„Sexting“

Striptease auf dem Smartphone

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Sexting – ein neuer, bedenklicher Trend aus den USA wird bei Jugendlichen in Niedersachsen populär.

Cloppenburg - Pädagogen und Eltern machen sich wegen eines für sie neuen Trends in sozialen Netzwerken Sorgen: Schulleiter aus Cloppenburg haben in einem Elternbrief vor dem sogenannten Sexting gewarnt. Dabei versenden Jugendliche Nacktbilder per Smartphone an Freunde.

Ein neuer Trend unter Jugendlichen bereitet Lehrern Sorge: Zahlreiche Schüler versenden mit ihren Smartphones derzeit Nacktfotos von sich an Freunde und veröffentlichen diese dann auch in sozialen Netzwerken wie Facebook. Sieben Schulleiter aus dem niedersächsischen Cloppenburg haben deshalb jetzt vor allem Eltern zu stärkeren Kontrollen aufgerufen. In einem Brief fordern sie die Erziehungsberechtigten dazu auf, genauer auf das Medienverhalten der Kinder zu achten.

Der Schulleiter des Cloppenburger Clemens-August-Gymasiums, Günter Kannen, hat den Begriff „Sexting“ nach eigenen Angaben erstmals vor vier Wochen gehört. Fast beiläufig habe eine Schülerin in der Pause erzählt, dass sie beinahe täglich Nacktfotos auf ihrem Smartphone erhält – über den Kurzmitteilungsdienst WhatsApp. Kannen fragte nach und erfuhr, dass die Handys zahlreicher Schüler offenbar voll von Nacktbildern sind – darunter auch Aufnahmen von Achtklässlern, die erst 13 oder 14 Jahre alt sind. „Ich war sehr erschrocken“, sagt der Pädagoge. „Vor allem, wenn ich bedenke, dass wir Lehrer ebenso wie die Eltern von diesen Dingen tatsächlich nichts wissen.“

Kannen und seine Kollegen sind auf ein Phänomen gestoßen, das aus den USA nach Deutschland kommt. Das Kunstwort setzt sich aus „Sex“ und dem englischen „texting“ zusammen, was „SMS schreiben“ bedeutet. Vor allem Jugendliche schießen anzügliche Fotos von sich und anderen und stellen sie ins Internet oder verschicken sie mit dem Handy.

Mutproben und Liebesbeweise

„Sexting“ ist ein Trend aus den USA. Moritz Becker vom Verein Smiley zur Förderung der Medienkompetenz bezeichnet „Sexting“ als eine „moderne Form des Telefonsex“. Der Sozialarbeiter hat von Jugendlichen viele Begründungen gehört, warum sie anzügliche Bilder von sich verschicken. Meist seien es Mutproben oder Liebesbeweise. Eltern, deren Kindern das passiert, sollten ihnen den Rücken stärken und die möglichen Folgen des „Sextings“ offen mit den Jugendlichen besprechen, rät Becker. Vorwürfe seien der falsche Weg. „Jeder hat ein Recht darauf, nicht bloßgestellt zu werden.“

Denn ihre Smartphones benutzen Teenager schon lange nicht mehr vorrangig zum Telefonieren, wie es die Eltern vielleicht erwarten. Stattdessen kommunizieren sie über Apps wie WhatsApp, Snapchat oder Facebook. Auf Facebook sind 81 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen aus Deutschland aktiv, zeigen Zahlen der JIM-Studie über Jugendliche im Netz. Mit der App Snapchat können Nutzer Bilder verschicken, die sich innerhalb weniger Sekunden selbst zerstören. Der Anschein der Vergänglichkeit sorgte für einen Nutzeransturm, über 200 Millionen Bildchen werden inzwischen nach Angaben der Firma pro Tag verschickt.

Jugendliche nutzten auch die Frage-Webseite Ask.fm, um erotische Bilder hochzuladen, berichtet Stefanie Rack von der Initiative Klicksafe. Sie hat Material zum Thema für Lehrer entwickelt. Teenager machten sich oft wenig Gedanken darüber, wie sich die Bilder im Internet verbreiten können, sagt sie. „Sie glauben immer noch, dass das nur ein eingeschränkter Kreis sehen kann.“ Weil die Apps ständig verfügbar sind, landeten Fotos schnell im Netz. Das sollten Eltern beim Smartphone-Kauf bedenken, warnen die Schulleiter. „Sie kaufen ein Gerät mit unbeschränktem Zugang zum Internet.“ Zu überprüfen, was Kinder und Jugendliche damit anstellen, ist gar nicht so einfach. „Viele dieser Gespräche zwischen Jugendlichen laufen inzwischen versteckt“, sagt der US-Forscher Justin Patchin von der Universität von Wisconsin.

Das Versenden der intimen Fotos kann nicht nur peinlich für die Betroffenen sein, es kann auch rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Nacktbilder von unter 14-Jährigen auf dem Handy zu speichern ist verboten. „Wer solche Fotos bekommt, sollte sie sofort löschen oder die Polizei verständigen“, sagt der hannoversche Rechtsanwalt Carsten Mauritz. Anderenfalls mache sich der Telefonbesitzer wegen Besitzes von Kinderpornografie strafbar. „Wer unter solche Bilder zudem ehrverletzende Kommentare schreibt, erfüllt zusätzlich den Tatbestand der Beleidigung.“

Gerko Naumann (mit: dpa)

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