Geruchsrichtlinie

Ställe verhindern Neubau im Dorf

Foto: Ein preisgekröntes Dorf: Stolz sind die Leute in Waffensen auf ihr Mehrgenerationenhaus.

Waffensen - Dem Bürgermeister von Waffensen bei Rotenburg stinkt es: Eine junge Familie darf auf ihrem Grundstück nicht bauen, weil in der Nachbarschaft zu viele Ställe stehen. Der Streit, der sich an der Immissionsrichtlinie des Landes entzündet, ist in Niedersachsen kein Einzelfall.

Allerdings stören die Gerüche die Bauwilligen in Waffensen überhaupt nicht. Ein großer Schweinestall, der für die Berechnung herangezogen wurde, steht ohnehin schon länger leer. Die Betroffenen wollen nun vor das Verwaltungsgericht ziehen.

Bürgermeister Hartmut Leefers (CDU) sieht durch das vom Landkreis ausgesprochene Bauverbot die Entwicklung des 860-Einwohner-Ortes bedroht. „Wir wollten auf 1000 Einwohner kommen“, sagt er und verweist auf die ausgezeichnete Infrastruktur vom Kindergarten über die Grundschule bis zum Mehrgenerationenhaus. Waffensen habe in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach erste Preise bei Dorfwettbewerben errungen, bis hin zur europäischen Ebene. Wegweisende Ideen und die starke Dorfgemeinschaft hätten die Jurys stets von der Zukunftsfähigkeit des Ortes überzeugt. „Das funktioniert aber nur, wenn wir eine gemischte Bevölkerung haben,“ meint Leefers. Nun aber seien schon mehrere Bauvorhaben durch ein vom Landkreis in Auftrag gegebenes Geruchsgutachten verhindert worden. Der Gutachter hat zusammengerechnet, wie viele Schweine, Puten und Rinder in Waffensens Ställen stehen dürfen. Von 40 Landwirten vor 50 Jahren sind immerhin neun Vollerwerbsbetriebe übrig geblieben. Ein Schweinebauer im Ortskern hat die Erlaubnis, 800 Tiere zu halten, ein anderer 700. Außerdem gibt es in dem Dorf in der Wümmeniederung eine Farm, auf der 12.000 Puten gehalten werden dürfen.

Wie der Bürgermeister berichtet, ist die tatsächliche Tierzahl jedoch viel niedriger. Der größte Schweinestall stehe seit Monaten leer, weil sich der Besitzer beruflich umorientiert habe. Das bauwillige Tierärztepaar, das das umstrittene Grundstück für 60000 Euro gekauft hat, sei zudem bereit gewesen, im Grundbuch auf eine Klage gegen mögliche Geruchsbelästigung zu verzichten. „Die Richtlinie ist eigentlich dafür gemacht, dass die Leute friedfertig miteinander leben können“, sagt Leefers. „So aber treibt man die Wohnbevölkerung weg.“

„Der Landkreis hatte keine andere Möglichkeit“, hält Rotenburgs Landrat Hermann Luttmann (CDU) dagegen. Die Richtlinie sehe nämlich auch vor, dass ortsansässige Landwirte ihre Betriebe erweitern können. Zusammen mit der Baunutzungsverordnung schützt sie die Landwirte vor einer Klageflut ihrer Nachbarn. Dass sich die Bauherren in Waffensen gar nicht an den Gerüchen störten, sei rechtlich unerheblich. „Wer sagt denn, dass da in fünf Jahren immer noch dieses Ehepaar wohnt?“, fragt der Landrat. Das Problem gebe es im Übrigen auch andernorts, der Konflikt bestehe „letztendlich überall, wo sie Viehzahlen haben, die bemerkenswert sind“. Das sind bekanntermaßen vor allem Regionen im Nordwesten des Landes.

Die Bauleitplanung der Gemeinden sei dadurch stark eingeschränkt, sagt Joachim Vollmer vom Städte- und Gemeindebund in Hannover. „Grundsätzlich ist die Richtlinie aber im Interesse der Bürger.“ Eine Sprecherin des Landesumweltministeriums meint, dass auch die in Zukunft vorgeschriebenen zusätzlichen Geruchsfilter für Ställe den allgemeinen Konflikt in den Dörfern nicht lösen werden. Mehrfach habe es nach dem Filtereinbau wieder Beschwerden von Nachbarn gegeben - dann wegen des Lärms der Lüfter.

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