Entsorgung von Chemiewaffen

Wo syrisches Senfgas zu Wasser und Salz wird

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GEKA mbH Munster. Container für Senfgas-Reste

Munster - In der Lüneburger Heide entsorgt eine Firma die Überreste der gefährlichen Chemiewaffe aus dem Krisengebiet.

Schnurgerade führt die Panzerringstraße durch den Wald. Ab und zu knallt es hinter den Kiefern. Manchmal warnt ein rotes Schild vor „kontaminiertem Gelände“. Auf der Landkarte besteht die Landschaft aus grauer Fläche - rund um Munster in der Lüneburger Heide liegen riesige Truppenübungsplätze. Mittendrin entsorgt eine Firma Überreste von Senfgas aus Syrien.

Normalerweise kommt der Zoll nur einmal im Jahr auf das Gelände der GEKA, der Gesellschaft zur Entsorgung von chemischen Kampfstoffen und Rüstungsaltlasten mbH. Zurzeit kommt er einmal im Monat. Auch die Organisation für das Verbot chemischer Waffen lässt sich derzeit häufiger blicken als sonst.

Grund ist die Fracht, die am 5. September per Schiff in Bremen angekommen und mit zehn Lastwagen in die Heide gerollt ist: das Ausgangsmaterial für Deutschlands Beitrag an der Vernichtung syrischer Chemiewaffen.

Die Anlage läuft rund um die Uhr

Gefährliches Material: Die GEKA ist die einzige Einrichtung in Deutschland, die chemische Waffen und Kampfstoffe entsorgt. Alleingesellschafter und größter Auftraggeber ist das Bundesverteidigungsministerium. Aufgabe der GEKA ist die Entsorgung der Hinterlassenschaften beider Weltkriege, vor allem von Blindgängern und Arsen. Dabei arbeitet die GEKA unter Aufsicht der Organisation für das Verbot chemischer Waffen in Den Haag. Die Anlage läuft rund um die Uhr. Die GEKA wäscht kontaminierte Erde zu sauberem Sand und schließt Arsen hausmüllgerecht ein, außerdem sprengen Feuerwerker hier konventionelle und chemische Munition sowie zersägte Fliegerbomben. cg

Senfgas (S-Lost) heißt der Kampfstoff landläufig, dabei ist Senfgas gar kein Gas. Der Siedepunkt von S-Lost liegt über 200 Grad. Auf deutscher Seite zum ersten Mal 1917 im Einsatz, kann das honigartige S-Lost ganze Flächen und ihre Bewohner vergiften - Gasmasken als Schutz reichen nicht aus. Denn bei Berührung verbrennt die Haut, die chlorhaltige Verbindung greift Netzhaut und Schleimhäute an.

„Das, was bei uns ankommt, ist aber gar kein S-Lost mehr“, sagt Andreas Krüger und zeigt auf weiße Tanks hinter einem mannshohen Absperrzaun. Der promovierte Chemiker ist Geschäftsführer der GEKA, die Container stehen unter permanenter Videoüberwachung. Unter dem Asphalt liegen Auffangbecken für den Fall einer Havarie - falls von der gefährlichen Fracht etwas auslaufen sollte.

Gefährlich, aber nicht so gefährlich wie das im Krieg eingesetzte Material ist das, was die Chemikanten und Ingenieure in der Heide entsorgen. Es ist um ein Vielfaches mit Wasser verdünntes und chemisch umgesetztes Senfgas. Hydrolysat nennen die Fachleute das, entstanden an Bord des US-Frachtschiffs „Cape Ray“. 340 Tonnen Hydrolysat und 30 Tonnen verseuchte Schutzanzüge, Behälter und Masken müssen entsorgt werden: insgesamt 23 volle Container.

Ulrich Stiene ist für die Betriebstechnik zuständig und schüttelt zur Demonstration eine Glasflasche - er hat ein bisschen braune Suppe abgefüllt. Toxisch ist die Flüssigkeit zwar nicht mehr, ätzend aber schon. Steht sie lange genug, setzen sich unten Schwebstoffe ab. Stiene zeigt, wo die ehemalige Waffe verbrannt wird: im 900 Grad heißen Ofen.

Nachbrennkammer, Säurewaschturm, Basiswaschturm, Elektronass­filter: Die Feststoffe werden ausgeschlämmt, und was als Dampf aus dem rot-weißen Schornstein in die Luft über der Heide steigt, ist nur noch Wasser und unsichtbares Kohlendioxid. Der Rest wird im Vakuum bei 45 Grad gekocht - übrig bleiben Salze. Sie wandern anschließend in Fässern in eine Untertagedeponie in Thüringen.

Im Raum neben den Waschtürmen leuchten grüne, graue und blaue Balken auf einem Computerbildschirm. Sie zeigen die Werte unter anderem von Kohlendioxid, Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid und Quecksilber. „Die Daten gehen online direkt an die Gewerbeaufsicht in Celle“, sagt Stiene. „Die sehen immer ganz genau, was wir hier machen.“

Was in Syrien Senfgas war, ist in Munster Wasser, Kochsalz und Natriumsulfit.

Weniger als eine Million Euro kostet die Entsorgung der ehemaligen syrischen Waffen in Munster, fertig sein will die GEKA damit spätestens im Februar. Dann braucht auch der Zoll nicht mehr so häufig in die Heide zu fahren.

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