Vulgäre Beleidigungen

Studentin wegen sexueller Belästigung angezeigt

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Potsdam - Die Universität Potsdam steckt mitten in einem Skandal wegen sexueller Belästigung – allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Ein Professor hat eine Studentin angezeigt, von der er sich belästigt und beleidigt fühlt. Auf einen Klausurzettel schrieb die angehende Juristin vulgäre Beleidigungen.

Die junge Studentin H. hätte am 12. Februar in einer Klausur über Schuldrecht alle in Betracht kommenden Ansprüche fiktiver Streitparteien erörtern sollen. Das tat sie nicht. In ihren handschriftlichen Aufzeichnungen überzog sie den Lehrstuhlinhaber für Bürgerliches Recht, Detlev Belling stattdessen mit Schmähungen. Belling reichte deswegen am 14. Februar bei der Staatsanwaltschaft Potsdam Strafanzeige ein. „Frau H. hat mich bei der Bearbeitung einer (auch) von mir gestellten Klausur beleidigt“, hieß es in dem Schreiben. Die Staatsanwaltschaft bearbeitet den Fall derzeit.

„Falls wir uns dann in irgendeinem Puff wiedersehen, wissen Sie warum.“

Auf Nachfrage der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ) gab Belling die von ihm inkriminierten schriftlichen Äußerungen von H. bekannt: „Ich möchte mich hiermit bei Ihnen bedanken, dass Sie mich so sehr in den Arsch gefickt haben“, schrieb die Studentin sowohl an Belling als auch an seinen Kollegen gewandt. Die beiden Professoren trieben sie „in die Prostitution, weil ich sonst nichts anderes kann und ein Studium ich mir nicht mehr leisten kann, da im 4. Semester mein Anspruch auf Bafög wegfällt“. Als Grund für ihren Ausraster gab sie an: Arglistige „Täuschung“ und den für sie offenbaren Willen, sie ruinieren zu wollen. Das Schuldrechtsthema der Prüfung sei in der Vorlesung nur am Rande behandelt und als Klausurthema sogar ausgeschlossen worden. Ihre Ausführungen enden mit der Äußerung: „Falls wir uns dann in irgendeinem Puff wiedersehen, wissen Sie warum.“

„Ich sehe darin eine schwere Persönlichkeitsrechtsverletzung“, begründete Belling gegenüber der MAZ seine harsche Reaktion. Weiterhin falle ihm auf, dass die Sensibilität gegenüber sexueller Belästigung an der Universität Potsdam offenbar sehr unterschiedlich ausgeprägt sei. „Ich möchte nicht, dass eine Frau auf diese Weise beleidigt wird, ich will aber auch nicht, das ein Mann auf diese Weise beleidigt wird“, sagte er. „Wehret den Anfängen.“

„Ist es nun anders, wenn ein Mann von einer Frau sexuell beleidigt wird?“

Belling verwies auf den durch die Medien gegangenen Fall des FDP-Politikers Rainer Brüderle. Dieser hatte sich bei einem Gespräch mit einer Journalistin an einer Hotelbar über deren Dekolletee geäußert und sich den Vorwurf sexistischer Anmache eingehandelt. „Die Sache Brüderle hat helle Empörung ausgelöst“, sagt Belling. „Ist es nun anders, wenn ein Mann von einer Frau sexuell beleidigt wird?“ Hätte die Studentin ein berechtigtes Anliegen gehabt, hätte sie sich auch regulär beim Studienbüro über die Aufgabenstellung beschweren können, so Belling. Dieser Weg der sogenannten Remonstration sei in Prüfungsangelegenheiten durchaus üblich. Die inhaltlichen Vorwürfe der Studentin H. weisen die beiden Rechtsprofessoren übrigens zurück. Schuldrecht sei ein Schwerpunktthema des aktuellen Semesters gewesen und die Lösung für die Standardaufgabe sei für die Prüfungsvorbereitung ins Internet gestellt worden.

Die Zentrale Gleichstellungsbeauftragte der Universität, Barbara Schrul, widerspricht Belling nur in einem Punkt: „Da wird nicht mit zweierlei Maß gemessen“, sagt sie. Belling sei nicht der erste männliche Kollege, der mit der Beschwerde einer sexuellen Belästigung an sie herantrete und bei ihr Unterstützung finde. Auch im aktuellen Fall kann Schrul Bellings Empörung verstehen, zumal dieser sich an der Juristischen Fakultät sehr für Frauenrechte einsetze: „Hier wurde eine Grenze überschritten“, sagt Schrul. Das Präsidialamt der Universität selbst teilte auf MAZ-Anfrage mit, das Präsidium werde als Bellings Dienstherr keinen eigenen Strafantrag stellen. Auch Ordnungsmaßnahmen gegen die Studentin schloss die Unileitung aus.

Von Rüdiger Braun

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