Erkundungsbergwerk Gorleben

Der tiefe Frust des Peter Ward

+
Foto: „Das ist der am besten untersuchte Salzstock der Welt“: Nur bei besonderen Anlässen übernimmt Peter Ward die Führung von Besuchergruppen durch die unterirdischen Gänge Gorlebens.

Gorleben - Der Betriebsratsvorsitzende des Erkundungsbergwerks von Gorleben, Peter Ward, versteht nicht jede Entscheidung, die oben gefällt wird.

„Ach“, sagt Peter Ward, „Bergbau ist die eine Sache, Geologie die andere.“ Und dann – Ward macht eine Pause – „dann gibt es noch die Welt der Politik“. Manchmal komme es zu Kollisionen. Und die Geowissenschaftler frage dann keiner mehr nach ihrer Meinung, sagt der sympathische Mann, der heute die Führung einer internationalen Schülergruppe in den Gorlebener Salzstock selbst übernommen hat. „Weil ich als gebürtiger Engländer meine Muttersprache noch nicht ganz vergessen habe.“ Es könnte sein, dass es seine letzte Führung ist. Denn bald werden keine Politikerdelegationen und Schulklassen mehr in den Schacht einfahren, der zu den umstrittensten Projekten dieser Republik zählt.

Die Kollision, an der Ward immer noch innerlich arbeitet, hat sich am Dienstag ereignet. In aller Freundlichkeit und Unmissverständlichkeit. Oben. Nicht unten im Schacht. Da haben der Berliner Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth und Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel verkündet, dass die Arbeiten im Gorlebener Erkundungsbergwerk gänzlich eingestellt werden sollen. „Da haben wir im Betriebsrat mächtig zu knabbern gehabt“, sagt Ward, der seit etlichen Jahren Betriebsratsvorsitzender und Vertrauensmann der Bergleute ist. Denn die Entscheidung mache 35 Jahre Arbeit zunichte. Ohne Diskussion. „Man will das Wort Gorleben einfach nicht mehr hören.“

„Gorleben“ ist ein sehr deutsches Wort für einen sehr deutschen Konflikt. Für den Streit um die Atomkraft. Für die 15 Schülerinnen und Schüler, die mit ihrer Betreuerin Franziska Reuter in den 840 Meter tiefen Schacht rauschen, ist dieser Konflikt neu. Sie kommen aus Spanien, Italien, aber auch aus Argentinien und Algerien und halten sich für eine Woche in Hitzacker in einem Feriencamp des Lions-Club auf. Sie hängen, zumindest die erste Stunde, an den Lippen des freundlichen Deutschbriten, der sie hier unten an Salzblöcken und feinen Ölspuren riechen lässt. Und sie erleben einen Geowissenschaftler, der für zwei Stunden seinen großen Frust vergisst, der aufblüht, wenn er die Charakteristik dieses großen, „heilen“ Salzstockes erklärt, der seit 22 Jahren akribisch vermessen, erforscht, analysiert werde. „Ich kenne Minen in Südamerika, kleine enge Minen, das hier macht einen ganz anderen, ja fast ruhigen Eindruck“, sagt die angehende Lehrerin Franziska Reuter. Sie zeigt sich beeindruckt von den Erläuterungen Wards.

„Diese Maschine hier“, sagt Ward und zeigt auf eine riesige, blaue Bohrmaschine, „wurde extra für uns gebaut, wir haben zwei davon, sie haben sieben Millionen Euro gekostet.“ Sie sind nie in Betrieb genommen worden. Ein Jammer, findet Ward, der es nicht fassen will, dass man „jetzt so tut, als wüsste man nichts über diesen Salzstock, der einer der besterforschten in der ganzen Welt ist“. Undichtes Deckgebirge? Geologisch unsicher? Ward hebt an, argumentiert, versucht zu widerlegen. Er hat sie alle, die Antiatomaktivisten, eingeladen, sich selbst ein Bild zu machen. Sie sind nicht gekommen. „Das ist doch perfide, man will Vertrauen schaffen, indem man uns nicht mehr erlaubt, den Schacht zu zeigen. Einfach dichtmachen, was hat das mit Vertrauensbildung zu tun? Was mich am meisten besorgt, ist, dass man das hier in harter Arbeit gewonnene Wissen einfach nicht nutzt“, sagt der Betriebsrat. Und wirkt für einen Moment bitter.

Peter Ward ist viel herumgekommen in der Welt der Geowissenschaftler. War für Prakla-Seismos in Lybien, Nigeria, Holland und Italien. „Mit Englisch als Muttersprache haben sie mich stets herumgeschickt.“ Seit 22 Jahren ist er in Gorleben, hat es auch zu „seinem“ Standort gemacht. Dreimal habe er den Abbruch von Arbeiten erlebt, die schwierige Suche, wieder kundiges Personal zu finden oder auszubilden. „Wir waren zu Hochzeiten 240 Leute hier.“ Jetzt sind es noch 120. In zwei Jahren wird hier unten fast gar nichts mehr sein.

„Jetzt“, sagt Peter Ward, „sind die Kritiker an der Macht. Aber wer kritisiert eigentlich die Kritiker?“ Dem folgen die Gäste nur teilweise in dieser sehr deutschen Diskussion.

Nächstes Jahr beginnt die Räumung

Das Erkundungsbergwerk Gorleben soll zu Beginn des kommenden Jahres geräumt werden. Die große unterirdische Werkstatt soll aufgelöst werden, die extra für den Schacht entwickelten Bohrgeräte sollen herausgebracht werden. Dafür sind zwei Jahre eingeplant, in denen die 120 Beschäftigten mit dem Einmotten der Anlage beschäftigt sein werden. Was aus den Bergleuten und Wissenschaftlern dann wird, ist unklar. Betriebsratsvorsitzender Peter Ward sieht hier den Staat in der Verantwortung, denn der habe den Abbruch des Projekts beschlossen. Ward hätte gern ein reines Forschungsbergwerk aus Gorleben gemacht, denn noch nie sei ein Salzstock so akribisch erforscht worden. Der Beschluss, in Gorleben ein mögliches Endlager für hochstrahlenden Müll einzurichten, wurde 1979 gefasst. Er ist jetzt aber durch die neue Endlagersuche infrage gestellt. Allerdings hat der Staat darauf verzichtet, die Schächte mit Salz zu verfüllen, wie es Atomkraftgegner gefordert hatten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare