Risiko: Handy am Steuer

Surfen bis es kracht

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Foto: Das Telefonieren per Handy ist – auf Empfehlung des Verkehrsgerichtstages – seit langem verboten. Es wird mit 60 Euro Bußgeld und einem Punkt in Flensburg geahndet.

Gosslar - Twittern, liken, sharen – immer mehr Autofahrer sind während der Fahrt mit dem Smartphone im Internet unterwegs. Experten warnen vor Ablenkung und Unfallgefahr.

Schnell eine SMS verschickt, ein Blick auf die neuesten Nachrichten, mal kurz zurückgeschrieben, eine andere Musik programmiert – das Smartphone gehört für viele Menschen inzwischen zum Alltag, auch wenn sie am Steuer sitzen. Das Risiko werde allerdings massiv unterschätzt, warnt der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR). Jeder vierte Autofahrer, so hat der Auto Club Europa ACE festgestellt, lässt sich im Fahrzeug von modernen Infotainment-Anwendungen ablenken. Die Folgen sind katastrophal: Bei jedem zehnten Verkehrsunfall, so schätzt der ADAC, spiele Ablenkung inzwischen eine entscheidende Rolle.

Man könne immer wieder erleben, dass Autofahrer Schlangenlinien fahren und sich offenbar für alles interessieren – nur nicht für den sicheren Umgang mit dem Fahrzeug, sagt der ADAC-Vizepräsident für Verkehr, Ulrich Klaus Becker. Sie seien damit eine Gefahr für sich selbst und für andere. „Wer mit Tempo 100 auf der Landstraße unterwegs ist und nur eine Sekunde lang unachtsam ist, legt etwa 27 Meter im Blindflug zurück - lange genug, um gegen einen Baum zu fahren oder in den Gegenverkehr zu geraten.“

Belastbare Unfallzahlen gibt es für Deutschland zwar nicht, weil die Polizei die Kategorie „Ablenkung“ bei der Unfallaufnahme nicht erfasst. US-Studien lassen nach Angaben des Verkehrssicherheitsrates allerdings den Schluss zu, dass das Schreiben oder Lesen von Textnachrichten beim Autofahren das Unfallrisiko um mehr als das 20-Fache erhöht, Telefonieren „nur“ um das Sechsfache. Fahrfehler durch Ablenkung, so beklagt der ADAC, haben aber auch hierzulande inzwischen „eine neue Dimension“ erreicht.

Das Gefährdungspotenzial werde ausgeblendet, stellt die Deutsche Akademie für Verkehrswissenschaft fest. Als Veranstalter des 53. Verkehrsgerichtstages in Goslar hat sie das Thema deshalb in dieser Woche auf die Tagesordnung gesetzt.

Das Telefonieren per Handy ist – auf Empfehlung des Verkehrsgerichtstages – seit langem verboten. Es wird mit 60 Euro Bußgeld und einem Punkt in Flensburg geahndet. „Das Handyverbot wurde erlassen, als das mobile Telefonieren noch in den Kinderschuhen steckte“, sagt Verkehrsgerichtstag-Präsident Kay Nehm.

Durch das Smartphone sei das Problem der Ablenkung jedoch noch viel größer geworden, sagt Nehm. Gefährdet sind vor allem junge Fahrer, die es gewohnt sind, über soziale Medien wie WhatsApp, Twitter oder Facebook zu kommunizieren, stellt der Verkehrssicherheitsrat fest. So habe rund ein Viertel der 18- bis 24-Jährigen bei einer Befragung eingeräumt, auch während der Fahrt SMS zu schreiben.

Dass die Rechtslage eindeutig ist, spielt für die jungen User offenbar keine Rolle: Ein Mobiltelefon darf während der Fahrt nicht benutzt werden. Der Gesetzgeber verstehe darunter nicht nur das Telefonieren, sondern auch das Schreiben von SMS oder das Einwählen in Internetdienste, stellt der DVR klar.

Abhilfe könnten technische Änderungen an den Geräten schaffen, glaubt der Auto Club Europa ACE. „Hier sind die Hersteller gefordert“, sagt Sprecher Rainer Hillgärtner. „Smartphones sollten künftig einen Autofahrermodus haben, der gewisse Dienste im Auto unterbindet, wenn sie die Verkehrssicherheit beeinträchtigen.“ Der Automobilclub von Deutschland AvD setzt auf „sprachgesteuerte Lösungen“.

Ein komplettes Smartphone-Verbot im Auto sei kaum realistisch, meint die Sprecherin der Deutschen Verkehrswacht, Hannelore Herlan. Die Einhaltung eines solchen Verbotes sei nicht zu kontrollieren.

dpa

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