Züchtung

Der Superapfel aus dem Alten Land

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Aus rund 6000 Apfelbäumen, jeder davon einmalig, soll hier ein neuer Altländer Apfel gezüchtet werden.

Balje - Makellose Schale, knackig und saftig. Eine neue Apfelsorte braucht viele Qualitäten, um sich auf dem Markt zu behaupten. Obstbauern im Alten Land wollen so einen Superapfel züchten. Dafür brauchen sie vor allem viel Geduld - und großen Appetit auf Äpfel.

In Gummistiefeln und blauer Latzhose stapft Jacob-Hinrich Feindt durch die Apfelplantage. An den Blättern hängen noch einzelne Regentropfen, die in der Herbstsonne langsam trocken. Dazwischen leuchten Früchte mit dicken roten Backen. Beherzt beißt Feindt in einen Apfel. Säuerlich-süß ist er, leicht mehlig und vielleicht etwas zu groß geraten. „Nicht herausragend. Aber immerhin, über den kann man reden“, meint der Experte.

Dicht an dicht drängen sich die Apfelbäume auf dem sechs Hektar großen Feld in Balje, einem kleinen Ort an der Elbmündung. Rund 6000 sind es, jeder davon einmalig. Zufrieden ist Feindt aber mit den wenigsten. Mitleidig blickt er auf die drei kümmerlichen Äpfel in seiner kräftigen Hand: gelb, fleckig, unappetitlich. „Die sind wirklich unterirdisch.“ Eine neu gezüchtete Sorte von vielen, die nicht der Hit ist. Am Ende der Saison wird der Baum abgeholzt.

Seit zehn Jahren hegen Feindt und seine Kollegen von der Züchtungsinitiative Niederelbe (ZIN) einen Traum. Sie wollen eine neue Apfelsorte für das Alte Land züchten. In Deutschlands größtem Anbaugebiet, das sich entlang der Elbe auf niedersächsischer und Hamburger Seite erstreckt, wachsen auf knapp 9000 Hektar Äpfel. Rund 285.000 Tonnen werden durchschnittlich pro Jahr geerntet. Die wichtigsten Sorten sind mit einem Anteil von 60 Prozent Elstar und Jona Gold.

Doch das wird sich auf lange Sicht ändern müssen. „Da wachsen neue Verbraucher heran, die haben einen anderen Geschmack“, erläutert Matthias Görgens vom Obstbauzentrum in Jork. Zurzeit ist der säuerlich-süße Elstar der Lieblingsapfel der Deutschen. Doch bald könnte es ihm ergehen wie dem Boskop und dem Gloster, die nur noch von wenigen Liebhabern der älteren Generation gekauft werden. Denn junge Leute mögen es süßer und fester. Deshalb bevorzugen sie Sorten wie Braeburn, Gala oder Fuji.

Am Ende ist es beim Apfel genauso wie bei Joghurt oder Schokolade. „Der Kunde verlangt Neuheiten“, sagt ZIN-Geschäftsführer Ulrich Buchterkirch. Doch viele neue Sorten stammen aus südlichen Regionen, sind für den Anbau an der Niederelbe also nicht besonders gut geeignet. Außerdem gilt für einige Markenschutz. Bei sogenannten Clubsorten wie Pink Lady oder Kanzi bestimmt der Markeninhaber, wer diese unter welchen Bedingungen anbauen darf.

Wer unabhängig sein will, braucht also eine eigene Clubsorte. Und genau das wollen die 180 Obstbauern in der ZIN erreichen. Dabei hilft ihnen Werner Dierend, Professor für Obstbau an der Hochschule in Osnabrück. Er hat die Testsorten gekreuzt und aus den Kernen der Mutterpflanzen die Bäume für die Plantage in Balje aufgezogen. Immer mehrere von einer Kreuzung sind dort gepflanzt, keiner gleicht dem anderen. „Jeder Kern ist genetisch anders“, erläutert Dierend. Welche Eigenschaften dominieren, ist bei jedem Baum eine Überraschung.

An diesem Tag rücken er und Jacob-Hinrich Feindt mal wieder zur Kandidatenkür auf dem Testfeld aus. Mit einem weißen Jeep rollen sie langsam die langen Reihen ab. Feindt sitzt auf der Ladefläche, Dierend am Steuer. Konzentriert blickt der Wissenschaftler auf einen Computerbildschirm neben dem Fahrersitz. Ohne ihre Datenbank würden die beiden Experten schnell die Übersicht auf der Plantage verlieren. Am Anfang der Saison listete diese noch 3500 Bäume, die Feindt und Dierend bei jeder Fahrt zu begutachten hatten.

Mittlerweile hat sich das Feld mit den vermeintlichen Supersorten gelichtet. 490 sind noch im Rennen, eine Runde weiter werden es etwa 30 schaffen. Top oder Flop - da sind die Apfelkenner erbarmungslos. „Bei manchen ist das sofort klar, die fliegen gleich zu Anfang raus“, sagt Feindt. Mickriger Wuchs, zu wenig Blüten, winzige oder unregelmäßig geformte Äpfel, vernarbte Schale und Flecken sind Ausschlusskriterien. Doch beim Superapfel zählen nicht nur äußere Werte. „Die Schönheit ist schnell verpufft, wenn der Apfel nicht schmeckt.“

Feindt - Berufsschullehrer und leidenschaftlicher Apfelbauer - nimmt gerne mal einen prüfenden Biss. Aber nur wenn Professor Dierend nicht guckt. Denn das ist wissenschaftlich nicht standardisiert, wie dieser mahnt. Das geht nur im Labor. „Wir fahren jetzt bis Baum 133 vor“, ruft Dierend zu seinem Kollegen nach hinten. Von der Ladefläche aus greift Feindt in das dichte Blattwerk und inspiziert die Äpfel. „Die Grundfarbe ist aufgehellt, die werden wir jetzt ernten.“

Während er sechs Früchte pflückt und in einem Klarsichtbeutel verstaut, druckt Dierend ein Etikett aus. Reihe 59, Baum 133 und das Datum sind darauf vermerkt. Damit ausgestattet kommt die Tüte in eine der Kisten neben Feindt, in der sich bereits die Äpfel stapeln. Dierend wird am Abend alle mit nach Osnabrück nehmen. Dort müssen sie dann die nächste Hürde meistern.

„Eine 11 ist ganz selten.“

Sobald die Äpfel reif sind, probiert Dierend sie mit seinen Mitarbeitern. Sechs bis acht Sorten testen sie pro Tag. „Wenn wir mehr machen würden, würden wir irgendwann nichts mehr schmecken.“ Für den Geschmack vergeben die Experten Punkte von 1 bis 11. Alles unter 8 ist raus. „Wir haben schon hohe Ansprüche“, sagt Dierend. „Eine 11 ist ganz selten.“ Zwei Jahre hintereinander müssen die Superapfel-Anwärter das Auswahlverfahren meistern, erst dann kommen sie in die nächste Selektionsstufe.

Eine Baumschule in Belgien zieht aus den aussichtsreichen Kandidaten zehn Ableger. Mehrere Jahre stehen diese unter genauer Beobachtung. Wie entwickelt sich der Ertrag? Wie groß und schwer sind die Äpfel? Wie anfällig ist die Sorte für Krankheiten? Und natürlich der Geschmack: Zehn Testpersonen - Hochschulmitarbeiter und Studenten, also ganz normale Verbraucher - beurteilen unter anderem Aroma, das Säure-Zucker-Verhältnis, wie fest die Schale und wie saftig das Fleisch ist.

143 Sorten befinden sich zurzeit in dieser Phase, und es kommen weiterhin Neue dazu. Doch bald wird der Punkt erreicht sein, an dem sich Dierend und Feindt von den meisten Züchtungen verabschieden müssen. Leicht wird es ihnen nicht fallen. „Das ist dann unwiederbringlich“, sagt Dierend.

Im nächsten Frühjahr wird die ZIN einige der Favoriten an das Obstbauzentrum in Jork und andere Forschungsanstalten geben, um auch externe Bewertungen zu bekommen. In etwa fünf Jahren soll der Sieger dann feststehen. „Wir können nicht davon ausgehen, dass wir eine Supersorte finden, bei der alle Parameter stimmen“, sagt Feindt. Aber möglichst perfekt sollte sie schon sein: makelloses Aussehen, knackig, saftig und lange haltbar. „Der Apfel muss so gut sein, dass er sich im Supermarkt etabliert“, sagt ZIN-Geschäftsführer Buchterkirch. Und die Regalmeter dort sind hart umkämpft.

Rund 2500 Apfelsorten existieren heute in Deutschland. Nur ein Bruchteil davon sei wirtschaftlich bedeutend, sagt Henryk Flachowsky vom Dresdner Institut für Züchtungsforschung an gartenbaulichen Kulturen und Obst. Rubinette, Finkenwerder Herbstprinz und Jamba - zahlreiche Sorten aus dem Alten Land fristen bereits ein Nischendasein auf dem Wochenmarkt. Macht eine neue Sorte da überhaupt noch Sinn?

Eckart Brandt liebt ursprüngliche Apfelsorten, die aus dem Supermarkt findet er einfach nur wässrig. Auf seiner Plantage in der Nähe von Stade wachsen rund 300 alte Sorten aus Norddeutschland. „Die sind wirklich schön, aber haben alle eine Macke“, gesteht der Obstbauer. „Ich habe Äpfel die fantastisch schmecken, aber lausig im Ertrag sind.“ Andere haben ein tolles Aroma, sehen aber nicht schön aus oder umgekehrt. Ein Apfel, der alles kann - dafür könnte sich auch Brandt begeistern.

dpa/kas

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