Textilunternehmen Nino

Der Stoff, aus dem Träume waren

Die neue Kollektion des Jahres 1969 präsentierte Nino im Pariser Hilton.

Nordhorn - Mit dem Textilunternehmen Nino war Nordhorn einst ein wichtiges Zentrum der Modeindustrie. Was ist davon geblieben, als mit der Ölkrise und der beginnenden Globalisierung der Niedergang einsetzte? Eine Ausstellung in der niedersächsischen Stadt zeigt Schmuckstücke der besonderen Art.

Gerd Müller trug Nino, Sepp Maier trug Nino und Jupp Heynckes auch. Die offiziellen Hosen und Hemden, die die Männer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft während der Weltmeisterschaft 1974 außerhalb des Platzes trugen, hatte zwar Uwe Seelers Bekleidungsfirma geschneidert. Doch der Stoff kam aus dem niedersächsischen Nordhorn. Das kleine Städtchen an der holländischen Grenze war seit den Fünfzigerjahren mit den Firmen Nino, Rawe und Povel zu einem der bedeutendsten Zentren der deutschen Bekleidungsindustrie aufgestiegen. Aber die erfolgreichen WM-Kicker waren beileibe nicht die Einzigen, die die Stoffe aus Nordhorn in Deutschland und der ganzen Welt bekannt machten. Auch Fotografen wie Helmut Newton und Designer wie Karl Lagerfeld arbeiteten mit Nino & Co. zusammen.

Wer es nüchtern mag, kann die Bedeutung der Firmen für die Stadt in der Grafschaft Bentheim in Zahlen ermessen: „In den Sechzigerjahren arbeiteten 12 000 Mitarbeiter in den drei Bekleidungsunternehmen der Stadt“, erzählt Werner Straukamp, Leiter des Stadtmuseums Nordhorn. „Das waren damals 80 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Jobs in Nordhorn.“ Oder eine andere Zahl: „In den Siebzigern waren 70 Prozent aller aus Baumwolle gefertigten Regen- und Stoffmäntel in Deutschland aus Nino-Stoff.“ Eine Tageszeitung drückte es damals einmal so aus: „Nordhorn hängt am Baumwollfaden.“

Wer ältere Menschen nach dem Nino-Flex-Mantel fragt, wird Erinnerungen wecken. „Umfragen von damals zeigen, dass bis in die Achtzigerjahre 80 Prozent der Bundesbürger Nino kannten“, sagt Straukamp. Die winddichten und wasserabweisenden Mäntel aus Nordhorn gehörten zu den beliebtesten Outdoor-Bekleidungsstücken dieser Zeit. Auch wenn in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik noch niemand „Outdoor“ sagte.

Für ein Wochenende das Pariser Hilton gemietet

Eine Auswahl der aus Nordhorner Stoffen geschneiderten Kleider und viele umwerfende Modefotografien sind in dem kleinen, sehr schönen Stadtmuseum im Nordhorner Nino-Tower zu sehen, der noch von der Hochzeit der Bekleidungsindustrie zeugt. Denn Nino stellte nicht nur Stoffe her, sondern arbeitete auch mit Modedesignern wie Karl Lagerfeld und Daniel Hechter zusammen. Als Service lieferte Nino mit den neuen Stoffkreationen Schnittmuster und Ideen gleich mit. Models präsentierten die entworfenen Kleider. Geld spielte dabei keine Rolle. Die Sechziger- und Siebzigerjahre gelten in der Firmenhistorie als „Zeit des Feudalismus“. Der Etat des Nino-Werbeleiters stieg bis 1969 auf sieben Millionen Mark. Um die neue Kollektion des Jahres 1969 vorzustellen, wurde mal eben für ein ganzes Wochenende das komplette Pariser Hilton gemietet. Am Laufsteg saß Cathérine Deneuve in der ersten Reihe.

Berühmte Modefotografen wurden engagiert, der damalige Fotograf der Pariser „Vogue“, Helmut Newton, gehörte genauso dazu wie Frank Horvat. F. C. Gundlach machte Bilder für Nino. Christa Peters, Charlotte March, Regina Relang, die Liste ist lang. Nino schickte die Fotografen, Models und Stoffe in die weite Welt, nach Rio und New York, Finnland und Marokko. Das war Programm: Nino reagierte auf den beginnenden Massentourismus mit Kollektionen wie „Travel Look“ und „Flying Look“. Aber auch der neue James-Bond-Kult spiegelte sich in Kleidung und Fotografie wider.

Die Firma Povel nahm sich ebenfalls einen Fernsehstar als Vorbild: Sie entwarf eine Emma-Peel-Kollektion und gewann Diana Rigg, die die Emma Peel in der Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“ spielte, als Model. 1968 besuchte Rigg Nordhorn und stellte die Kollektion vor. Die Textilindustrie, so drückt es Museumsleiter Straukamp aus, wurde für Nordhorn das Tor in die weite Welt.

Das Stadtmuseum Nordhorn, Nino-Allee 1, ist dienstags bis sonnabends zwischen 14 und 18 Uhr und sonntags zwischen 11 und 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 4 Euro. Kinder und Jugendliche zahlen 1 Euro. Führungen auf telefonische Anfrage unter (0 59 21) 72 15 00.

Doch Mitte der Siebziger begann langsam der Abstieg der Nordhorner Firmen. Ölkrise und Globalisierung begannen, Nino, Povel und Rawe immer mehr zu schmerzen. Der Baumwollfaden, an dem die Stadt hing, wurde immer dünner. Schließlich riss er. Was bleibt, ist eine einmalige Sammlung an Kleidungsstücken, Stoffen und Modebildern. Welcher Fotoschatz in Nordhorn lagert, entdeckte Straukamp 1995 erst durch Zufall auf dem Dachboden von Nino, das im Jahr zuvor Konkurs angemeldet hatte. Dort lagen die Bilder von Helmut Newton und all den anderen Künstlern. „Eigentlich wollte ich damals ein klassisches Textil- und Stadtmuseum aufbauen“, sagt er. Aber mit dem Fund wurde Straukamp klar, dass er nun eine ganz andere Ausstellung konzipieren konnte. Er suchte nach weiteren Bildern, Belegen und Kleidungsstücken aus den Glanzzeiten der Nordhorner Textilindustrie. Er durchforstete Magazine wie „Brigitte“, „Constanze“ und „Film und Frau“ nach Anzeigen und Reportagen - und wurde fündig. Und er fand auch einiges im Internet. „Die Kleider, die wir hier zeigen, haben wir oft ersteigert. Manche sind auch Schenkungen“, erzählt der Museumsleiter.

Mit all seinen Kleidungsstücken, die zum Teil sogar anprobiert werden können, Fotos, Zeitschriften und Mustern erzählt das wunderbare Stadtmuseum Nordhorn auch ein Stück bundesdeutscher Kulturgeschichte. Das ist spannender Stoff.

Mode als Markenware

Industriegeschichte: In seiner Ausstellung „Menschen, Mode und Maschinen“ zeigt das Stadtmuseum Nordhorn nicht nur Modefotos und Kleidungsstücke, sondern erzählt mit Industriefotografien und Schautafeln auch die Geschichte der drei Textilunternehmen vor Ort. Nino wurde im Dezember 1897 von Bernhard Niehues und Friedrich Dütting gegründet. Ab 1950 verkaufte die Firma ihre Stoffe unter dem Namen Nino (Niehues Nordhorn). Nino war das erste Unternehmen, das Stoff als Markenware vermarktete. Die Globalisierung der Textilindustrie führte letztlich zum Konkurs des Unternehmens. „Zum 31. Dezember 1994 verloren die verbliebenen 1570 Beschäftigten ihre Arbeit“, sagt Museumsleiter Werner Straukamp.Ähnlich erging es dem Nordhorner Textilfabrikanten Povel, der 1872 gegründet wurde und 1978 in Konkurs ging. Die dritte Firma im Bunde, Rawe, bestand seit 1896 und wurde 2001 geschlossen.

tz

5977032

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare