stadthaus gezogen und erst durch die Mahnwache auf die Geschichte aufmerksam geworden. Später habe sie Tee und Brötchen für die Demonstrierenden gebracht. Sie war Jüdin.

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