Erdbeben in Kathmandu

Die Stunde der Helfer

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epa04722497 Members of a rescue team from Turkey arrive at the site of earthquake in Kathmandu, Nepal, 27 April 2015. The death toll from the 7.8-magnitude earthquake at the weekend in Nepal was 3,432, the Interior Ministry said 27 April, after thousands more spent a second night in the open. The government said around 6,505 people were injured in the quake that hit on Saturday. Besides the fear caused by numerous aftershocks, people camping in open spaces were suffering a combination of rain, h

- Die Hoffnung schwindet – aber die Helfer haben die Suche nach Überlebenden in den Trümmern von Kathmandu noch lange nicht aufgegeben. Ärzte und Pfleger lassen ihre Arbeit, ihre Familien zurück und machen sich auf zum Katastropheneinsatz in Nepal. Was treibt die Freiwilligen an?

Hannover. Vor zwei Dingen hat Christian Scholber wirklich Respekt: vor Chirurgen und vor Erdbeben. Am meisten Respekt hat er vor Chirurgen, die als Katastrophenhelfer in Erdbebengebiete reisen. Die mitten im Chaos, ohne Strom, ohne funktionierende Krankenhäuser Menschen mit grausamen Verletzungen operieren müssen. Die unter freiem Himmel Gliedmaßen amputieren, irgendwie. Die nach dem Katastropheneinsatz auf Haiti vor fünf Jahren aufgewühlt wieder nach Hause kamen. Und am Sonnabend trotzdem wieder losgeflogen sind, ohne Zögern, diesmal nach Nepal.

Solche Männer und Frauen bewundert Christian Scholber. Sein eigenes Tun findet er ganz normal. Der Internist aus Hannover bereitet sich gerade auf seinen vierten Katastropheneinsatz als Freiwilliger für die Hilfsorganisation humedica vor. Er fliegt mit einem Ärzte- und Pflegerteam nach Kathmandu. Ganz unaufgeregt berichtet er davon. Er hat ja schließlich schon auf den Philippinen nach dem verheerenden Zyklon 2006 Menschen behandelt, deren Füße nach tagelangem Waten durch kniehohes Wasser so zerschnitten und infiziert waren, dass sie nicht mehr laufen konnten. Er hat 2008 nach dem Taifun Medikamente nach Myanmar geschmuggelt und hat 2012 im iranischen Erdbebengebiet Erste Hilfe per Geländewagen auf die Dörfer gebracht. Warum macht er das immer wieder? „Das macht man, weil man es kann.“

Man kann vieles, wenn die Not groß ist. Das Erbeben, das am Sonnabend weite Teil des Himalajastaates Nepal verwüstet hat, hat Tausende Menschen getötet, Zehntausende verwundet, Hunderttausende obdachlos gemacht. Es hat auch eine gigantische, weltweite Hilfsmaschine in Gang gesetzt: Auf dem Flughafen Kathmandu landen im Minutentakt die Transportmaschinen. Das DRK schickt Hilfsgüter im Wert von 670 000 Euro. Im Nachbarland Indien sind drei Frachtschiffe aus China und den USA angelandet; Lastwagen bringen Lebensmittel und mobile Kliniken auf dem Landweg nach Kathmandu. 14 EU-Länder bieten Erste-Hilfe-Teams und Ausrüstung an, die asiatische Entwicklungsbank überweist 180 Millionen Euro.

Doch das Beeindruckendste, was in diesen Tagen auf dem „Dach der Welt“ ankommt, sind die Menschen. Die türkischen Rettungsmannschaften, die auf die Bergung von Verschütteten spezialisiert sind; die Hundeführer aus Mecklenburg-Vorpommern mit ihren Suchhunden; die Inder, die Trinkwasseranlagen aufbauen; die Ärzte und Pfleger, die retten und heilen.

„Weil ich es kann“ - das wusste Christian Scholber schon, als am Sonnabendmittag, zwei Stunden nach dem Beben, die Textnachricht auf seinem Handy aufleuchtete. Alle 600 Freiwilligen von humedica erhielten diese Bitte, sich zum Einsatz zu melden. Christian Scholber saß zu dem Zeitpunkt gerade in einer Harzer Bimmelbahn, Wochenendausflug. „Sofort“, Abflug 16 Uhr, ging nicht, also die Meldung zurück: „Beim zweiten oder dritten Team bin ich dabei.“ Nun wird es das dritte.

Es gibt nur einen Menschen, mit dem der 41-Jährige sich in solchen Momenten kurzschließen muss: seine Frau und Kollegin Anja Fröhlich. Die beiden führen eine Gemeinschaftspraxis, sie sind beide „neugierig auf die Welt“- und sie wechseln sich seit zehn Jahren bei Katastropheneinsätzen ab. Seit sie 2004 die Tsunami-Nachrichten verfolgten und diesen „Man müsste doch eigentlich was tun“-Moment hatten. An diesem Sonnabend haben sie es wieder gedacht.

„Da gab’s nicht viel zu diskutieren, ich bin dran.“ Scholber weiß, dass er es relativ leicht hat, sich freizunehmen. Die Patienten kennen das schon, „wir können mit deren Verständnis rechnen, wenn Termine verschoben werden“. Eine bis vier Wochen, das geht, die Mehrarbeit bleibt in der Familie. Die im Dienstplan eng getakteten Krankenhausärzte und -pfleger sind da schon mehr auf das Wohlwollen von Kollegen und Vorgesetzten angewiesen.

Am 9. Mai geht es für Christian Scholber los. Es ist, aus nepalesischer Sicht, genau der richtige Zeitpunkt für einen Internisten. Im Moment werden noch in erster Linie Operateure gebraucht. Doch es wird nicht lange dauern, bis die wenig oder gar nicht Verletzten jede Hilfe brauchen, die sie nur kriegen können.

„In den Dörfern bahnt sich eine zweite Katastrophe an“, sagt Mike Thiedke vom britischen Büro des Kinderhilfswerks Plan International. Er war zu einem Projektbesuch in Nepal, als die Erde bebte. Auf einer zwölfstündigen Autofahrt über Land, berichtet er aus Kathmandu, hat er die Menschen gesehen, die auf freiem Feld leben, „Kinder, Mütter, Alte“, weil ihre Häuser zerstört sind, weil sie Angst haben vor den Nachbeben. Sie leben weit verstreut, viele Straßen und Brücken sind zerstört. „Es wird sehr schwer werden, die Hilfe ins Land zu bringen“, weiß Mike Thiedke.

Es hat viel geregnet in den letzten Tagen, obwohl Trockenzeit ist; tagsüber wird es über 30 Grad heiß, nachts bis minus zehn Grad kalt. „Das, zusammen mit dem verschmutzen Trinkwasser und dem drohenden Nahrungsmittelmangel, wird die Menschen krank machen.“ Die wenigen Mediziner in Kathmandu werden es nicht schaffen, zu diesen Menschen zu kommen.

Darauf stellt sich Christian Scholber ein. „Lungenentzündungen, Infektionen, Durchfälle - all diese ,normalen’ Erkrankungen werde ich behandeln müssen, den einheimischen Ärzten den Rücken für die schweren Fälle freihalten.“ Er schreckt ihn nicht, dieser Einsatz in einer fremden Kultur, fernab von allen technischen Hilfsmöglichkeiten: „Da muss man sich auf seine Augen und alle seine Sinne verlassen. Eine zweite Meinung, ein Röntgenbild, einen Bluttest gibt es einfach nicht.“

  1. Die „Aktion Deutschland hilft“ bündelt 23 Mitglieder, darunter Malteser, Johanniter und den Arbeiter-Samariter-Bund. IBAN: DE62 3702 0500 0000 1020 30, BIC: BFSWDE33XXX, Spenden-Stichwort: Erdbeben Nepal.
  2. Unicef: Konto bei der Bank für Sozialwirtschaft Köln, IBAN: DE57?3702?0500?0000?3000 00, BIC: BFSWDE33XXX, Stichwort: Erdbeben Nepal.
  3. Deutsches Rotes Kreuz , Bank für Sozialwirtschaft, IBAN: DE63370205000005023307, BIC: BFSWDE33XXX, Stichwort: Erdbeben Nepal.

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