Psychiater in Haftanstalten

„Täter haben psychische Defizite“

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ARCHIV - Niedersachsens Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz (Bündnis 90/Die Grünen) steht am 29.01.2014 bei ihrem Besuch in der Justizvollzugsanstalt-Jungtätervollzug in Vechta (Niedersachsen) in einem Flur der Anstalt. Foto: Carmen Jaspersen/dpa (zu lni "Fluchten, Pech und Pannen: CDU schießt sich auf Justizministerin ein" vom 13.10.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Hannover - Aus der Zelle, auf die Couch und zurück ins Leben: Mehr Psychiater sollen Häftlingen in Niedersachsen vor einem kriminellen Rückfall bewahren. Ein Interview mit Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz.

Frau Niewisch-Lennartz, haben Sie im Kopf, wie viele Straftäter in Niedersachsen rückfällig werden? Nein. Es gibt Forschung, aber keine unmittelbar aussagekräftigen Rückfallstatistiken. Wenn ein Ex-Häftling aus Niedersachsen von einem Amtsgericht im Erzgebirge verurteilt wird, so wird das nicht automatisch der Justiz in Niedersachsen mitgeteilt.

Es gibt keine Lebensakte eines Straftäters, in der alles steht? Es gibt das Bundeszentralregister, wo man sieht, wer verurteilt wurde und wie lange. Aber eine Rückfallstatistik, aus der man sehen könnte, ob die Resozialisierung funktioniert hat oder nicht, das gibt es nicht. Doch eine Sache wird von allen im Strafvollzug gleichermaßen berichtet: Diejenigen, die psychische Auffälligkeiten haben, kommen häufiger zurück. Kriminalität, die auch auf psychischen Krankheiten beruht, wird durch den Vollzug kaum abgestellt. Die Straftäter sind danach genauso psychisch auffällig oder gestört.

Was wollen Sie tun? Wir müssen die therapeutische Versorgung in den Gefängnissen verbessern. Psychische Störungen sind häufig auch Krankheiten, und die sind zu behandeln. Mindestens genauso wichtig ist: Psychisch Kranke im Vollzug sind eine hohe Gefahr für die Bediensteten und für die Mitgefangenen. Der dritte Punkt ist die Resozialisierung und die Nachsorge. Psychisch kranke Menschen brauchen eine Anschlussbehandlung, wenn sie aus dem Gefängnis kommen. Sie sind dann eine geringere Gefahr für ihre Umgebung. Eine gute Resozialisierung ist der beste Opferschutz. Die Leute sollen nicht wieder bei uns an die Tür klopfen.

Psychische Krankheiten sind also bisher im Gefängnis nicht behandelt worden? Nur unzureichend. Wir brauchen für die vielen psychisch und psychiatrisch Auffälligen einfach mehr Behandler. Wir brauchen an jedem Standort psychiatrisch ausgebildete Krankenpfleger, die erkennen, dass ein Häftling einem Psychiater vorgestellt werden muss.

Das bedeutet, Gefängniswärter werden zu Krankenpflegern fortgebildet? Nein. Krankenpfleger, die es in jeder Vollzugsanstalt gibt, werden zu Fachkräften für Psychiatrie fortgebildet. Die ersten haben im Dezember angefangen.

Wie hoch ist denn der Anteil unter den Strafgefangenen mit psychischer Störung? 70 bis 80 Prozent. Die sind aber nicht alle so schwer krank, dass sie zum Psychiater müssen.

Das ist trotzdem viel. Das ist grotesk viel. Bei etwa 20 Prozent ist eine psychiatrische Behandlung erforderlich. In den Justizvollzugsanstalten bestätigen Ihnen das alle. Die können an bestimmten Arbeitsplätzen in den Gefängniswerkstätten auch nicht richtig arbeiten, weil das zu gefährlich ist. Das ist ein Problem.

Wie viele Leute brauchen Sie? Wir wollen landesweit 97 Behandlungsplätze schaffen. 16 Pfleger werden jetzt weitergebildet, weitere 17 folgen.

Sie sprechen bisher nur von Pflegern. Gibt es auch zusätzliche Ärzte? Im aktuellen Haushalt haben wir zusätzlich zwei Stellen berücksichtigt für neue Stationen in der Jugendanstalt in Hameln und in der Justizvollzugsanstalt in Oldenburg. Wir haben bereits zwei psychiatrische Stationen in Sehnde und in Lingen.

Wenn das so wichtig ist, warum bekommt nicht jede Justizvollzugsanstalt eine psychiatrische Station? Das können wir im Augenblick nicht darstellen. Aber es werden zwei bestehende Abteilungen erweitert und zwei neue geschaffen. Darauf können wir wirklich stolz sein. Wir sind damit bundesweit Vorreiter.

Und was kostet das? Das kostet die beiden Psychiaterstellen. Die Pfleger sind bei uns schon tätig, zumal wir ja zum Jahresende Justizvollzugsanstalten in Aurich und Salinenmoor schließen. Dazu Ende nächsten Jahres Braunschweig. Dadurch haben wir Personal, das wir an anderer Stelle einsetzen können.

Und irgendwann sind die Gefängnisse leer ... Das werde ich wohl nicht mehr erleben. Es wird nie leere Justizvollzugsanstalten geben.

Interview: Karl Doeleke

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