Kalt, nass, doof

Auf der Suche nach dem Sommer

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Das Higgs-Teilchen haben wir gefunden, aber nach dem Sommer 2012 suchen wir noch: Regensicher verpackte Besucher eines Konzertes auf dem Berliner Gendarmenmarkt.

Hannover - Was soll denn das bitte für ein Sommer sein? Kälter als hier bei uns ist es nur noch im Ehebett von Tom Cruise. Zeit für eine Wetterpolemik über Schafwoll-Bikinis, Rudelbildung unter Aerosolen, Bratapfelrezepte im Juli und Vitamin-D-Mangel bei FDP-Abgeordneten.

Das Schlimmste ist ja, dass niemand Schuld ist. Dass man sich nirgendwo beschweren kann. Dass einem kein flötender Callcenter-Inder in Bangalore in routiniertem Service-Parlando den Wind aus den Segeln nimmt: „Vielen Dank für Ihre Anregung zum Sommer 2012. Ihre Kritik wird an die zuständige Abteilung weitergeleitet und umgehend bearbeitet. Bitte sehen Sie bis dahin von Auswanderung oder Amokläufen ab.“

Für jeden Mist in diesem Land ist irgend jemand zuständig - vom Durchmesser einer Salamipizza bis zum korrekten Mischverhältnis einer Tüte „Haribo Colorado“. Nur für den Sommer gibt’s keine Hotline.

Da steht die frustrierte Kundschaft unter ihrem Regenschirm und muss dieses Unglück von einer Jahreszeit zähneknirschend hinnehmen. Seit Sommeranfang gab es im Schnitt 247 Sonnenstunden in Deutschland - das sind mickrige 40 Prozent des Üblichen. Und man kann nicht einmal die SPD dafür verantwortlich machen. Oder Claudia Roth. Oder Mahmud Ahmadinedschad. Oder die Griechen (Andererseits: In Griechenland haben sie seit Wochen 40 Grad und Sonnenschein. Die Akropolis hat wegen Hitze geschlossen. Kann es sein, dass sich der Grieche inzwischen auch den Sommer gebunkert hat?).

Der Mensch fährt im Leben durchschnittlich 60-mal in den Urlaub, geht 300-mal ins Kino, besucht 40 Opern, ist 1,6-mal verheiratet, hat drei Knochenbrüche und zwei Steuerprüfungen und wartet 32-mal, bis die Kassiererin im Supermarkt die Bonrolle ausgetauscht hat. Mit anderen Worten: Das Leben ist zu kurz für miese Sommer.

Es regnet. Da kann man jetzt den Wettergott bemühen oder Petrus oder eine nordkoreanische Verschwörung. In Wahrheit ist es einfach Zufall. Es ist irgendeine schicksalhafte Rudelbildung unter Aerosolen in der Atmosphäre oder eine komplexe Troposphärenverpüschelung über Nordeuropa, die dazu führt, dass der Bikini 2012 „Fleecejacke“ heißt, dass jedes Hoch vor Deutschland scharf abbiegt und dass in Nordirland Schnee fällt. Zufall aber passt nicht in unsere durchökonomisierten Lebenskonzepte. Zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlich geforderten Leistungsfähigkeit eines deutschen Arbeitnehmers gehören sonntags der „Tatort“, ab und zu Kekse und vier Wochen Sonne im Sommer. Sie sind in die persönliche Gesamtenergiebilanz eingepreist.

Bleibt die Sonne aus, hat das verheerende Folgen für die Psychohygiene: Menschen mit Vitamin-D-Mangel entwickeln plötzlich hirnrissige Ideen. Zwei FDP-Hinterbänkler durften gestern in „Bild“ eine Abwrackprämie für Griechenlandurlauber fordern. Wer Lastminute nach Kriseneuropa fliegt, soll staatlich bezuschusst werden. Das erinnert an die unvergessenen Sommerloch-Klassiker „Mallorca soll 17. Bundesland werden“, „Keine GEZ-Gebühren für Gähn-TV“ und „Gabriele Pauli fordert Ehe auf Zeit“. Schlamm drüber.

Was für ein Elend: Menschen suchen im Netz nach Bratapfelrezepten. „Bild“-Dichter Franz Josef Wagner ringt sich Erratisch-Poetisches ab („Der Sommer rennt im Regenmantel durch die Straßen“). Die Facebook-Seite „Die neuen 4 Jahreszeiten: Frühling, Arschloch, Herbst und Winter“ hat 226.000 Fans. Seit der Erfindung der „Föhnmauer“, des „Kaltluftsees“ und des „Azorenhochkeils“ haben Freunde von Open-Air-Bier und Schrammelrockfestivals nicht derart leiden müssen. Was kommt als nächstes? „Last Christmas“ im Radio? Der Schafwoll-Bikini von H&M? Kälter als im Sommer 2012 ist es nur noch im Ehebett von Tom Cruise.

Und die Wissenschaft schwächelt auch: Das Higgs-Teilchen haben sie gefunden, aber nach dem Sommer suchen sie noch. Was soll das sein, dieser „Sommer“? Die Antimaterie unter den Jahreszeiten?

Nur über Übergangsjackenträger habe ich in diesem Sommer noch keinen Witz gehört. Kein Wunder: Wir alle tragen eine. Täglich. Überlebensexperten weisen vorsorglich darauf hin, dass Menschen schon bei mäßigen Temperaturen erfrieren können. „Bei 0 Grad Celsius und einer Windgeschwindigkeit von 70 Stundenkilometern ist die Erfrierungsgefahr erheblich größer als bei minus 40 Grad und Windstille“, schreibt der Wissenschaftsautor Jürgen Brater. Heißt umgerechnet: Bei aktuell 12 Grad plus und Orkanböen müssen wir froh sein, wenn wir es lebend zur Bushaltestelle schaffen. „Nur Gejagte lieben den Regen, weil er Spuren verwischt“, sagt Survival-Großmeister Rüdiger Nehberg. Ich weiß nicht, wie’s Ihnen geht, aber hinter mir ist keine Horde Kannibalen her. Ich könnte auf den Regen verzichten.

Und kommen Sie mir jetzt nicht mit „Aber die Bauern freut’s“. Die Bauern freut’s auch nicht. Die Bauern wollen auch nicht nach jedem Arbeitstag aussehen wie nach Woodstock ‘69. Die sitzen auch gerne mal auf der Terrasse und häkeln Topflappen. Im Übrigen erntet sich’s so schlecht auf Getreidefeldern, auf denen kniehoch das Wasser steht.

Zum Glück gibt es Fachleute. Christina Koppe, Medizinmeteorologin beim Deutschen Wetterdienst, erklärt in bestechender wissenschaftlicher Präzision, warum der wochenlange Nieselpiss bei den Menschen im Lande zu Irritationen führt. Zitat: „Die meisten verbinden Sommer mit Wärme und nicht mit Regen.“ Schöner kann man das nicht ausdrücken.

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