Fragen nach Amoklauf in USA

Mit Sturmgewehr in die Kommandozentrale

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Foto: Nach dem Amoklauf in Washington kehrt in der US-amerikanischen Hauptstadt nur langsam wieder Normalität ein.

Washington - Wie kann ein schwer bewaffneter Schütze ein streng bewachtes Gelände der US-Marine betreten? Nach der tödlichen Schießerei in Washington werden Rufe nach strengeren Sicherheitsmaßnahmen laut. Es ist nicht das erste Mal, das jemand auf einer Militärbasis das Feuer eröffnet.

Hunderte Mitarbeiter strömen jeden Tag auf den sogenannten Navy Yard der US-Marine in der Hauptstadt Washington. Zu Fuß oder im Auto passieren sie die Sicherheitsschleusen an den Eingängen. Sie halten vor bewaffneten Soldaten einen Ausweis hoch und ziehen ihn durch einen Scanner, der kurz darauf grünes Licht gibt. Es gibt keine Metalldetektoren, keine Abtastkontrollen und keine Durchsuchungen. So gehen Tausende an rund 500 Militärstützpunkten im ganzen Land jeden Tag ein und aus, berichtet die „Washington Post“. Einheitliche Standards für die Kontrollen gibt es nicht.

So dürfte auch Aaron Alexis ohne viel Aufsehen auf das Gelände im Südosten Washingtons gelangt sein, bevor er zwölf unschuldige Mitarbeiter niederstreckte und dann im Gefecht mit der Polizei erschossen wurde. Da der 34-Jährige als privater Auftragnehmer an einem IT-Projekt arbeitete, besaß er einen gültigen Ausweis vom September 2012, der noch im Juli erneuert wurde. Sollte es am Montagmorgen keine außergewöhnliche Kontrolle gegeben haben, dürfte Alexis sein AR-15-Sturmgewehr ohne Probleme in einer Tasche auf das Gelände gebracht haben.

Eigentlich gilt die Kommandozentrale als Hochsicherheitstrakt. Selbst Handys sind strikt verboten, wie eine Augenzeugin der blutigen Tat vom Montag der Nachrichtenagentur dpa berichtet. Mitarbeiter lassen ihre Telefone im Auto zurück, andere nehmen sie heimlich mit in den Gebäudekomplex, schalten sie aber nicht an. „Wir wissen, dass dies eine der sichersten Einrichtungen des Landes ist“, versichert Bürgermeister Vincent Gray. Und das Gebäude 197, wo die Tragödie ihren Lauf nahm, ist nach Ansicht von Mitarbeitern eines der sichersten auf dem gesamten Gelände.

Schnell werden Rufe von Kritikern laut, die dem Militär vorwerfen, die Sicherheit seiner Mitarbeiter aus Kostengründen aufs Spiel gesetzt zu haben. Die Befehlshaber über Marine-Einrichtungen hätten versucht, bei den Zugangskontrollen Kosten zu sparen, heißt es in einem unveröffentlichten Pentagon-Bericht. „Mindestens 52 verurteilte Verbrecher bekommen routinemäßig unbefugten Zugang zu Einrichtungen, was das Sicherheitsrisiko für Militärpersonal erhöht“, zitiert der Sender CNN aus dem Papier. Der Abgeordnete Mike Turner hat in einem Brief an das Pentagon bereits eine Aufklärung der Sicherheitslücken gefordert.

Erinnerungen werden wach an den Amoklauf von Fort Hood, bei dem der US-Militärpsychiater Nidal Hasan 13 Menschen erschoss. Nach diesem forderte das Pentagon im November 2009 von den Befehlshabern, die Sicherheitsvorschriften auf dem Stützpunkt in Texas genau zu überprüfen. Ein Bericht aus dem Januar 2010 bemängelte, dass der Schutz vor „interne Bedrohungen“ nicht optimal sei und bezeichnete den schlechten Datenaustausch zwischen den einzelnen Pentagon-Stellen als „entscheidenden Mangel“.

Bei Aaron Alexis hätten die Alarmglocken deutlich früher klingeln müssen. Er war der Polizei nicht nur durch seinen Gebrauch von Schusswaffen aufgefallen, sondern litt auch an psychischen Problemen. Die Marine entließ ihn wegen „mehrfachen Fehlverhaltens“ im Januar 2011 vom Dienst als aktiver Reservist. Wie er als privater Auftragnehmer erneut einen Ausweis zum Marine-Gelände bekommen konnte, bleibt nach der Tragödie von Washington ein Rätsel.

Der Todesschütze von Washington

Dass mit Aaron Alexis etwas nicht stimmte, muss den Menschen in seiner Umgebung schon länger klar gewesen sein. Der 34-jährige ehemalige Marine-Reservist, der auf einem Marinestützpunkt in Washington zwölf Menschen erschossen hat, war schon öfter auffällig geworden. Und immer waren Schusswaffen im Spiel.

Er selbst wusste, dass er mentale Probleme hatte: Er wandte sich deswegen mehrfach um Hilfe an das Kriegsveteranenministerium. Und er suchte - vergeblich - inneren Frieden beim Meditieren in einem buddhistischen Tempel.

2004 spazierte Alexis aus dem Haus seiner Großmutter in Seattle, zückte eine Pistole und feuerte auf die Reifen eines geparkten Autos zweier Arbeiter. Als die Polizei ihn zur Rede stellte, sagte er, die Männer hätten ihn respektlos behandelt. Seine Wut sei so groß gewesen, dass er einen „Blackout“ gehabt habe.

Den Ermittlern schilderte Alexis damals, wie sehr ihn die Terroranschläge vom 11. September 2001 mitgenommen hätten. Sein Vater gab zu Protokoll, sein Sohn habe Probleme, seine Wut unter Kontrolle zu bringen. Er sei bei den Anschlägen als Retter im Einsatz gewesen und leide unter einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Das größte Interesse des späteren Todesschützen galt der thailändischen Kultur. Von 2007 bis 2011 arbeitete er als Elektriker bei der Marine, die meiste Zeit in Fort Worth in Texas. In dieser Zeit habe er „auffällige Verhaltensmuster“ entwickelt, heißt es in US-Medien.

2010 wurde Alexis festgenommen, weil er in seiner Wohnung in Wände und Decken geschossen hatte. Seine Nachbarin gab an, er habe sich über Lärm beschwert, sie habe sich bedroht gefühlt. Alexis erklärte, die Schüsse hätten sich beim Reinigen der Waffe versehentlich gelöst.

Nach seinem Ausscheiden aus der Navy arbeitete Alexis als privater Auftragnehmer für die Marine. Deshalb hatte er einen Ausweis für das Marinegelände, wo er am Montag das Blutbad anrichtete.

dpa

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