Skandal um angebliche Hitler-Tagebücher

Sternstunden eines sagenhaften Fälschers

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„stern“-Reporter Gerd Heidemann präsentiert die vermeintlichen Originaldokumente für die Serie „Hitlers Tagebücher“.

Berlin - Es sollte ein Weltereignis werden – und entpuppte sich als der wohl größte Medienflop aller Zeiten: Vor 30 Jahren ging das Magazin „stern“ an den angeblichen Hitler-Tagebüchern fast zugrunde.

So schillernd, so schrill, so unerhört die Geschichte selbst gewesen war, so knapp, so nüchtern, so frostig war ihr Ende. Vor der berühmten braunen Wand im Saal der Bundespressekonferenz in Bonn, vor der Schicksalswand der Bonner Republik sozusagen, saß am 6. Mai 1983 der damalige Präsident des Bundesarchivs in Koblenz, Hans Booms, in der Hand eine dunkelblau-melierte Kladde. Booms sagte nur einen Satz, ohne jede Häme, aber mit der Genugtuung des Historikers, dem ein Stein von der Seele fiel: „Bei den Hitler-Tagebüchern, die das Magazin ‚stern‘ uns zur Überprüfung überlassen hat, handelt es sich um Fälschungen.“

Zwei Wochen vor dem Zusammenbruch eines der raffiniertesten, ruchlosesten, wildesten Lügengebäude der Mediengeschichte war das Hamburger Magazin „stern“ mit einer wahrlich sensationellen Geschichte in die Kioske des Landes eingedrungen. Es war der 25. April, ein Montag. Der Erscheinungstag ist von den Verlagsoberen in Hamburg vorgezogen worden, damit auch ja niemand den vermeintlich größten journalistischen Scoop des vergangenen Jahrhunderts durchkreuzen kann.

Das Titelblatt des „stern“ zeigt in Nahaufnahme eine Kladde, wie jene, die Chefarchivar Booms später in der Hand hält, am Tag der Hinrichtung. In der rechten unteren Ecke die erhabenen, goldenen Buchstaben F und H. Weil sich das F und das A in der Frakturschrift entfernt ähneln, haben flüchtige Leser womöglich AH gelesen, die Initialen des Führers. Für alle, die die Wucht des Fundes nicht gleich begreifen, steht da noch in blutroter Schrift: „Hitlers Tagebücher entdeckt“. Stolz hat man die Auflage an diesem Tag auf 2,4 Millionen Exemplare gesteigert. Von Gerd Schulte-Hillen, dem Vorstandschef von Gruner + Jahr, soll der alles erklärende Satz gekommen sein: „Hitler geht immer.“

Und wie Hitler geht. Beim „stern“ platzen sie vor Stolz damals vor dreißig Jahren, vor allem auch, weil sie mit einem Hitler-Coup Deutschlands größten Führerdeuter unter den Publizisten, Rudolf Augstein vom Konkurrenten „Spiegel“, ausgestochen haben. Im Auftakttext zu der beabsichtigten 27-teiligen Serie über die Nachtgedanken des Führers erscheint der Satz, der zum geflügelten Wort werden wird: „Die Geschichte des Dritten Reiches muss in großen Teilen neu geschrieben werden.“ Es stehen auch noch andere Sätze darin, die einem heute das Blut in den Adern gefrieren lassen – der Führer habe „das Ausmaß der Judenvernichtung nicht gekannt“ –, aber die Schockstarre über den vermeintlichen Sensationsfund so lange nach dem Ende des Krieges ist in der damaligen Medienszene zunächst so groß, dass niemand laut zu zweifeln wagt. Die Tageszeitungen, auch die großen, müssen dem „stern“ hinterherschreiben – wohl oder übel. Erste, zarte Hinweise darauf, dass die Geschichte faul sein könnte, werden abgetan: alles Neidhammel.

Hitlers Parteibuch und Görings Uniform

Wie die Bücher zum „stern“ kamen oder der „stern“ an die Bücher, lässt sich kaum nacherzählen, zumindest lange nicht so unterhaltsam wie in der 1992 von Helmut Dietl fürs Kino gedrehten Satire „Schtonk“ mit Götz George in der Rolle des Reporters. Dieser Reporter ist im wirklichen Leben der „stern“-Spürhund Gerd Heidemann, ein unsteter Kerl, der sich oft wochenlang in der Weltgeschichte herumtreibt. Trotz seines Händchens für gute Storys umweht ihn ein zweifelhafter Ruf. Er ist gut bekannt mit ehemaligen SS-Offizieren. Er sammelt Militaria, gerne aus der NS-Zeit. Sein ganzer Stolz ist die Jacht von Hermann Göring, Carin II, auf die er schon mal Verlagsleute von Gruner + Jahr einlädt.

Im Schwäbischen werkelt derweil der Kunstmaler Konrad Kujau vor sich hin, hochbegabt im Fälschen von Schriften und Bildern, mäßig erfolgreich bei der Vermarktung. Schon Mitte der siebziger Jahre hat er einmal probeweise ein Hitler-Tagebuch gefälscht, für das sich aber niemand so recht erwärmen konnte. Der Erfolg kommt erst, als sich seine Wege mit denen Heidemanns kreuzen. Kujau dreht dem gierigen Sammler eine Pistole an, angeblich jene, mit der Hitler sich erschossen hat. Dann Hitlers Parteibuch. Görings Uniform. Selbst der große alte Mann des „stern“, Henri Nannen, soll freudig erregt gewesen sein, als Heidemann ihm seinen Nazi-Plunder präsentiert.

Jetzt kommt Schwung in die Geschichte. Kujau tischt dem Hamburger die Geschichte von den Hitler-Tagebüchern auf. Angeblich stammen sie aus einem Flugzeug des Führers, vollgepackt mit persönlichem Besitz, das im April 1945 auf dem Weg von Berlin nach Salzburg in der Nähe des sächsischen Dörfchens Börnersdorf abgestürzt ist. Das Flugzeug gibt es wirklich. Der Rest ist höhere Fälschungskunst. Die Tagebücher seien von Bauern geborgen und später von einem DDR-Offizier sichergestellt worden. Der wolle sie nun zu Geld machen, erzählte Kujau Heidemann, und der erzählt’s den „stern“-Mächtigen.

Fälscher Kujau leistet Schwerarbeit

Die beiden Meister der Camouflage, der Fälscher und sein Geschichtenerzähler, schaukeln sich gegenseitig hoch. Heidemann ist nicht mehr zu halten. Er munkelt von weiteren Funden in Börnersdorf, angeblich eine von Hitler verfasste Oper „Wieland der Schmied“ und der dritte Band von „Mein Kampf“. Derweil schreibt und fälscht Kujau im Akkord, Jahrgang für Jahrgang, Tag und Nacht. Mal gehen ihm die alten Papierbögen aus, mal die Einbände. Er leistet regelrecht Schwerarbeit, derweil die „stern“-Redaktion in Hamburg zum Hochsicherheitstrakt wird. Geheimstufe eins. Kujau verrät später, wie man neuem Papier diesen Alterston gibt: Man legt es in Tee, aber nicht zu lang.

Felix Schmidt, einer der drei Chefredakteure der Tagebücher-Ära des „stern“, erinnert sich später an das Unbehagen, das ihn während der Zeit des „Geheimhaltungswahns“ und der „Mystifikationen“ beschlichen habe: „Wenn wir einer Fälschung aufgesessen sind, dann ist die tiefste Stelle der Alster nicht tief genug, um uns aufzunehmen.“ Aber man hat doch Expertisen eingeholt. Zu spät stellt sich heraus, dass sie nichts taugen. Schriftexperten hatten die angeblichen Tagebucheinträge mit Schriftproben von Hitlers Handschrift verglichen – auch die waren von Kujau. Die Expertise „identische Schrift“ ist nicht verwunderlich.

Als die Bundesarchivare, unterstützt von Experten des Bundeskriminalamtes, die Kladden tatsächlich als Fälschung erkennen, wütet die Historikergilde gegen die Falschspieler des „stern“. Das Papier mit den Gedanken des Vorkriegsführers stammt aus verschiedenen Jahren, zum Teil aus den Vierzigern. Die Tinte. Sie enthält Bestandteile, die erst nach dem Krieg der schwarzen Schreibflüssigkeit beigefügt worden sind. Die Einbände haben einen Polyesterfaden. Ha, wüten die Experten, nie, niemals hätte der Reichskanzler mit FH, Führer Hitler oder so, seine Tagebücher gekennzeichnet. Jeder, ja jeder wisse, dass der Führer schreibfaul gewesen sei, ellenlang diktiert habe, aber nur wenig handgeschrieben habe und wenn, dann mit Bleistift. Wenn es um den Führer geht, das ist heute kaum anders, dann wollen es die Deutschen im Nachhinein immer genau gewusst haben.

Chefredaktion wird gefeuert

Unmittelbar nach der Entlarvung gerät der „stern“ in unruhiges Fahrwasser. Zwei Chefredakteure treten noch im Mai 1983 zurück, Peter Koch und Felix Schmidt. Rolf Gillhausen, für das Erscheinungsbild des Blattes zuständig, darf bleiben. Gegen die als Nachfolger erkorenen Peter Scholl-Latour und Johannes Gross gibt es einen Aufstand – sie sind der Redaktion zu rechts. Redaktionsbesetzung, Produktionsstopp. Scholl-Latour kommt dennoch. Die Auflage fällt dramatisch.

Heidemann und Kujau werden 1985 vom Hamburger Landgericht verurteilt, nach einem monatelangen Verfahren, bei dem die gesamte „stern“-Führung in den Zeugenstand treten muss. Kujau erhält wegen Betruges und Urkundenfälschung viereinhalb Jahre Haft, Heidemann wegen Betruges vier Jahre und acht Monate. Ihm wird nicht zur Last gelegt, von den Fälschungen gewusst zu haben, er habe aber von dem „Finderlohn“ für Kujau mindestens 4,4 Millionen Euro behalten. Für Kujau waren nach Feststellung des Gerichts 2,71 Millionen Euro übrig geblieben. Im Umfeld des Prozesses wird bekannt, dass der Verlag insgesamt 9,3 Millionen Mark für die Beschaffung der Tagebücher bezahlt hatte. Ein Großteil der Summe gilt als verschollen. Nach Berechnungen von Branchendiensten kostete die Affäre den „stern“ alles in allem rund 15 Millionen Euro.

Nach seiner Haftentlassung wird Kujau zum beliebten Talkshowgast. Seine Erzählungen aus der Zeit, da er sich in den Führer hineinversetzen musste, um den mal eruptiven, mal pathostriefenden Redestil Hitlers in eine Art inneren Monolog zu übertragen, erheitern das Publikum ungemein, auch die Feststellung, der Führer habe im Lauf der Zeit, sprich von Fälschung zu Fälschung, immer mitteilsamer werden müssen, weil die Herren aus Hamburg nicht genug bekommen hätten, wird gern gehört. Dem „Spiegel“ sagt Kujau im März 1984: „Wissen Sie, wenn nur der Name Hitler fällt, bekommen diese Leute glänzende Augen. Das ist wie Rauschgift für einen Süchtigen.“

Mit echten Fälschungen berühmter Bilder, echten Kujaus also, die er auch so signierte, soll er später ein Vermögen gemacht haben. Als Treppenwitz der Geschichte darf wohl gelten, dass in der Folge gefälschte Kujaus auf dem Kunstmarkt auftauchten. 1996 kandidiert der schon von der Krankheit gezeichnete Mann, erfolglos, bei der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart. Im Alter von 62 Jahren stirbt er an Kehlkopfkrebs. In der Reha-Klinik, in der er zeitweilig lebt, verteilt er großzügig Briefe an Mitpatienten – auf Wunsch in der Handschrift sämtlicher Nazi-Größen. Der Mann bleibt ein Spieler, bis zum Schluss. Sein Mitspieler Heidemann, heute 81 Jahre alt, lebt in Hamburg. Er gilt als mittellos, besitzt aber noch immer ein umfängliches historisches Archiv. Was immer dort noch schlummern mag, niemand würde es veröffentlichen. Glaubt man. Noch 1998 sind in einem Buch zwei angebliche Aktzeichnungen Hitlers aufgetaucht, für die ihm seine Nichte Geli Raubal Modell gestanden haben soll. Es waren wirklich Originale. Von Kujau.

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