Massenware statt Feinkost

Sushi-Boom bedroht Thunfische

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Foto: Der Blauflossenthunfisch leidet unter dem Sushi-Boom und ist vom Aussterben bedroht.

München - Sushi gilt als fettarm und gesund. Weil die Häppchen aus rohem Fisch und Reis auch noch gut schmecken, gibt es derzeit einen Sushi-Boom. Mit fatalen Folgen für die Blauflossenthunfische, die vom Aussterben bedroht sind, wie eine Kino-Dokumentation eindrücklich zeigt.

Sushi galt lange Jahre als exotische Delikatesse. Von einigen heiß geliebt, von anderen ebenso vehement verabscheut. Inzwischen haben sich die Menschen an rohen Fisch mit gesäuertem Reis gewöhnt, mehr noch: Sushi boomt. Sogar im Supermarkt und beim China-Imbiss um die Ecke kann man die Röllchen kaufen. Von Asien über die USA bis nach Europa schwappte die Welle des als gesund und fettarm geltenden Trendgerichts. Auch in China und Russland kommen immer mehr Leute auf den Geschmack. Mit schlimmen Folgen, wie Umweltschützer schon lange monieren. Größter Verlierer: Der vom Aussterben bedrohte Blauflossenthunfisch. Mark S. Hall hat ihm nun einen Dokumentarfilm gewidmet, in dem er nach Wegen sucht, den riesigen Meeresräuber trotz der Sushimania zu erhalten

„Sushi - The Global Catch“ (Kinostart 7. Juni) beginnt bei den Ursprüngen in Japan. Traditionsbewusste Sushi-Meister zelebrieren seit Jahrhunderten die Zubereitung der farbenprächtigen Fischhäppchen als Kunst. Wer sie erlernen will, durchläuft eine harte Schule. Rund zwei Jahre lang muss ein Lehrling Botengänge erledigen, abwaschen und Gemüse schnippeln, bis er zum ersten Mal mit dem Messer an den Fisch darf. Ab dem fünften Jahr darf er selber Sushi kreieren und erst im siebten Lehrjahr Kunden beraten und vor ihren Augen das Gewünschte herstellen.

Vom Blauflossenthunfisch sprechen hier alle mit Hochachtung. „In gewisser Hinsicht ist der Thunfisch der König der rohen Fische“, schwärmt der mit einem Michelin-Stern dekorierte Tokioter Sushi-Chef Mamoru Sugiyama im Film. Doch der majestätische Ruf hat seinen Preis, etwa bei den Auktionen auf dem berühmten Fischmarkt Tsukiji in der japanischen Hauptstadt. Gebote von 150 000 US-Dollar (120 000 Euro) und mehr für einen Fisch sind keine Seltenheit.

„Da gibt es immer wieder neue Rekorde“, sagt der Meeresbiologe und Greenpeace-Aktivist Thilo Maack. Große Händler sorgten zudem vor. „Sie frieren Tiere ein für die Zeit, wenn sich der Fang ökonomisch nicht mehr lohnt, um sie dann auf dem Markt zu werfen. Dann kann man jeden beliebigen Preis dafür verlangen.“ Trotzdem hat Maack Hoffnung, dass die Händler die Lage ernst nehmen: „Es geht offensichtlich ein Ruck durch die Industrie, die erkennt, dass sie an dem Ast sägt, auf dem sie sitzt“, vermutet er. Denn ohne Thunfisch kein Markt mehr.

Die Mast ist für Maack keine Alternative. Denn die Thunfische werden in kurzer Zeit mit riesigen Futtermengen hochgefüttert. „Für ein Kilogramm Thunfisch werden 25 Kilogramm andere Meeresfische benötigt“, sagt der Meeresbiologe, darunter bei Menschen beliebte Sorten wie Makrelen oder Sardinen. Außerdem werden die Fische als Jungtiere gefangen, lange bevor sie sich vermehren könnten.

Umweltorganisationen setzen daher auf die Verbraucher. „Den Blauflossenthunfisch sollte niemand mehr essen“, meint Britta König, Sprecherin beim Meeresschutzzentrum der Umweltstiftung WWF in Hamburg. Wer nicht nur vegetarisches Sushi essen will, kann etwa auf Gelbflossenthunfisch ausweichen, allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen. König rät, auf die Herkunft und die Fangmethode zu achten. „Am besten aus dem Westpazifik und mit Handleinen gefangen.“ Nicht ratsam: Die Ringwadenmethode, bei der ganze Schwärme eingekesselt werden und mit ihnen viele andere Tiere wie Schildkröten, Haie oder Delfine. Genaues Hingucken wünschen sich Umweltschützer bei allen Fischsorten, egal ob für Sushi oder Bratpfanne, etwa mit Hilfe von Einkaufsratgebern, wie sie etwa Greenpeace anbietet.

Doch ist es wirklich dramatisch, wenn eine Fischart ausstirbt? Es wäre verheerend für das gesamte Ökosystem Meer, sind sich Experten einig. Denn Blauflossenthunfische sind große Räuber, die durch das Fressen kleinerer Fische das sorgsam austarierte Gleichgewicht erhalten. Ohne sie gerät es komplett durcheinander. Das Artenspektrum würde sich verschieben, sagt Ulrich Karlowski von der Gesellschaft zur Rettung der Delfine in München. „Krebstiere und Quallen würden massiv zunehmen, Fischarten dramatisch zurückgehen.“ Das bestätigt auch WWF-Sprecherin König: „Irgendwann bleiben nur noch Quallen übrig.“

Fischer aus Japan raten Sushi-Fans zu Delikatesse statt Masse. „Man muss sich doch nicht den Bauch vollschlagen“, sagt einer von ihnen im Film. „Man kann auch nur eine kleine Menge genießen, drei Stücke sind doch genug.“

dpa

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