Bettina Wulff

Ein Stück entfernt von Christian

+
Foto: „Mein Tattoo ist ein Teil von mir“: Bettina Wulff mit ihrem Sohn und ihrem Mann am Montag bei der Ankunft auf dem Flughafen Hannover.

Hannover - Die einstige First Lady demonstriert in ihrem Buch nicht nur Distanz zum Politikbetrieb – sie will auch mit allen Vorwürfen nichts mehr zu tun haben.

Am 17. Februar um elf Uhr vormittags trat Christian Wulff vom Amt des Bundespräsidenten zurück. Er schritt zum Rednerpult, gab eine knapp dreiminütige Erklärung ab. Das Amt war wieder frei – unbelastet von Diskussionen über Vorteilsnahmen, über Privatkredite, Landesbürgschaften, Reisen, Upgrades, Bobby-Cars, Mailboxbeschimpfungen. Bettina Wulff stand während der Rede neben ihrem Mann, stumm im klassischen schwarzen Kostüm mit weißen Kragen. Doch die Botschaft, die sie mit diesem stummen Auftritt senden wollte, war eine doppeldeutige. In ihrem jetzt erschienenen Buch „Jenseits des Protokolls“ erklärt sie: „Ganz bewusst aber stellte ich mich ein Stück entfernt von Christian, um so zu zeigen: Ich bin eine eigenständige, selbstständige Frau.“

Ein paar Zentimeter näher oder ferner sollen den Unterschied ausmachen zwischen der schweigenden First Lady, die im Paket mit dem Präsidenten angeliefert und wieder abgefahren wird, und der selbstbewussten Frau mit eigener Professionalität und eigener Karriere. Im Moment des Rücktritts blieb ihr nur, stumm auf die „Medienmeute“ ihr gegenüber zu schauen. Nicht wütend, betont sie, sondern in einer „Kombination aus Gleichgültigkeit und Amüsement“.

Ihre Wut, die sie im Moment des Rücktritts nicht gespürt haben will, hat sich Bettina Wulff für ihr Enthüllungsbuch aufbewahrt. „Jenseits des Protokolls“ ist eine groteske Mischung aus mindestens drei Geschichten. Die erste ist die Anklage gegen die böse Medienwelt, ihre Anwürfe und Gerüchte, die nach Bettina Wulffs Worten ihre Gefühle verletzt und ihre Würde angetastet haben . Die zweite ist die Geschichte der Mutter zweier kleiner Kinder, die aus ihrem Nest in Großburgwedel gerissen und auf die große Bühne der First Lady geworfen wird, nicht unwillig zwar, aber unvorbereitet. Die dritte ist die Hauptgeschichte. Für diese sind die wenigen Zentimeter Zusatzabstand wichtig, die Bettina Wulff zu ihrem Mann bei dessen Rücktrittsrede ließ. Hier will sich eine Frau neu erfinden. Hier will sich eine Expertin für Krisen-PR freimachen von den Belastungen der Vergangenheit, frei von Bellevue, frei von Gerüchten, frei vom Debakel.

Auch frei von Christian Wulff? Einige Passagen des Buches suggerieren das. „Umso ärgerlicher war und ist es für mich, dass wir oftmals über einen Kamm geschoren und in einen Topf geworfen wurden und immer noch werden.“ Mit „wir“ meint sie Christian Wulff und sich. Schreibt Bettina Wulff, weil ihr klar ist, weil ihnen beiden klar ist, dass sein berufliches Comeback weitaus länger dauern wird als ihres? Bettina Wulff hat sich mit einer PR-Agentur selbstständig gemacht, sie war bei den Paralympics im Einsatz, sie ist jetzt wieder die selbstbewusste, arbeitende Mutter, die sie in Niedersachsen sein konnte, bevor sie in Berlin zum Anhängsel des Präsidenten wurde. Zum Anhängsel, von dem erwartet wird, einen unbezahlten Vollzeitjob zu leisten, der auf Kinder keine Rücksicht nimmt. So beklagt sie sich wortreich.

Und sie beklagt sich über die Fehler im Krisenmanagement ihres Mannes. Den Polteranruf Christian Wulffs auf der Mailbox des „Bild“-Chefredakteurs Kai Diekmann nennt sie einen „riesengroßen Fehler“. Sie wirft ihrem Mann vor, nicht vorher einmal mit ihr gesprochen zu haben, seine Wut abzulassen, sie, die PR-Fachfrau, zu Rate zu ziehen. Auf dem Höhepunkt des Wulffschen Debakels muss es viel Schweigen zwischen den Eheleuten gegeben haben. Sie schreibt: „Ab einem gewissen Zeitpunkt kam ich nur noch schwer an Christian und sein Beraterteam heran, die mehr oder weniger rund um die Uhr im Büro tagten.“

Den Namen Olaf Glaesekers, damals Wulffs Sprecher und engster Vertrauter, nennt sie nicht. Der Vorwurf gegen Glaeseker steht zwischen den Zeilen, in den Vorwürfen gegen ihren Mann. „Statt erst nach jeder Anfrage ein Statement abzugeben, wäre es klüger und souveräner gewesen, sich einmal offensiv zu erklären“, schreibt sie.

Und meint damit auch den Umgang mit dem Gerücht, gegen das sie nun, pünktlich zum Erscheinungstermin des Buches, mit allen rechtlichen Mitteln vorgeht: Dass sie, Bettina Wulff geborene Körner, eine Vergangenheit im Rotlichtmilieu habe. Acht Seiten widmet sie den „Gerüchten“, wie sie das Kapitel nennt. Die beiden kurzen, zentralen Sätze lauten: „Ich habe nie als Escort-Lady gearbeitet. Das ist einfach absoluter Quatsch.“ Die Wulffs, beide Wulffs, haben sich entschieden, schreibt sie, das Thema „auszublenden“, nicht offensiv dagegen anzugehen. Weil sie den Gerüchten im Internet nicht zu viel Bedeutung einräumen mochten. Doch damit hielten sie das Gerücht am Leben, und wenn es lange genug gelebt hat, gebiert es neue Gerüchte: Warum geht Bettina Wulff jetzt, genau zum Verkaufsstart ihres Buches, medienwirksam gegen die fast schon vergessenen Gerüchte vor, fragt sich nicht nur Michael Konken, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV). Konken nennt es „diskussionswürdig”, dass Bettina Wulff ihre Persönlichkeitsrechte erst mehr als ein halbes Jahr nach dem Rücktritt geltend mache. Sofort wird von einer Kampagne der PR-Fachfrau Wulff gesprochen. Warum erzählt sie auf acht Seiten jedes Detail dieser Gerüchte nach, von der „lebenslustigen Bettina“, von der „luxusverliebten“ Blondine? Warum schreibt sie neun Seiten über ihre Tätowierung am Oberarm („Mein Tattoo ist ein Teil von mir“), drei Seiten über ihre Beziehung zu einem Rettungsschwimmer auf Sylt („Ich war 16, Tom 24“).

Bettina Wulff und ihre Ko-Autorin Nicole Maibaum versuchen eine Gratwanderung. Eine Abrechnung mit dem Medien- und Politikbetrieb der Hauptstadt allein scheint den beiden und dem Münchner Riva-Verlag nicht die Startauflage von 100.000 Exemplaren wert zu sein. Da muss es dann noch ein bisschen mehr knistern. Maibaum schrieb bisher für Iris Berben („Frauen bewegen die Welt“), Veronica Ferres („Kinder sind unser Leben“), und sie schrieb Ratgeber („25 Wege, sich an seinem Ex zu rächen“). Wäre es nicht zu billig, könnte man kalauern: Das Wulff-Buch ist eine Mischung aus allen dreien.

Aber es ist mehr. Bettina Wulffs Sicht auf 598 Tage als bisher jüngste First Lady der Bundesrepublik ist ein bemerkenswertes Buch. Neben allem Kalkül, das sowohl im Text als auch in der kurzfristig vorgezogenen Veröffentlichung steckt, scheint es erfrischend ehrlich.

Erfrischend ehrlich ist vor allem ihre Beschreibung der Rolle Kai Diekmanns und der „Bild“-Zeitung. Wie Diekmann („ein Fuchs“) sie bei einem harmlosen Frühstück zu viert in Potsdam geradeheraus fragt, was denn dran sei an den Rotlicht-Gerüchten. Zwar blieb ihr „fast das Brötchen im Halse stecken“, aber an der engen Beziehung zur „Bild“ änderte das zunächst nichts. „Zusammenarbeit“ nennt sie das, wie es eine PR-Fachfrau eben tut. Ganz normal alles.

Und hier schleicht sich dann doch ein bitterer Beigeschmack ein in die Lektüre des flott, manchmal flapsig geschriebenen Bandes. Von Reue nämlich, von Fehlern ist in diesem Buch erstaunlich wenig die Rede. Es dominiert die alte Anspruchshaltung, die den Wulffs in allen Facetten ihres Fiaskos zum Vorwurf gemacht wurde: Dass sie ein Anrecht hätten – auf das höchste Amt im Staate und ein unbeschwertes Privatleben. Darauf, dass Freunde wie der Filmproduzent David Groenewold ihnen Hotelzimmer buchten. Auf eine wohlwollende Behandlung durch die Presse.

„Ich habe in den Jahren so viel geheult“, über die Rotlicht-Gerüchte, über die Angriffe auf ihre Person und ihre Familie, schreibt Bettina Wulff. Das kann man ihr glauben, und auch, dass sie reinen Tisch machen will. Ihr Buch aber ist weit mehr: Sie will ihr Bellevue-Debakel schnellstmöglich hinter sich lassen. Und wie es aussieht, weiß sie sehr genau, was sie dafür tun muss.

Bettina Wulff: Jenseits des Protokolls. Riva, 224 Seiten, 19,99 Euro.

Auszüge aus dem Hörbuch:

Von Jan Sternberg

1237018

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare