Kein Zweifel

Der in der Südsee vermisste Deutsche ist tot

Ein Paradies mit schönen Stränden, umgeben von kristallklarem Wasser: Nuku Hiva ist ein beliebtes Touristenziel.
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Ein Paradies mit schönen Stränden, umgeben von kristallklarem Wasser: Nuku Hiva ist ein beliebtes Touristenziel.

- Knochen, Zähne, Kleiderreste und verschmortes Metall. Das ist alles, was von dem 40-jährigen Stefan R. übrig geblieben ist. Knapp zwei Wochen nach dem Verschwinden des Weltumseglers brachte eine DNA-Untersuchung nun die traurige Gewissheit: Die menschlichen Überreste, die Polizisten auf der Südseeinsel Nuku Hiva entdeckt hatten, stammen von dem vermissten Deutschen.

„Der verbrannte Leichnam ist es“, erklärte der zuständige Staatsanwalt José Thorel auf der zu Frankreich gehörenden Inselgruppe Französisch-Polynesien am Freitag. Das hätten auch die gefundenen Zähne belegt.

Als Hauptverdächtiger gilt der einheimische Jäger Henri H. Von ihm fehlt immer noch jede Spur. Die Zeitung „La Depêche du Tahiti“ berichtete in ihrer Onlineausgabe über Hinweise, dass auf einem Hochplateau Lebensmittel und andere Dinge aus einem Jagdlager verschwunden seien. Zudem gebe es Indizien, dass ein Mensch in der Nähe des Lagers übernachtet habe. An der Suche nach dem Verdächtigen beteiligten sich auch einheimische Jäger.

Vor etwa zwei Wochen war Stefan R. mit dem tatverdächtigen Mann zu einem Ausflug in das Innere der Insel aufgebrochen. Es wurde eine Tour, von der der Jäger allein zurückkehrte. Der wartenden 37-jährigen Lebensgefährtin des Deutschen erzählte er von einem Unfall. Daraufhin zog Heike D. mit dem Mann los. Sie erklärte den Behörden, der Jäger habe sie unterwegs sexuell belästigt. Schließlich habe er sie an einen Baum gefesselt. Doch sie habe fliehen können.

Auf der Insel und in der ganzen Region fürchtet man nun, dass durch das Verbrechen das Bild von menschenfressenden, wilden Ureinwohnern belebt werden und der Tourismus abflauen könnte. Denn diverse Medien äußerten bereits den Verdacht, Stefan R. könnte einem Kannibalen zum Opfer gefallen sein. Urlauber – und dessen sind sich vor allem die Insulaner sehr bewusst – wollen auf Französisch-Polynesien vor allem die Idylle eines unberührten Paradieses erleben.

Doch das insbesondere von der Tourismus- und Marketingbranche verbreitete Bild hat auch eine Kehrseite: Wo es ein Extrem gibt, lauert meist auch ein zweites. Entsprechend schnell kann sich die Vorstellung vom unberührten Paradies mit Gitarre spielenden Jünglingen und Blumenketten tragenden Mädchen in das genaue Gegenteil verkehren. Aus der Trauminsel wird dann die Albtrauminsel, auf der zahlreiche Kannibalen leben. Die Mythen der Südsee halten sich eisern. Schließlich haben sie Tradition. In seinem Roman „Taipi“ schwärmt schon Hermann Melville von der Schönheit der Insel Nuku Hiva, die Bewohner allerdings kanzelt er als „tätowierte Kannibalen“ ab.

Philibert Commerson, Schiffsarzt und Botaniker der Bougainville’schen Weltumseglung, beschrieb die Südsee-Inselgruppe Tahiti im November 1769 als Land, „in dem Menschen ohne Laster, ohne Vorurteile, ohne Bedürfnisse, ohne Zwistigkeiten leben.“ Den Negativmythos kreierte etwa James Wilson, der von 1796 bis 1798 eine englische Missionsreise nach Tahiti leitete. Er traf auf „schrecklichste Unzucht“ und „Kriege, Menschenopfer und abscheuliche Festivitäten“. Die meisten Europäer hätten auch heute noch eine verklärte Vorstellung von der Südsee, sagt Hans Fischer, emeritierter Professor am Hamburger Institut für Ethnologie. „Der Mörder von Stefan R. hatte in erster Linie eine Psychose“, meint er. „Es ist doch verrückt, von einem Einzelnen auf ein ganzes Volk zu schließen.“

Das Verbrechen setzt der Weltreise von Stefan R. und Heike D. ein jähes Ende. Dreieinhalb Jahre waren der Unternehmensberater und seine Lebensgefährtin auf dem 14 Meter langen Katamaran „Baju“ unterwegs gewesen. Die Fahrt führte das Paar durchs Mittelmeer und über den Atlantik in die Karibik. Im Sommer dieses Jahres hatten sie die Südsee erreicht. Die Insel Nuku Hiva wurde ihr letzter Stopp. Familie, Freunde und Nachbarn des Opfers trauerten in dessen Heimatgemeinde Haselau (Schleswig-Holstein) um den Weltumsegler.

Bislang sei nicht entschieden, ob die Gemeinde mit einer gemeinsamen Trauerfeier Abschied von Stefan R. nehmen wird, sagte Haselaus Bürgermeister Rolf Herrmann. Das werde noch mit der Familie abgestimmt. Sie hatten schon Mitte dieser Woche die Hoffnung aufgegeben. „Die schrecklichen Umstände seines Todes berühren und schockieren uns“, hatten die Eltern in einem Internetblog geschrieben. Die Lebensgefährtin des Seglers ist noch in der Südsee, wo sie konsularischen Beistand hat.

Stefanie Nickel

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