Umstrittenes Buch

Theo Zwanziger kämpft um sein Vermächtnis

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Foto: Angriffslustig: Der frühere DFB-Chef Theo Zwanziger in Berlin.

Berlin - Es geht um Freundschaft, sagt Bernd Schröder. Deshalb ist der Trainer der Fußball-Frauen von Turbine Potsdam direkt nach dem Spiel seines Teams zur Buchvorstellung des Erinnerungsbandes von Theo Zwanziger nach Berlin geeilt.

Schröder will dem früheren DFB-Präsidenten beistehen in einer aufgeheizten Situation, die dieser selber herbeigeführt und befeuert hat. Theo Zwanziger hat ein Buch über seine Zeit an der Spitze des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) geschrieben, über das die Fußballwelt heftig diskutiert. Von Indiskretionen ist die Rede, von persönlichen Angriffen gegen Uli Hoeneß vom FC Bayern München und gegen seinen Nachfolger Wolfgang Niersbach. „Die Zwanziger Jahre“ (Bloomsbury Berlin, 368 Seiten, 19,99 Euro) heißt das Buch, ein Kalauertitel, bei dem jedem sofort die Assoziationen „golden“ oder „wild“ einfallen, je nachdem.

Theo Zwanziger ist nichts davon. Der 67-jährige Jurist nennt sich „mehr oder weniger Privatmann“, seit er im März als DFB-Präsident von Niersbach abgelöst wurde. „Meine Zeit im Sport ist zu Ende“, sagt Zwanziger. Er sitzt allerdings noch bis 2013 im Exekutivkomitee des europäischen Fußballverbandes UEFA, bis 2015 läuft sein Mandat bei der FIFA. Das macht das Buch und den Streit darum noch pikanter. „Die Zwanziger Jahre“ muss man als Vermächtnis lesen. Nicht nur Zwanziger-Freund Bernd Schröder aber fragt sich, was die „primäre Motivation“ gewesen ist, gemeinsam mit dem Koblenzer Sportredakteur Stefan Kieffer 330 Seiten Erinnerungen niederzuschreiben.

Der Grundton ist beleidigt und unterschwellig aggressiv. Zwanziger räumt Fehler ein, etwa bei der völlig verkorksten Vertragsverlängerung mit Jogi Löw als Bundestrainer 2009, in der Affäre um den Schiedsrichterbetreuer Manfred Amerell und in den Prozessen, die Zwanziger gegen den Sportjournalisten Jens Weinreich angestrengt hat. Aber die größeren Fehler haben für ihn immer die anderen gemacht – der beleidigende Hoeneß, der gierige Bierhoff, der unsensible Niersbach.

Es ist schwer, Theo Zwanziger beim Kampf um sein Vermächtnis wohlwollend zu betrachten. Auch wenn er in der Sache recht haben mag. Bei der Buchvorstellung schießt er mal höhnisch-ironisch gegen seinen Intimfeind Hoeneß, mit dem er seit den ersten Vorabveröffentlichungen eine Fehde austrägt: „Der lobt doch nur, da gibt es gar nichts anderes.“ Mal lacht er bitterböse auf, als er seine Unterstützung für Sepp Blatter, den angeschlagenen Präsidenten des Weltfußballverbandes FIFA, begründen soll: „Wer war denn der Gegenkandidat? Bin Hammam aus Katar, hätte ich den wählen sollen? Das ist doch völlig realitätsfremd.“

Theo Zwanziger gilt als der Mann, der dem DFB ein gesellschaftliches Gewissen hinzugefügt hat. Ehrenamt, Integration, Frauenfußball, Nachwuchsarbeit, der Kampf gegen Rassismus und Homophobie, das waren Zwanzigers Themen als Präsident. Das CDU-Mitglied Zwanziger ist eng befreundet mit der Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth, das brachte ihr den Posten der DFB-Beauftragten für Umwelt und Klimaschutz ein und beiden eine skurrile Reise nach Nordkorea. Bei der Buchvorstellung sitzt sie neben ihm. Streckenweise sieht es so aus, als stützen sich zwei Geprügelte der vergangenen Woche gegenseitig.

Zwanzigers Buch ist eine Verteidigungsschrift gegen den DFB, der sich nun wieder aufs „Kerngeschäft“ konzentrieren will. Der Leser merkt es schon an den erstaunlich kurzen, eher kritischen Passagen über die Leistungen der Nationalmannschaft 2006, 2010 und 2012: Hier schreibt jemand, für den Fußball nicht nur das ist, was im Fernsehen zu sehen ist. Sondern vor allem das, was sich jedes Wochenende auf Tausenden von Asche- und Kunstrasenplätzen abspielt.

Uli Hoeneß hat Theo Zwanziger prophezeit, sich mit dem Buch in die Isolation geschrieben zu haben. Aber allein ist der Autor noch nicht. Zu ihm stehen die, die befürchten, dass der DFB den Amateurfußball und dessen Nöte vergisst. Der 86-jährige Otto Höhne etwa, Ehrenpräsident des Berliner Fußballverbandes, der eine flammende Zwischenrede hält: „Wir müssen den Fußball zusammenhalten!“ Bernd Schröder, der knorrige Frauentrainer, formuliert es deutlicher: „Dem DFB ist es inzwischen scheißegal, was unten bei den Amateuren passiert.“

Jan Sternberg

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